Robert Kiesel hat seine landespolitische Zukunft hinter sich. Er hat es so gewollt, er hat seine Gründe dafür. Es war ein Abschied auf Raten. Seine letzte Besuchergruppe hat der 62-Jährige am 7. Juni in München begrüßt, seine letzte Sitzung im Landtag wenig später ist vorbei, dem neuen Parlament gehört er nicht mehr an. Aus gesundheitlichen Gründen hat er nicht mehr kandidiert.

Sein Nachfolger Sandro Kirchner (38) als Direktkandidat war auch sein Wunschbewerber. Denn er kennt ihn schon lange und schätzt ihn sehr. Er sei fleißig, zuverlässig, bodenständig, kompetent und kantig.

Das sagen seine Anhänger auch Robert Kiesel nach. Er war etwa im selben Alter wie Kirchner heute, als er erstmals in Bayerns Landtag nachrückte; als Nachfolger von Herbert Neder, der zum Landrat gewählt worden war. Das war im Mai 1990.

In seinem Arbeitszimmer stehen das Modell eines Ackers mit mehreren Traktoren und drei Porzellan-Löwen mit weiß-blauem Rautenschild. Sie symbolisieren, was Robert Kiesel war und ist: Politiker und Bauer - beides mit viel Herzblut. Und in beiden Bereichen hat er Karriere gemacht. Robert Kiesel ist nicht nur erfolgreicher Landwirt, er war auch Kreisvorsitzender des Bayerischen Bauernverbandes. Für die CSU hat er hervorragende Wahlergebnisse erzielen können. Die Kombination machte ihn unabhängig, die Tätigkeit als Bauer sorgte außerdem für Bodenhaftung.


Vieles, nicht alles erreicht

Der Abgeordnete a. D. kommt wie immer schnell auf Betriebstemperatur, wenn es politisch wird. Seine Bilanz der vergangenen 23 Jahre als Volksvertreter: "Insgesamt habe ich meinen Beitrag geleistet und mit bestem Wissen und Gewissen für die Region das Machbare rausgeholt, aber nicht alles erreicht."

Auf der Habenseite listet er seine Rolle im Kampf um einen ausgeglichenen Haushalt auf. Denn so habe es nicht weitergehen können. Er habe kein Problem mit Krediten für Investitionen, aber "es kann keine Sozialpolitik auf Pump geben". Man müsse mit öffentlichen Geldern umgehen wie mit den eigenen.

Außerdem habe er daran mitgearbeitet, dass der Freistaat sich verantwortlich fühlt für seine Bauten in der Region. Er habe sich für die A 71 eingesetzt und für das Breitband auf dem Land. Das sei so wichtig, wie einst Eisenbahn und Straßen. Nächtelang habe er mit dem damaligen Finanzminister Erwin Huber um eine Sanierung des Regen tenbaus gerungen. Damit Dorint in Bad Brückenau geblieben ist, habe er mit dem Vorstand intensive Gespräche geführt.


"Eine einzige Katastrophe"

Da sieht er gewisse Parallelen mit Steigenberger in Bad Kissingen: "Das ist eine einzige Katastrophe für mich." Da habe die FDP viel Schuld daran. Der Staat sei in der Pflicht, müsse notfalls selber einsteigen, der habe auch eine Vorbildfunktion.

Auch habe er 1994 verhindert, dass das damalige staatliche Hochbauamt aus Bad Kissingen abgezogen und die "Villa Hailmann" verkauft werden sollte. Das hatte das Kabinett schon beschlossen. Der damalige Innenminister Beckstein habe es "nie überwunden", dass diese Entscheidung gekippt wurde.

Da ist auch noch das Behördenzentrum im Luitpoldbad, das er auf den Weg gebracht hat.

Nicht durchgesetzt hat sich Robert Kiesel in der Gesundheitspolitik; "da habe ich mir die Hacken abgelaufen." Er wollte die Prävention stärken, die Nutzer sollten dafür einige Urlaubstage einbringen. Auch zu der von ihm 1998 angestoßenen Kur-Entwicklungsachse vom Bad Kissinger Golfplatz bis zum geplanten Bad Bockleter Badesee ist es nicht gekommen.


"Nie nach Höherem gestrebt"

Robert Kiesel ist keiner, der aus einem kleinen Polit-Pupser gleich einen PR-Orkan macht. Er hat lieber im Stillen gewirkt. Nach höheren Ämtern - Staatssekretär oder gar Minister - habe er nie gestrebt: "Ich mag es nicht, wenn in meine Arbeit hineinregiert wird." Sein Verhältnis zum damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber nannte er einmal gut, aber nicht herzlich. Und wer in der Amigo-Affäre in einer Illustrierten den Landesvater Max Streibl (†) abschellt, macht sich damit nicht wirklich Freunde in der CSU.

Robert Kiesel war das ziemlich gleich. Nicht egal war es ihm, dass ihm der Vorsitz des mächtigen Haushaltsausschusses entgegen Absprachen verwehrt wurde. Auf den Rat seiner Familie hin hat er sich dennoch beworben, um nicht als feige zu gelten. Die Niederlage hat er als Demokrat geschluckt, aber Konsequenzen gezogen: Vize wollte er auch nicht mehr sein.

Ihn stört, dass "vieles erst angegangen wird, wenn es stinkt". Statt Besitzstände zu wahren, müssten neue, attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden. Er vermisst die sachlich-fachliche Diskussion. Vieles sei nicht durchdacht, werde nur noch abgenickt und nicht mehr - im positiven - erstritten. Robert Kiesel sagt, es sei ihm immer um die Sache gegangen. Wenn viele ihre persönlichen Belange in den Vordergrund stellten, sei das tödlich für die Demokratie.


Schön, interessant und schwierig

Er ist vielen in harten Verhandlungen heftig auf die Füße getreten und bei seiner Meinung geblieben. Das konnte er, weil er dank seiner Landwirtschaft immer unabhängig war.

Er sei sich stets treu geblieben. Denn "wenn ich vorwärts kommen will, brauche ich kritische Leute und keine Speichellecker". Das hat oft nicht allen gefallen. Aber man habe immer gewusst, woran man mit ihm sei. Ein Ministerialbeamter hat ihm einmal geschrieben, am liebsten hätte er ihn damals vergiftet. Nun aber zeige sich, dass Robert Kiesel Recht gehabt hat. Er sei noch viel zu zaghaft gewesen, als es um Verwaltungsreform und Entbürokratisierung ging. Und es freut ihn, wenn Parlamentarier anderer Parteien ihm zum Geburtstag gratulieren.

Es sei eine interessante, eine schöne und oft auch schwierige Zeit gewesen. Und: "Es hat mir riesigen Spaß gemacht. Dann hat der Spaß nachgelassen." Auch aus gesundheitlichen Gründen habe er nicht mehr kandidiert.
O-Ton: "Ich wäre sicher viel weiter gekommen, wenn ich stromlinienförmig gewesen wäre. Aber ich kann noch in den Spiegel schauen." Im Nachhinein sei er zufrieden, wie es gelaufen ist, "da hat der Schutzengel die Hand über mich gehalten."


Reisen und die Enkel

Seinem Nachfolger Kirchner wolle er nur einen Rat geben, wenn dieser ihn frage. "Ansonsten werde ich mich hüten."

Und was macht der Privatmann Kiesel künftig? "Ich werde gerne meinen Sohn in der Landwirtschaft unterstützen." Gemeinsam mit Ehefrau Hiltrud, die ihn immer bedingungslos unterstützt hat, will er noch einige Reisen und Kreuzfahrten unternehmen. Er träumt von einem Trip an den Nordpol oder einer Tour durch Südafrika.
Und da gibt es noch die Enkel Emilia (neun Monate) und Valentin (drei Jahre). Da bekommt Robert Kiesel leuchtende Augen. Allerdings: "Der Opa macht nicht alles." Dass er auch hier seiner Linie treu bleibt, ist eher unwahrscheinlich.