Auch der Theaterring nähert sich dem Höhepunkt des Faschings 2016. Und so gab es für sein Publikum viel zu lachen bei der französischen Komödie "Der Vorname" im Kurtheater. Aber er gehört zum Kultur-, nicht zum Kissinger Kabarettprogramm. Und so bemerkten die Zuschauer sehr rasch, dass da nicht nur eine schlagkräftig Pointe auf die andere folgte, sondern dass in diesem Stück durchaus das verhandelt wird, was sich der Theaterring zeigen will: aus dem wirklichen Leben gegriffene Beobachtungen der Spezies Mensch, die zum Diskutieren, Nachdenken anregen können. Die beiden Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière sind gewiefte Dialoglieferanten für das französische Fernsehen und den Film, und so folgte auf die Uraufführung des Stücks 2010 in Paris schon 2012 die ebenfalls sehr erfolgreiche Filmversion.
So jung wie das Stück, so aktuell sind seine Themen, die nicht etwa brav entfaltet werden, sondern eher explodieren bei dieser Abendessenseinladung im intimsten Kreis.


Abendfüllender Streit

Es treffen sich in der Wohnung der Lehrerin Elisabeth und ihres Manns, des Literaturprofessors Pierre, ihr Bruder Vincent, Immobilienmakler, seine schwangere Lebensgefährtin Anna sowie der irgendwie auch seit der Kindheit zur Familie gehörende symphonische Posaunist Claude. Und es entzündet sich, emotional hoch geladen und absolut witzig zu beobachten, ein abendfüllender Streit: Darf eine Frau die Dankbarkeit ihres Ehemannes einfordern, wenn sie auf seinen Kinderwunsch hin ihre Uni-Karriere aufgibt? Wie kommt er darauf, dass sie allein Haushalt und Kinder versorgen muss? Dürfen Geschwister ausrasten, wenn sie erfahren, dass ihre Mutter einen wesentlich jüngeren Lover hat? Wie albern sind gesucht ausgefallene Vornamen wie "Adonas" und "Athena"? Und - als Titellieferant des Stückes und Ausgangspunkt der turbulenten Party: Darf man in heutigen Zeiten sein Kind noch "Adolf" oder "Adolphe" nennen?
Nur Anna bleibt von der im Raum stehenden Frage verschont: Wieso raucht die im fünften Monat Schwangere ununterbrochen? Die anderen, vor allem Vincent und Pierre, kämpfen nach genau festgelegten Regeln ein altes Spiel, Vincent als Provokateur, Pierre als über den Dingen stehender Professor, Claude als passiver Beobachter und Elisabeth als Anklägerin der sie ständig ausschließenden Männer.


Treffsichere Dialoge

Es gibt viele, auch sehr schmerzhafte Blessuren, nicht nur für den skrupellosen Witzbold Vincent. Und man hat über die lächerlichen Eigenheiten und Fehler, über die Beziehungen und Probleme der Paare und über ihre pseudo-linksliberale Denkweise so viel erfahren, dass man nach all den schockierenden Eröffnungen, die es an diesem Abend regnet, Vincents Fast-Schlusswort zu glauben geneigt ist, dass nach diesem Abend nichts mehr in Ordnung sein kann zwischen ihnen.
Doch komödienhaft-versöhnlich schließt das Ganze mit einem Ausblick auf die Tauffeier des Kindes von Vincent und Anna.
Raffiniert ist dieses Stück gebaut, treffsicher sind seine Dialoge. Und gespielt wurde dieses Dauer-Redegefecht von Schauspielern, die ihre Rollen perfekt rüberbringen konnten. In der für die Sorgfalt der Dekorationswerkstätten des Hauses Landgraf typischen Ausstattung von Marlies Frese ging das auf Tempo und gut herausgearbeitete Überraschungseffekte hin von Ulrich Stark inszenierte Abendvergnügen als ein Lachmuskeln und Hirntätigkeit anregender Wirbelsturm über die Bühne.
Bei Vincent, dem selbstbewussten Zentrum dieses Sturms, selbstgefälligen Bluffer und Angeber, fragte man sich nur, warum Martin Lindow seinen Part in einem vor allem im ersten Teil nervenden Singsang mit aufsteigender Stimme an jedem Satzende gab (falls das nicht seiner schweren Erkältung geschuldet war). Im zweiten spielte er die Demontage des aalglatten Gesellschaftslöwen sehr eindrücklich und absolut überzeugend.
Christian Kaiser stellte als Pierre absolut stimmig dessen arrogante, selbstgefällige Zufriedenheit, seinen unerschütterlichen Glauben an seine durchaus richtige Position in seiner Familie und seine Unfehlbarkeit dar, ein Intellektuellen-Macho, der sich auch durch Elisabeths häufige Beschwerden und Anschuldigungen kaum aus dem Gleis bringen lässt, unachtsam gegenüber den Rechten seiner Frau, weil er alle Weltprobleme ja schon theoretisch gelöst hat.
Benjamin Kernen hielt sich als Claude trotz einiger spitzer Bemerkungen zunächst sehr bedeckt, häufig mit dem Rücken zum Publikum und im Hintergrund agierend, bis er mit seinem großen Showdown, den das Ensemble absolut spannend zelebrierte, alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte - und das glaubwürdig und eindringlich.
Auch für die beiden Schauspielerinnen gab es eine Choreographie: die der möglichst bühnenweiten Entfernung, denn Anne Weinknecht als Elisabeth und Julia Hansen verkörpern zwei völlig unterschiedliche Frauentypen. Stachelig, unnahbar, selbstbezogen hält sich Frau Hansen fern von den Riten der alten Kämpen, fertigt nur ihren Liebhaber und Vater ihres Kindes ab, als es ihr zu bunt wird. Anne Weinknechts Elfriede war sehr anschaulich die geplagte, immer wieder in Küche und Kinderzimmer geforderte Hausfrau, ständig um Harmonie bei ihren Lieben ringend, bis sie am Schluss ihren großen Auftritt, ihren großen Ausbruch hat, der aber, bittere Ironie des Stücks, so wenig bewirkt, dass sie resigniert zu Bett geht.


Heftiger Beifall

Ein Stück nur über die modernen französischen Intellektuellen? Wohl auch wegen seines großen Erfolgs in Deutschland nicht nur. Über auch unsere Gesellschaft? In Teilen ganz gewiss. Auf jeden Fall ein spannender, abwechslungsreicher Theaterabend, bei dem sich unter viel Gelächter Abgründe auftaten, die viele im Publikum wiedererkannten. Sie bedankten sich bei der Truppe mit heftigem, dann rhythmischem Beifall, den erst die Schauspieler beendeten, weil eine von ihnen zum Zug musste.