Tischtennis ist in erster Linie ein Einzelsport. Natürlich wird er allenthalben in Mannschaftsform gespielt. Da sind Egoismen fehl am Platz, will man mit dem Team erfolgreich sein. Kilian Ort hat das mit seinen 21 Jahren längst begriffen. Der Lokalmatador des Bundesligisten TSV Bad Königshofen, der an diesem Sonntag um 15 Uhr zum Rückrundenauftakt Werder Bremen in der Shakehands-Arena empfängt, verzichtete in Düsseldorf und gegen Mühlhausen auf eigene Einsätze und ermöglichte diese Erfolge unter Umständen erst. Denn der einmalige A-Nationalspieler sucht derzeit nach seiner Form. Die hat der Soldat der Sportfördergruppe bei einem Lehrgang auf einem Übungsplatz in Hannover verloren. Warum es so ist und wieso ihn das trotz allem überhaupt nicht pessimistisch stimmt, erklärt er in diesem Gespräch.

"Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass wir einen Sieg schaffen", hatten Sie vor Saisonbeginn gesagt. Jetzt stehen nach dem Ende der Vorrunde schon drei Siege in den Büchern. Haben Sie bewusst zu tief gestapelt?
Kilian Ort: Nein, das haben wir nicht. Es konnte keiner erwarten, dass Darko Jorgic so stark spielt.

Ab wann hat die Mannschaft gemerkt, dass sie in der Bundesliga mithalten kann?
Schon am zweiten Spieltag. Da haben wir gegen Saarbrücken ein sehr, sehr enges Spiel gehabt. Das hätte ich hintenraus im fünften Match auch für uns entscheiden können. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir schon, dass wir gut dabei sind.

Gegen Grenzau ist der erste Sieg in der TTBL geglückt, zuletzt gab es den Sensationserfolg bei Rekordmeister Borussia Düsseldorf und den begeisternden Heimsieg gegen Play-off-Kandidat Post SV Mühlhausen. Welcher dieser drei Erfolge war der emotionalste?
Der erste Sieg ist immer etwas Besonderes, auch noch vor heimischen Publikum gegen Grenzau. Das war schon speziell. Aber dass wir in Düsseldorf gewinnen, das ist etwas ganz Großes. Deshalb denke ich, dass der noch emotionaler war.

Ihre eigene Bilanz ist ernüchternd. Von acht Partien konnten Sie nur eine gewinnen, in der Spielerrangliste der TTBL werden Sie auf dem vorletzten Platz geführt. Wie sehr nervt Sie das?
Eigentlich gar nicht. Klar hätte ich gerne eine bessere Bilanz. Aber es ist mir auch relativ egal, was Leute sagen, die keine Ahnung haben. Für mich zählt eigentlich nur die 1:4-Bilanz. Danach musste ich zur Bundeswehr. Man sieht es auch bei Steffen Mengel und Ruwen Filus, die ebenfalls hier sind. Mengel hat in dieser Halbserie nur ein Spiel gewonnen: Gegen mich während der Bundeswehrzeit. Und er ist einer, der in den letzten Jahren immer eine positive Bilanz gespielt hat. Es gibt ja einen Grund, warum es gerade nicht so läuft.

Welchen?
Ich kann nicht richtig trainieren. Ich gehöre sowieso zu den schwächeren Spielern in der Liga. Ich weiß nicht, wer erwarten kann, dass ich Spitzenleistungen bringe, wenn mir das Training fehlt und ich am Wochenende müde bin. Ich weiß, dass ich für viele Gegner in der Liga gefährlich sein kann, wenn ich gut trainiere. Das habe ich in den ersten fünf Begegnungen gezeigt. Eine habe ich gewonnen, bei den vier verlorenen wurde ich nicht einmal abgeschossen. Deswegen bin ich gar nicht so pessimistisch. Ich wusste von Anfang an, dass es keine einfache Zeit wird. Es tut trotzdem nicht gut, wenn Leute, die keine Ahnung haben, den ein oder anderen dummen Kommentar abgeben.

In Düsseldorf, wo Sie leben und trainieren, gibt es einen relativ festen Tagesablauf mit zwei bis drei Einheiten und Regenerationszeiten. An fokussiertes Trainieren ist bei einem Feldwebellehrgang der Bundeswehr wohl eher weniger zu denken. Wie gestaltet sich Ihre Zeit in Hannover?
Ich stehe um 6 Uhr auf, um 7.15 Uhr ist Antreten. Der Dienst geht im Normalfall bis 16.30 Uhr. Es gibt Tage, da macht man viel Organisatorisches. Letzte Woche sind wir jeden Morgen mit Gepäck vier Kilometer zum Standortübungsplatz gelaufen. Wir werden hier zu militärischen Führern geschult und müssen deshalb selbst auch Ausbildungen leiten. Dazu kommen Waffenausbildungen in der Kaserne. Wenn man den ganzen Tag tausendmal das Gewehr zerlegt und wieder zusammengesetzt hat, ist es abends relativ schwer mit der Feinmotorik.

Was meinen Sie damit?
Unser Sport ist komplex. Wenn da eine Sache nicht stimmt, wenn der Kopf nicht dabei ist, wenn der Körper ein bisschen steifer ist als normalerweise, dann wird es schon schwer. Der Kopf kann nicht frei sein. Ich habe diesen Montag meine Lehrprobe gehalten. 45 Minuten über die Pistole P 8. Davor gab es vier Ausbildertrainings. Das heißt, wir trainieren, wie wir später ausbilden. Dafür muss man sich einlesen und gut vorbereiten. Es gab keinen Abend, an dem ich nur Tischtennis trainiert habe und sonst die Seele habe baumeln lassen. Dazu kommt, dass wir in Düsseldorf sechs Stunden trainieren, hier maximal eineinhalb. Aber: Ich möchte mich nicht beschweren, ich bin ja freiwillig da.

Bis wann wollen Sie Ihre Form wieder aufgebaut haben?
Natürlich so schnell wie möglich. Der Lehrgang geht bis 15. Dezember. Am liebsten würde ich natürlich am 18. Dezember schon wieder fit sein. Aber das wird nicht gehen. Es wird sich zeigen, bis wann ich physisch, mental und von der gesamten Verfassung her wieder bei 100 Prozent sein.

Wie werden Sie dabei vorgehen?
Ich werde Weihnachten mit meiner Familie verbringen. Ich werde aber keine Pause einlegen, sondern will durchgehend trainieren. Ich war im September und Oktober absolut auf dem richtigen Weg, habe gute Spiele abgeliefert und international gegen Top-100-Spieler sehr gut mithalten können. Ich habe oft knapp verloren, aber ich war der Meinung, dass ich mich spielerisch und mental weiterentwickelt habe. Der Lehrgang hat mich zurückgeworfen. Aber ich bin keiner, der den Kopf in den Sand steckt. Sondern versuche, Schritt für Schritt wieder aus der Situation herauszukommen. Mit einem gesunden und realistischen Denken.

Welche Ziele steckt sich die Mannschaft für die Rückrunde?
Wir haben schon für die ein oder andere Überraschung gesorgt. Und hätten darüber hinaus die Spiele gegen Saarbrücken und in Bergneustadt für uns entscheiden können. Wir wissen, dass nicht immer alles zu unseren Gunsten laufen kann. Wenn wir eine ähnliche Rückrunde spielen können, könnten wir von einer geglückten ersten Saison sprechen. Wir versuchen, weiter bissig zu sein und es den Favoriten so schwer wie möglich zu machen. Zuhause vor unseren Zuschauern ist es für die Gegner sowieso schwer.

Das Gespräch führte Daniel Rathgeber