Karate ist in der Wilhelm-Hegler-Halle eher selten zu Hause. Nächste Woche ändert sich das. Von Mittwoch bis Sonntag findet in der Halle ein europäischer Lehrgang im Uechi-Ryu Karate mit Großmeister Kiyohide Shinjo (9. Dan) statt. Rund hundert Karatekas aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, England und Tschechien kommen in die Rhön, um mit dem weltweit höchsten Vertreter ihres Verbandes zu trainieren.

Kiyohide Shinjo (im Bild) ist ein Schwergewicht in seinem Sport. Spektakulär sind seine Vorführungen, bei denen er Baseballschläger mit dem Unterarm zerschlägt. In seiner Heimat hat er den Spitznamen "Okinawas Supermann", weil er in den 1970er Jahren neun Mal hintereinander Weltmeister wurde, sowohl im Freikampf (Kumite), als auch in der Technik (Kata). "Das hat seitdem keiner geschafft. Man kann schon sagen, dass er seinen Karate-Stil dominiert hat", sagt Andreas Haberzettl (7. Dan). Er leitet seit 25 Jahren seine Uechi-Ryu-Karateschule in Bad Kissingen und organisiert den Lehrgang. 2018 ist bereits das dritte Mal, dass der Großmeister aus Okinawa Haberzettls Einladung nach Deutschland folgt.

Seit vielen Jahren ist Kiyohide Shinjo international als Funktionär aktiv. "Es gibt zwei große Gruppen des Karate: das japanische und das aus Okinawa", erklärt Haberzettl. Das japanische Karate ist international weiter verbreitet und eher am Leistungs- und Wettkampfsport orientiert, das okinawanische Karate dagegen ist unbekannter und traditionell ausgerichtet. "Kiyohide Shinjo hat lange darauf hingearbeitet, dass das okinawanische Karate in der Öffentlichkeit mehr Beachtung findet", erklärt der Karatelehrer aus Bad Kissingen.

Die Mission gilt sowohl international, als auch für Shinjos Heimat. Karate wird in Okinawa zwar grundsätzlich als Kulturgut angesehen, in dem es um mehr geht, als um Selbstverteidigung. Allerdings habe die traditionelle Kampfkunst zunehmend Probleme, die Jüngeren zu begeistern. Einen Popularitätsschub erhoffen sich ranghohe Karatefunktionäre deshalb von den nächsten olympischen Sommerspielen: Im Jahr 2020 kämpfen in Tokio zum ersten Mal Karatekas um Gold, Silber und Bronze mit. Dass der Sport als olympische Disziplin anerkannt wurde, sei auch ein Erfolg Kiyohide Shinjos. "Das war seine Vision", findet Haberzettl.

Gelegenheit, den Großmeister in Aktion zu erleben, gibt es in Oerlenbach genug. Der Lehrgang in der Hegler-Halle beginnt mit drei Trainingstagen. Am Samstag findet ab 10 Uhr eine Schwarzgurtprüfung mit zehn Testkandidaten statt, ab 18 Uhr gibt es Demo-Vorführungen des Großmeisters und der Lehrgangsteilnehmer. Haberzettl: "Da sind natürlich alle Türen offen." Der Lehrgang endet am Sonntag mit einem offenen Workshop (14 bis 18 Uhr), an dem auch Anfänger oder Kampfsportler anderer Stilrichtungen teilnehmen können. "Was Kiyohide Shinjo im Großen machen will, machen wir hier im Kleinen", erklärt der Bad Kissinger. Und das wäre: Okinawanisches Karate bekannter machen.