Der Mai gilt als Wonnemonat in der Natur- in Feld und Flur tummeln sich Jungtiere. Auch der Mensch wird aktiv: Landwirte können erstmals ihre Wiesen mähen. Doch all zu oft sind die scharfen Klingen das Todesurteil für Rehkitze, die im hohen Gras Schutz suchen.
Die zeitliche Überschneidung der Jungtieraufzucht in der Natur und der Frühjahrsmahd stellt Jäger und Landwirte vor besondere Aufgaben: "Das Wild muss vergrämt - also verscheucht werden, so dass es nicht zu Verlusten in der Population kommt", erklärt Thomas Schreder, der beim Bayerischen Jagdverband e.V. für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.


Angeborenes Verhalten gefährlich bei der Mahd

Der Grund dafür liegt im Verhalten der Rehkitze. "Die Tiere verfügen über einen Drückinstinkt in den ersten Tagen. Das heißt, sie drücken sich in die Wiese, weil sie noch nicht fluchtfähig sind und der Geiß nicht folgen können", erläutert der Kissinger Veterinär Dr. Helmut Fischer. Durch die Fellzeichnung, das Fehlen einer Witterung und dem Verstecken in der Wiese könnten die Jungtiere zwar den meisten Fressfeinden entgehen. Aber: "Die Kitze drücken sich nicht nur bei Fressfeinden wie Füchsen in die Wiese - sondern auch bei landwirtschaftlichen Maschinen, etwa bei Traktoren mit Kreiselmähern", führt der Veterinär aus. Ein Entkommen gebe es für das Tier dann in den seltensten Fällen. "Was in der Natur schützt, kann beim Mähen tödlich sein", fügt Schreder an.


Absprache ist das "A" und "O"

Daher müssen die Mahdtermine mit den Landwirten abgesprochen werden, betont Fischer, der auch als erster Vorsitzender des Jägervereins in Bad Kissingen aktiv ist. "Die Jägerschaft muss Hand in Hand mit der Landwirtschaft zusammenarbeiten", appelliert er. "Ohne Absprache mit den Jägern ist eine jungtierschützende Mahd nur eingeschränkt möglich", stimmt Markus Peters, Pressesprecher beim Bayerischen Bauernverband, zu. Wie die Kooperation aussehen kann, erklärt Edgar Thomas. Der 52-Jährige aus Nüdlingen bearbeitet als Landwirt insgesamt 60 Hektar Grünland und 300 Hektar mit Ackerbau.

"Die Termine werden abgesprochen, dann begehen wir Landwirte die Wiesen, wir wissen ja, wo das Wild liegt. Je nach Fläche gibt es dann unterschiedliche Mähstrategien." Ideal sei es, von der Feldmitte in einer Schneckenhausform nach Außen zu mähen. "So wird das Wild nicht in die Enge, sondern aus dem Feld gedrängt", weiß der Kreisobmann.

Dass es sich hierbei um ein Thema von aktueller Brisanz handelt, zeigt der im April von der CSU im bayerischen Landtag gestellte Dringlichkeitsantrag "Mähtod bei Wildtieren nachhaltig reduzieren". Auch das Landwirtschaftsministerium hat den Ernst der Lage erkannt und Fördergelder zur Verfügung gestellt, die Landwirte, Jagdgenossenschaften und Jäger für die Anschaffung von Vergrämungsgeräten beantragen können.


"Parfum" und Hightech, um Kitze zu retten

"Die Vergrämung kann viele Seiten haben", betont Schreder. Im Idealfall sollten die Jäger erst wenige Tage vor dem Mähen eingreifen. "Die Tiere gewöhnen sich sonst zum Beispiel an das Flatterband - und bleiben in der Wiese", erläutert er. Neben speziellen Fahrmustern beim Mähen oder akustischen Signalgebern sei heutzutage vieles möglich: "Mancher Landwirt arbeitet mit der Verstänkerung, da wird eine biologisch abbaubare Essenz stellenweise ausgebracht, die den Geruch von Fressfeinden imitiert", informiert der 51-Jährige.

Moderner sei nur der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras: "Die Fläche wird zunächst kartiert, danach fliegt die Drohne das Feld ab. Die verschiedenen Wärmemessgrade werden dann an einen Helfer weiter geleitet, der über einen GPS-Tracker zum Kitz hingeführt wird." Anschließend könne das Kitz fachkundig geborgen werden.

Einen Königsweg zur Schadensreduzierung gebe es nicht, betont Schreder vom BJV. "Hundert Prozent Sicherheit für die Kitze , Bodenbrüter oder Kleinsäuger gibt es aktuell nicht. Man kann also aktuell eher über einen Weg zum Königsweg sprechen." Dieser müsse über Absprache, Zusammenarbeit und möglichst effektive Vergrämung laufen", konstatiert der 51-Jährige.




Infobox:

Aus Tierliebe kommt es immer wieder vor, dass Wanderer oder Spaziergänger Rehkitze berühren oder sogar mit nach Hause nehmen. Es sei wichtig, dass das Jungtier nicht berührt werde, betont der Veterinär Dr. Fischer. Die Rehgeiß erkenne das Kitz ansonsten nicht mehr als ihr eigenes an, was dazu führe, dass das Tier nicht mehr gesäugt wird und verhungert. Außerdem sollten Hunde bei Spaziergängen angeleint werden. Stößt man auf ein Rehkitz sollte der zuständige Jagdpächter oder die Polizei informiert werden.

Weitere Tipps für den Ernstfall finden Sie unter:

Kitzrettung-hilfe.de


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