Wenig Training, dafür viel Hektik. Und noch mehr Anspannung. Kopfkino als zusätzliche Belastung für Alfons Dees, und das vor der größten sportlichen Herausforderung seines Lebens. Beim Langdistanz-Triathlon in Zürich hatte sich der 60-Jährige Ende Juli tatsächlich für den Ironman auf Hawaii qualifiziert. Die Zeit bis Mitte Oktober wurde knapp, weil Regeneration einerseits vonnöten war, andererseits nicht zu lange ausfallen durfte. Dazu kam eine schmerzhafte Entzündung der Achillessehne bereits vor dem Wettkampf in der Schweiz. "Am Tag nach meiner 100-Kilometer-Testrunde über Gemünden, Neuwirtshaus und Oberthulba hatte ich einen 33er Schnitt und war total platt. Normalerweise ist das kein Problem", berichtet der Machtilshäuser von seiner ersten längeren Radfahrt einige Wochen nach dem Trip an den Zürichsee. "Und dann natürlich unser Wetter: kalt und regnerisch. Insgesamt habe ich, wie auch viele Trainer empfehlen, deutlich weniger trainiert."


Geduldsproben

Die letzten Tage in Deutschland kosteten Nerven. Defekte am Rad mussten kurzfristig behoben werden, dazu kam eine Stoßwellentherapie samt Ultraschall-Behandlung für den geplagten Körper. "Nach über 20 Stunden kamen wir total kaputt in Kona an und es hat einige Tage gedauert, bis wir halbwegs gut schlafen konnten. Zwei Tage konnte ich nicht trainieren, weil unser Gepäck erst dann kam. Bei den kurzen Trainingseinheiten bis zum Rennen war die Hitze dafür kein Problem, ich mag es warm", berichtet Alfons Dees.

Ein erster Höhepunkt war zwei Tage vor dem Wettkampf die Nationenparade. Mit 217 Athleten stellten die Deutschen nach den USA das zweitgrößte Teilnehmerfeld für das härteste Ausdauerevent der Welt. Mehr als 2300 Triathleten aus aller Welt, die sich in über 40 Ironman-Wettkämpfen qualifiziert haben, stellen sich jeden Oktober dieser Herausforderung mit 3,86 Kilometer Schwimmen im Pazifik, 180 Kilometer auf dem Rad durch die Lavawüste der Insel und dem Marathon mit 42,2 Kilometer bei extremer Hitze und Schwüle. 20 Jahre hatte Alfons Dees den Ironman auf Hawaii die ganze Nacht im Internet verfolgt. "Wenn du die Wellen, den Wind und die Hitze dann im Training selbst erlebst, hat das eine ganz andere Dimension. Da wurde mir klar, was auf mich zukommt. Nach 30 Minuten Laufen im berühmten Energy Lab war ich schon wie geduscht", erzählt Alfons Dees. Und spricht von einer faszinierenden Atmosphäre und Anspannung in den Minuten vor dem Start.


Ein Riesenrespekt

"Da ich ein schwacher Schwimmer bin und noch nie im Meer solch eine Strecke geschwommen war, hatte ich einen Riesenrespekt vor der Auftaktdisziplin mit dem Massenstart und wollte nur heil aus dem Wasser kommen. Draußen am Wendepunkt war es dann so wellig, dass ich das Gefühl hatte, kaum noch vorwärts zu kommen. Und der Rückweg war der erwartete Überlebenskampf", berichtet der Machtilshäuser, der nach 1:36 Stunden und als 58. von 68 Startern seiner Altersklasse die Aufholjagd auf dem Rad begann.

Nach einer kurzen Wendepunktstrecke durch die Stadt ging es auf den Highway entlang der Küste nach Norden bei zunächst harmlosem Wind. Dann der erste Schreck: Die Triathlon-Uhr versagte, so dass der weitere Wettkampf ohne Zeit, Geschwindigkeit und insbesondere Pulsfrequenz zu einem "Blindflug" wurde. Nach dem ersten Anstieg hinter dem Flughafen setzte schlagartig der gefürchtete Wind ein, als ob jemand einen gigantischen Fön eingeschaltet hätte. "Der endlose Anstieg nach Hawi zum Wendepunkt bei Kilometer 96 war bei dieser Hitze und gegen den permanenten Gegenwind das härteste, was ich bisher auf dem Rad erlebt habe" , stellt Dees fest. Die Freude über die Windunterstützung auf dem Rückweg mit hohem Tempo war von kurzer Dauer, weil die berühmten Mumuku-Winde einsetzten, "ein stark böiger Wind schräg von vorne, so dass man zeitweise gar nicht zur Trinkflasche greifen konnte."

Nach fünf Stunden und 38 Minuten auf dem Rad war die Wechselzone in Kona erreicht. "Nach dem Absteigen barfuß zum Umkleidezelt konnte ich kaum Laufen. In den Laufschuhen musste ich erst ein Stück gehen, doch dann hatte hatte ich weit weniger Schmerzen als bei den Trainingsläufen und kam gut den ersten Anstieg der Palani Road hoch. Als ich entlang der wunderschönen Küste meinen Laufrhythmus gefunden hatte und auf der 'Überholspur' war, motivierte mich das sehr."


"Nur noch durchkommen"

Die Hitze war allerdings so brutal, dass Dees Zweifel kamen, den gesamten Marathon durchzuhalten und er den steilen, langen Anstieg der Palani Road gehend bewältigte, bevor es über den monotonen, welligen Highway ohne Zuschauer zum zweiten Endepunkt am Energy Lab unten am Meer ging. Es war für alle Athleten ein Kampf von einer Verpflegungsstation zur nächsten: Cola, Iso, Wasser, Eis, reinschütten, was geht. "Ich wollte nur noch durchkommen. Die Wende am Energy Lab hat mich dann mental aufgebaut, denn jetzt ging jeder Schritt zurück Richtung Ziel. Die letzten beiden Kilometer in Kona waren dann einfach unglaublich." Nach dem Abbiegen auf den Ali'i Drive standen die Zuschauermassen im Zielkanal und der Blick von Alfons Dees richtete sich auf die Finish Line, wo Sprecher Mike Reilly den Unterfranken übers Mikro willkommen hieß: "From Germany Alfons Dees. You're an Ironman!"

Angesichts der problematischen Vorbereitung waren alle Erwartungen übertroffen. Mit einer Marathonzeit von 04:04:48 Stunden hatte sich Alfons Dees nach Platz 8 auf dem Rad und dem sechsten Platz im Marathon in seiner Altersklasse auf den zwölften Platz der Weltmeisterschaft vorgekämpft und wurde damit zweitbester Deutscher der Altersklasse. "Das war der emotionalste Moment meines Sportlerlebens. Die Schmerzen und die Qual waren am nächsten Tag bereits vergessen. Dieser Wettkampf ist so unvergleichlich, dass ich auf jeden Fall hier wieder starten möchte."