Das Aushängeschild fällt nicht auf in diesem Gewusel. Einer unter vielen, die heute zum Nachwuchstraining gekommen sind. "Das da, das ist Mohammad", sagt Edgar Feuchter und deutet auf einen drahtigen jungen Mann im weißen T-Shirt. Ein 21-Jähriger, der in diesem Jahr in Marktredwitz für den TSV Bad Kissingen Franken-Meister im Halbschwergewicht wurde mit einem Sieg über den Bad Windsheimer Maximilian Lutze. "Mohammad wollte unbedingt für seine neue Heimatstadt gewinnen. Er ging den Kampf so zielstrebig an und boxte so gut, dass sein Gegner in der zweiten Runde aufgeben musste", hatte sein Trainer damals gesagt.

Der Weg dahin war ein weiter, und das ist bei Mohammad Shadab wörtlich zu nehmen. "Ich habe auch Tote gesehen", sagt der Flüchtling aus Afghanistan, der ohne Familie über die Türkei, den Iran und Bulgarien nach Deutschland und nach zwei Monaten schließlich nach Bad Kissingen kam. Über die Gründe spricht Mohammad nicht so gerne, erzählt in erstaunlich gutem Deutsch von Problemen in der alten Heimat. Und die Familie? "Ich weiß nicht, wo die im Augenblick ist. Zu der habe ich jetzt acht Monate keinen Kontakt gehabt." Familie, das ist jetzt der Verein. Und der Trainer die oberste Respektsperson. Die Integration läuft auch dank Berufsschule und Praktikum bei einem örtlichen Maler- und Verputzerbetrieb vorbildlich.

Schon beim Kinder- und Jugendtraining wird klar, dass Edgar Feuchter der richtige Mann am richtigen Ort ist. Wie ein kleines Box-Gym ist die Turnhalle der Kliegl-Schule hergerichtet, mit einem eigenen Lagerraum für die Utensilien der Faustkämpfer, die nach der Auflösung des BC 77 Bad Kissingen als Abteilung des TSV Bad Kissingen einen wahren Boom ausgelöst haben. 25 junge, teils sehr junge Menschen trainieren. Etwa 20 Boxer gibt es bei den Erwachsenen. 90 Mitglieder hat die Abteilung insgesamt, darunter 14 mit Startberechtigung bei Wettkämpfen. "Wir sind der mitgliederstärkste Verein in Unterfranken", sagt Edgar Feuchter, während seine Eleven mit großer Disziplin ihre Übungen absolvieren. Das lauteste im Raum ist tatsächlich die - nicht besonders laute - Musik.


Kampfsport gehört dazu

Der 64-Jährige hatte als Reha-Patient vor etwa zehn Jahren seinen ersten Aufenthalt in Bad Kissingen. "Damals hatte ich auch Kontakt zum BC 77 gehabt, wusste also um die Existenz des Boxsports an der Saale." Aufgewachsen in Hanau, war Edgar Feuchter 44 Jahre Polizeibeamter, und in Frankfurt Mitbegründer des Polizeisportvereins Grün-Weiß. Kampfsport gehört zum Leben des Hessen, der Taekwondo und Ju-Jutsu gemacht, aber vor allem selbst geboxt hat. "Noch als 37-Jähriger habe ich Wettkämpfe bestritten", sagt der Inhaber der Trainer-C-Lizenz für das sogenannte "Olympische Boxen". Vor vier Jahren zog Edgar Feuchter mit seiner Frau nach Bad Kissingen, "weil es uns in der Großstadt nicht mehr gefallen hat." Ein Glücksfall für den Boxsport an der Saale - und für Mohammad Shadab, dessen Training an diesem Abend eigentlich erst später beginnt. "Mohammad ist sozial sehr engagiert und unterstützt mich immer beim Kinder- und Jugendtraining", erzählt Edgar Feuchter. Und schwärmt von den Qualitäten seines Schützlings. "Seine Stärken sind die Beweglichkeit, die Reflexe. Und er geht die Dinge locker, fast spielerisch an. Er bringt da eine gewisse Leichtigkeit mit. Als er bei uns vor eineinhalb Jahren begann, da war er viel unkontrollierter, da musste ich ihn einbremsen. Jetzt kämpft er fokussiert und diszipliniert. Aus dem Hitzkopf ist ein taktischer Boxer geworden."


Start bei der Bayerischen?

Das Training an diesem Donnerstagabend schaut für den beobachtenden Laien intensiv aus, ist es aber nicht. "Heute gehen wir das eher locker an. Und wir verzichten auch auf intensiveres Sparring, weil wir am Samstag ja noch einen Wettkampf in Wiesbaden haben. Da soll sich keiner verletzen", sagt Feuchter, der überlegt, Mohammad bei den Bayerischen Meisterschaften im nächsten Jahr starten zu lassen. Die Voraussetzung dafür ist erfüllt mit sieben Siegen, die im Box-Pass, einem kleinen Büchlein mit vielen Informationen, eingetragen sind. Der Trainer fühlt, dass der 21-Jährige soweit ist. Die Fitness passt in jedem Fall. "Die Jungs verabreden sich neben den Einheiten in der Halle sogar regelmäßig zum Lauftraining. Die haben dafür sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe gegründet", staunt der Trainer, der sich selbst als Internet- und Smartphone-Verweigerer bezeichnet. Und der sich angesichts der vielen Interessierten einen Co-Trainer zur Unterstützung wünscht. Und einen Mäzen, "damit wir uns den ein oder anderen Wunsch erfüllen können, was zum Beispiel die Trainingskleidung betrifft".

Geboxt hatte Mohammad Shadab schon als Kind in seiner kleinen Heimatstadt in Afghanistan. Und lacht bei der Frage nach der Motivation. Er sei verprügelt worden. Und weil der andere Junge, ein Boxer, so schnell gewesen sei, wollte er das auch können. Die Zeit im Verein war allerdings kurz. "Trainiert habe ich später oft zuhause an einem Sandsack." Als Vorbilder nennt der Linksausleger, dessen Kämpfe maximal über drei Runden gehen, keine Geringeren als Muhammad Ali und Floyd Mayweather. Was irgendwo auch erklärt, dass der 21-Jährige keine Angst im Ring kennt. "Nur vor meinem ersten Kampf war ich nervös, jetzt ist das nicht mehr der Fall. Ich höre einfach auf meinen Trainer, und das klappt."