Straßennamen einer Stadt führen über kurz oder lang direkt in die Stadt- oder Landesgeschichte. Kreisheimatpfleger Werner Eberth hat über Spuren Bad Kissingens im Straßennetz der Bundeshauptstadt Berlin geschrieben. Das brachte Dieter Jonas auf die Idee, nach weiteren Spuren des einstigen Weltbades Kissingen in Deutschland zu suchen. Und er fand einige. Seine Ergebnisse fasste er in einer Aufstellung zusammen.

Detmold

In der ehemaligen Residenzstadt Detmold ist es die "Kissinger Straße". Im Jahre 1866, vor 150 Jahren, tobte der Bruderkrieg, von Preußen angezettelt. Ein bedeutendes Gefecht fand zwischen Kissingen und Winkels statt, an dem das lippische Füsilier-Bataillon mit 996 Mann beim Mainfeldzug an der Seite Preußens gegen Bayern kämpfte. In der Schlacht wurden 13 Soldaten getötet, darunter der Bataillonskommandeur Major Carl Heinrich August Rohdewald (geb. 1821-1866), weitere elf lippische Schützen starben im Lazarett. Die Kissinger Straße erhielt am 12.10.1905 ihren Namen. In Bad Kissingen erinnert der Straßenname "Rohdewald" an die Ereignisse.

Leipzig

Im jetzigen Stadtbezirk Leipzig - West wurde 1928 für die Grünau-Siedlung ein Bebauungs-plan erstellt. Danach wurden die Kissinger Straße sowie weitere fränkische Straßenzüge ange-legt.

Duisburg

Im Rahmen der projektierten Siedlung "Kesselsberg" wurden 1937 die ersten beiden Straßen Kissinger und Wildunger Straße benannt. Man hatte beschlossen, für die Siedlung Straßennamen von berühmten und bedeutenden deutschen Badeorten zu verwenden. Die Kissinger Straße im Duisburger Stadtteil Huckingen sollte eigentlich an den Kurort erinnern. Das Problem: Auf einem von mehreren Straßenschildern steht nichts von "Kissinger Straße", sondern "Kissingerstraße". Als ob es um den ehemaligen amerikanischen Außenminister ginge. Henry Kissinger kommt zwar auch aus Franken, ob er jemals in Bad Kissingen war, ist indes nicht bekannt.

Hamm

Die Kissinger Höhe ist eine Bergehalde in Hamm in Westfalen. Die Abraumhalde hat eine Fläche von 39 Hektar und entstand durch die Schüttung von taubem Gestein des Bergwerkes Ost in den Jahren 1974 bis 1998. Von der Halde hat man einen hervorragenden Blick auf das östliche Ruhrgebiet, ein Bergbaulehrpfad zeigt einige typische Geräte und Techniken, die unter Tage eingesetzt werden. Die Kissinger Höhe dient als Panorama der Route der Industriekultur.

Bremen

Bremen erinnert mit der Kissinger Straße an den preußischen Sieg 1866 über Bayern, an das Attentat 1874 auf Bismarck und an den bedeutenden Kurort.

Berlin

Im Stadtbezirk Steglitz, 1919 das größte Dorf Preußens, liegt die Kissinger Straße in einem Viertel, das wegen seiner auf Bismarck bezogenen Straßennamen auch Bismarckviertel genannt wird.

Das Kissingenviertel wurde 1906 angelegt und ist ein Berliner Kiez im Ortsteil Pankow. Der Name wird von der zentralen Kissingenstraße abgeleitet, die 1906 nach dem Ort Bad Kissingen benannt wurde. Am 5. September 2000 wurde von einer Delegation aus Stadt und Landkreis Bad Kissingen auf dem Platz ein Gedenkstein enthüllt, der an die Benennung des Kissingenplatzes und der Kissingenstraße erinnern soll. Er trägt die Wappen des Bezirkes Unterfranken, des Landkreises und der Stadt Bad Kissingen sowie die Inschrift "verbunden mit Berlin". Auch gibt es ein Kissingen-Stadion mit 8000 Plätzen.

Der Kissinger Platz in Charlottenburg-Wilmersdorf erhielt seinen Namen 1891. Planungen für seine Gestaltung gab es um 1907. Im Bebauungsplan 1911 wird er als Schmuckplatz mit Diagonalwegen und Freifläche in der Mitte dargestellt. Die Kissinger Straße wurde 1891 nach dem bayerischen Kurort Bad Kissingen, in dem Otto von Bismarck, nach der Eroberung durch die Preußen, oft zur Kur war, benannt.

Die Kolonie Kissingen wurde 1919 als Kleingartenverein Kissingen im Ortsteil Schmargendorf gegründet.

Stuttgart

Im Stadtbezirk Bad Cannstadt wurde 1928 im Kurviertel die Kissinger Straße im Bäderviertel angelegt.

Bad Neuragoczy

Dieser Ort liegt auch an einem Fluss Saale, der Saale bei Halle. Zu seinem Namen ist der Ort durch den Vergleich mit der Rakoczy-Quelle aus Bad Kissingen gekommen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert expandierte Kissingen zum international anerkannten Kurort. Auch Ärzte aus ganz Deutschland kamen hierher, um sich mit den Trinkkuren vertraut zu machen.

Der Arzt Dr. Wilhelm Hermann Runde war es, der sechs Kilometer nördlich von Halle/Saale, im Gebiet von Salzmünden um 1847 eine Quelle mit weitestgehend ähnlicher Beschaffenheit und Heilwirkung wie die Rakoczy-Quelle in Bad Kissingen beschrieb. Dr. Runde gab ihr den Namen "Neu-Rakoczy", woraus später Neuragoczi wurde. Dr. Runde war geschäftstüchtig und ließ mit den Erfahrungen aus Bad Kissingen eine "Trink- und Badeanstalt" und eine Parkanlage einrichten, am 30. Juli 1851 fand die Einweihung des Bades Neu Ragoczy (später Bad Neuragoczy) statt. Neuragoczy konnte aber nie die Größe und Bedeutung von Bad Kissingen erreichen. 1920 wurde der Kurbetrieb eingestellt. In anderen Gebäuden wurden wenigstens die Abfüllung und der Vertrieb von Mineralwasser aus Bad Neuragoczy unter dem Markennamen "Neura" eingerichtet. 1988 wurde die Getränkeproduktion wegen zu hoher Nitratbelastung eingestellt.

Nicht berücksichtigt wurde bei der Recherche Bayern. Aber ein Blick zu den Nachbarn: Bad-Kissingen-Platz ist eine Straße in Eisenstadt im Bundesland Burgenland/Österreich.

Dieter Jonas