Wenn John Obuh spricht, ist Ruhe auf dem Platz. Die scharfen Kommandos des 53-Jährigen stehen im Widerspruch zur Idylle am Elfershäuser Sportplatz. Gewollte Abgeschiedenheit. Die Konzentration der ganz in grün gekleideten Gruppe soll allein dem Fußball dienen. "Wir wollen Weltmeister werden", sagt Samm Audu. Ausgerechnet in der unterfränkischen Provinz bereitet sich Nigerias U-20-Team auf die Weltmeisterschaft in der Türkei vor. 14 Tage lang. Pressesprecher Audu flunkert nicht. Erzählt vom unglücklichen Ausscheiden vor zwei Jahren, als man im Viertelfinale Frankreich mit 2:3 in der Verlängerung unterlag. Und spricht stolz vom aktuellen Afrika-Cup-Gewinn der "Super Eagles", die zu Beginn des Jahres in Südafrika im Finale Burkina Faso mit 1:0 geschlagen hatten. Der Triumph bei der kontinentalen Meisterschaft hat das 150-Millionen-Volk stolz gemacht. Und hohe Erwartungen geweckt an die "Flying Eagles", wie das U-20-Team genannt wird.

Der Traum von einer Karriere in Europa

Die Hoffnungsträger der fliegenden Adler heißen Abduljeleel Ajagun, Ikechukwu Okorie oder Aminu Umar. Junge Kerle, die in der heimischen Liga bereits einen Namen haben. Und wie alle anderen von einer Karriere in Europa träumen. Berühmte Vorgänger gibt es. Jay-Jay Okocha hat sich unsterblich gemacht in der Bundesliga mit seinen fantastischen Tricks. Oder John Obi-Mikel, aktueller Champions-League - und Euro-League-Sieger vom FC Chelsea. Zumindest fußballerisch ist England das gelobte Land. Die Premier League ist populärer als die heimische Liga, wo Spitzenspiele viele Fans in die Stadien locken, aber so manches Match vor eher trostloser Kulisse gespielt wird. Das Gros der Fußballer in Elfershausen spielt noch im eigenen Land, für Klubs, die Enyimba FC, Dolphins FC oder Ocean Boys heißen. Einige wenige der jungen Auswahl-Kicker spielen bereits in Europa, in der Schweiz, Dänemark, Griechenland, Belgien und Kroatien. Die Verständigung ist immer ein Thema, aber insofern unproblematisch, weil die Landessprache englisch ist. Kein Wunder bei 514 verschiedenen Sprachen und Idiomen in diesem riesigen Land, das erst 1960 unabhängig wurde von der Kolonialmacht Großbritannien.

Der Co-Trainer ist ein Deutscher

Im Training wird ausnahmslos englisch gesprochen, auch von Jürgen Press, dem deutschen Co-Trainer, der bereits einige Stationen im Ausland hinter sich hat. "Er hilft uns vor allem taktisch weiter, und was die Organisation auf dem Platz angeht", erklärt Samm Audu das Engagement des 47-Jährigen, gebürtig aus Ingolstadt.
Dass die Fußballer vom Atlantischen Ozean an die Saale kamen, ist kein Zufall. "Wir arbeiten seit vielen Jahren mit einer Sport-Agentur aus Rosenheim zusammen, und da bestehen über einen nigerianischen und in München lebenden Agenten eben Kontakte", erklärt Jürgen Mönch vom Hotel Ullrich, wo die Afrikaner 25 Zimmer bewohnen. "Wir haben jahrelange Erfahrungen mit Trainingslagern.

Und viele Profi-Vereine legen neben der Qualität des Hotels auch Wert auf eine ländliche Gegend und auf eine unmittelbare Nähe des Trainingsgeländes zur Unterkunft. Das haben wir alles zu bieten", sagt der Hoteldirektor. Und lobt das kooperative Verhältnis zum FC Elfers hausen, der gegen eine Platzmiete und nach entsprechender Rücksprache die Sportstätten zur Verfügung stellt. Zweimal täglich wird trainiert, zu Testspielen ging es nach Nürnberg oder München. Einige Spieler wurden bereits wieder nach Hause geschickt, andere kamen nach. Nicht für jeden ist ein Platz im Kader für das Championat in der Türkei. Gepäck hatten die Spieler nur wenig dabei. Dafür gab es eine große Lieferung eines Sportartikel-Herstellers direkt ins Hotel.

Annäherung beim Speiseplan

Was die Verpflegung angeht, mussten sich Küchen-Chef Jan Kirchhof und seine Gäste annähern. "Das war am Anfang Versuch und Irrtum", sagt Hotel-Direktor Mönch. "Wir haben gekocht und dann geschaut, was die Jungs essen. Darauf achten müssen wir, dass einige Spieler Moslems sind, also kein Schweinefleisch essen. Aber wie es bei allen Sportlern ist, werden Reis und Nudeln ebenso gerne gegessen wie Fisch, Fleisch und natürlich Obst." Grinsend erzählt Jürgen Mönch von der Beschwerde, als die Spieler beim Hähnchen-Filet die Knochen vermissten. "Was bei uns quasi als Luxus gilt, fanden die Jungs eben nicht gut. Aber das wird immer reibungsloser. Einige wollten eine schärfere Tomaten-Sauce, also gab es diese beim nächsten Mal."

Zum Auftakt gegen Portugal

Kontakt zu Hotelgästen oder der Elfershäuser Bevölkerung bleibt die Ausnahme. Zu fokussiert auf ihren Sport ist die weitgereiste Delegation. Eine Begegnung gab es aber in der Kirche. Viele Spieler sind katholisch erzogen, Beten gehört für alle Akteure zum Alltag. Am 21. Juni bestreiten die Flying Eagles in Kayseri ihr Auftaktspiel gegen Portugal, weitere Vorrundengegner sind Kuba und Südkorea. Das Finale findet am 13. Juli in Istanbul statt. Vielleicht schließen einige Bürger die jungen Kicker in ihr Gebet mit ein. Oder drücken zumindest die Daumen. Ein bisschen Weltmeister wären auch die Elfershäuser.