r schrille Pfiff aus der Trillerpfeife lässt die junge Familie erstarren. "Achtung, da kommt gleich ein Pferd!", ruft eine junge Frau mit einer gelben Warnweste. Und nur Sekunden später galoppiert ein Pferd vorbei, der Reiter nickt kurz dankbar, die Kinder kriegen vor Staunen den Mund nicht zu, dann geht die Familie weiter. "Schau Papa, da ist der Michael Jung", ruft die ältere Tochter und zeigt aufgeregt auf einen Reiter, der nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Segway die Bahn der Familie kreuzt.

Weit vorgebeugt fährt der Welt- und Europameister im Vielseitigkeitsreiten in Richtung "Zeltstadt", in der seine fünf Pferde untergebracht sind. Er will das nächste Nachwuchspferd für seinen nächsten Ritt aussuchen. Grund genug für die junge Familie und mehrere tausend Besucher der Fränkischen und Internationalen Meisterschaft im Vielseitigkeitsreiten bei den Pferdefreunden Hambach, sich auch ihre Plätze am Parcours zu sichern. Drei Tage bevölkern Pferde und Reiter das Gelände der Pferdefreunde, 210 Reiterinnen und Reiter hatten gemeldet, darunter auch Michael Jung und der Olympiasieger von 2008 mit der Mannschaft, Andreas Dibowski.


Der Profi kommt gerne

"Das macht uns alle sehr stolz", freut sich Vereinsvorsitzender Gerold Ort. Jung etwa gehört zum festen Bestandteil des Turniers, war schon mehrmals da, "und auch wenn es manche nicht glauben wollen: Wir zahlen ihm dafür nichts", sagt Ort. Vielmehr "hat der Welt- und Europameister gesagt, in Hambach muss man einfach dabei sein". Dass Jung in allen Disziplinen ganz vorn mit dabei war, muss nicht großartig erwähnt werden. Denn er reitet in seiner eigenen Liga.

Eindrucksvoll etwa die Dressur, bei der Jung auch ein Glas Wasser auf dem Zylinder hätte balancieren können, ohne dass viel verschüttet worden wäre. Oder beim Springen, bei dem die Hindernisse keine wirklichen Hindernisse waren. Oder erst recht beim Geländeritt, bei dem Pferd und Reiter nach dem Zieleinlauf wirken, als kämen sie vom gemütlichen Sonntags-Nachmittags-Picknick-Ausreiten. Kein Wunder, dass Jung am Ende mit Der Dante die Kategorie CIC** klar gewann und mit Star Fighter CR und Lennox 364 noch Fünfter und Sechster wurde. Mit seinem Pferd fischerIncantas siegte Jung noch in der Kategorie CIC*. Kein Wunder also, dass der Reiter bester Stimmung ist, als er mit seinem Segway den Parcours abfährt. An einer Stelle fangen ihn vier Teenies ab, und trotz Zeitnot lässt er sich von und mit ihnen fotografieren. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Ausnahmereiter wie Jung und Dibowski nach Hambach kommen: Die unkomplizierte Nähe zwischen Reitern und Besuchern. Da ist nichts voneinander getrennt, selbst die Zeltstadt, von 130 Helfern des Vereins aufgebaut, ist nicht strikt abgesperrt. Diese kleine Stadt, in der es von Pferdeboxen und Fahrzeugen nur so wimmelt, war früher im oberen Bereich des weitläufigen Reitgeländes untergebracht, jetzt ist es unten am Waldrand. "Wir mussten aus Platzgründen umziehen", sagt Ort, "Jahr für Jahr werden es mehr Reiter und Pferde".


An der Grenzen des Machbaren

Irgendwann wird die Kapazität erschöpft sein, sagt Ort, "es ist schon jetzt sehr viel zu tun". Und zwar so viel, dass nicht nur alle Vereinsmitglieder und deren Familien und Freunde, sondern auch viele Freiwillige auf dem Gelände zu finden sind. Am Bratwurststand. An der Kaffeebar. An und auch in der Meldestelle, dem Herz des Turniers, geleitet durch Renate Gassner, ehemalige Turnierreiterin und jetzt spezialisiert auf die Meldestelle. Und sie sind auch "Ampeln auf zwei Beinen", denn der Parcours ist mehr oder weniger offen, oft trennen Pferde und Besucher nur wenige Meter. Immer wieder ertönen die Trillerpfeifen, um die Bahn von Menschen freihalten zu können. Es könnte ja ein Olympiasieger vorbeigaloppieren.