Ein Mädchen stürmt mit dem Puck an der Bande entlang nach vorne. Von der Seite kommt ein gegnerischer Junge angefahren und drückt die Jugendliche an die Bande, um an den Puck zu gelangen. Ihr Kopf wird eingeklemmt, aber ihr Körper will weiter. Zack! Halswirbelsäule verrutscht. "Es hat schon wehgetan, aber es tat noch mehr weh, als es wieder eingerenkt wurde", sagt Nina Christof. Die 13-jährige Hammelburgerin spielt Eishockey. Dass dies ein gefährlicher Sport ist, weiß Nina zur Genüge. Aber das macht ihr nichts aus. Im Gegenteil.
Mit vier Jahren stand sie das erste Mal auf dem Eis. Und wollte einfach nicht mehr herunter. So entschieden ihre Eltern, dass Nina mit Eishockey anfangen darf. "Ich war anfangs in der Gruppe für die Kleineren, die ohne Schläger trainieren. Ich bin aber immer vom Eis runter und habe mir einen Schläger genommen, mein Trainer hat mich immer wieder zurückgeholt." Doch nach einer Weile habe er gesagt: "Lass sie einfach spielen." Und so wechselte Nina zu den Größeren.

Als sie sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Boston in die USA. Dort boomt Mädchen-Eishockey, zum Glück für Nina. "Meine Karriere ist in den USA erst richtig losgegangen", erklärt sie mit einem leichten amerikanischen Akzent. Sechs Jahre spielte sie bei den Natick Comets. Mit elf fing sie gleichzeitig bei den Boston Junior Eagles an - jeweils in reinen Mädchenteams. Danach ging es für die Familie wieder zurück nach Deutschland - wieder nach Hammelburg. Weil dort kein Eishockey-Team in der Nähe ist, heuerte Nina bei den Mighty Dogs in Schweinfurt an - bei den Knaben.

"In den USA war das Training besser, weil wir zusätzlich Krafttraining hatten. Aber hier mit den Jungs ist es auch witzig", so die 13-Jährige. Mit ihrer Mannschaft trainiert Nina zwei Mal in der Woche, zusätzlich macht sie einmal beim Jahrgang über ihr mit. Die Schule leidet nicht darunter, sagt zumindest Nina: "Ich habe dienstags und donnerstags bis 15.30 Uhr Schule, da muss ich direkt danach zum Training." Aber mittwochs habe sie immer noch gut drei Stunden Zeit, um ihre Hausaufgaben zu machen, bevor es auf's Eis geht.


Den Gegner austricksen

Was ist am Eishockey eigentlich so toll? Darauf weiß Nina sofort eine Antwort: "Ich finde es deshalb toll, weil es ein Teamsport ist. Wer richtig gut als Team zusammen spielt, kann die Gegner ganz leicht austricksen." Das sei ein gutes Gefühl. "Und wenn du ein Tor schießt, kommen alle Spieler zusammen und schlagen auf deinen Helm, das ist ein cooles Gefühl." Dass es im Eishockey auch mal ein bisschen härter zur Sache geht, zeigt gerade das jüngste Beispiel aus der ersten Mannschaft des Vereins, bei dem Nina spielt, den Mighty Dogs. Solche brutalen Szenen wie die aus dem Derby gegen Haßfurt hat Nina selbst noch nicht erlebt, aber sie sagt auch: "Manchmal werden die Jungs aggressiv, dann wollen die sich umhauen." Um dem aus dem Weg zu gehen, entfernt sich Nina meist vom Geschehen. Aber es gab auch schon die eine oder andere heikle Situation: "Ich habe mich auch schon mal in der Menge gehauen. Aber wir dürfen uns eigentlich eh nicht schlägern. Vor zwei Jahren durfte man in meinem Alter richtig checken, aber das hat der DEB verboten, das darf jetzt erst der Jahrgang über mir machen."

Mit der Verstauchung der Halswirbelsäule muss Nina aktuell pausieren. "Beim letzten Spiel habe ich nur die Tür gemacht, das ist richtig hart. Vor allem, weil es ganz am Anfang so aussah, als würden wir verlieren. Der Gegner hatte nämlich ein Tor geschossen. Da wollte ich gerne eingreifen und helfen, aber das ging ja nicht", sagt Nina. Aber verloren hat ihr Team nicht. Mit 10:1 gewann Schweinfurt gegen den Tabellenzweiten Pfaffenhofen und ist aktuell Erster.

Nina spielt nicht nur im Verein, sondern auch in der deutschen U15-Nationalmannschaft und in einem sogenannten "Select Team", das an internationalen Turnieren teilnimmt. Außerdem tritt sie auch für die Bayernauswahl an. Schließlich will Nina hoch hinaus: "Ich möchte gerne einmal zu den Olympischen Spielen gehen. Und ich würde gerne in der NHL spielen." Sie glaube aber nicht, dass sie das schaffen werde, weil sie ein Mädchen ist. "In der NHL wird man richtig hart gecheckt, und deshalb darf man da als Mädchen nicht spielen, außer man ist Torhüterin."

Die 13-Jährige ist in Schweinfurt eher für das Toreschießen zuständig, sie spielt auf der Position des Centers. Doch Nina hat bereits auch Gegentreffer verhindert. In den USA hatte ihr Team für eine Saison keinen Torwart, da half Nina aus. Und auch in Schweinfurt springt sie manchmal als Goalie ein, wenn Not am Mann ist. "Es macht beides Spaß, aber ich will eher auf dem Eis laufen, deshalb bin ich lieber Stürmer."

Unterstützt wird sie tatkräftig von ihrer Familie, allen voran von ihrem Vater. Thomas Christof hat einen Verein gegründet, der Turniere und Camps in ganz Deutschland für Mädchen anbietet, die Eishockey spielen wollen. Deshalb begleitet er Nina zu jedem Spiel. Ihre Mutter und ihre Schwester Paula unterstützen Nina ebenfalls, wo sie nur können. "Wenn ich aber zum Beispiel an Ostern oder an ihrem Geburtstag nicht da sein kann, ist meine Schwester manchmal traurig", sagt Nina. Doch die 15-jährige Paula weiß aus eigener Erfahrung: Wenn es um die sportliche Karriere geht, muss jeder Kompromisse eingehen. Sie selbst spielt Fußball beim SV Langendorf. Auch die Mutter der beiden ist im Fußball in der Region aktiv. Miriam Christof trainiert seit der Rückkehr nach Hammelburg die U17-Mädchenmannschaft von Langendorf, das Team von Paula.

Zu Hause bei den Christofs werden beide Sprachen gesprochen, aber doch mehr Deutsch als Englisch. Das ist vor allem für Nina wichtig: "In Deutsch bin ich eigentlich eine Niete, in Englisch bin ich schon besser", sagt sie, was aber gar nicht stimmt. Wer mit ihr spricht, versteht sie einwandfrei. Nur der leichte amerikanische Akzent verrät, dass sie nicht ihr Leben lang in Deutschland war.

Und was sagen Ninas Freunde zu ihrem für Mädchen doch recht außergewöhnlichen Hobby? "Ein paar wussten erst nicht, was Eishockey genau ist. Einige fanden es richtig cool, andere finden es komisch, dass ich nur mit Jungs zusammen spiele", erklärt Nina. "Aber meine beste Freundin Mara findet es toll. Sie feuert mich auch an, wenn sie zu den Spielen kommt." Für ihre Freunde hat sie trotz allem noch genügend Zeit. Und das ist ihr auch wichtig. Denn auf die Frage, ob es ihr in den USA oder in Deutschland besser gefällt, antwortet Nina: "In Amerika ist viel mehr Schnee, im Sommer ist es viel wärmer als hier. Aber hier habe ich meine ganzen Freunde, hier will ich bleiben."