Nach 3:35 Stunden warfen vier Gästespieler und vielleicht sieben der 457 Zuschauer die Arme jubelnd in die Höhe am Ende des letzten Vorrundenspiels der 2. Tischtennis-Bundesliga zwischen dem Tabellenführer TSV Bad Königshofen (15:3 Punkte) und dem TTC indeland Jülich (14:4), das der Dritte mit 6:4 gewann. Und 450 blieb erst dieser Jubel im Halse stecken, waren dennoch hellauf begeistert und applaudierten ihr Dankeschön für ein mitreißendes Sportereignis, für manch wahnsinnige Ballwechsel von der Tribüne hinunter in die Arena.


Es geht auch um Harmonie

Die Mannschaft um Lokalmatador Kilian Ort hatte soeben nach einem Nerven zerreißenden Sonntag-Nachmittags-Krimi und nach 413 Tagen (seit 1. November 2015) wieder einmal ein Spiel verloren. Tragisch war höchstens die Tatsache, ausgerechnet im letzten Spiel eines Kalenderjahres die erste Niederlage bezogen zu haben. Dass es den Königshöfern nicht nur um Siege, Meisterschaften und den Bundesligaaufstieg geht, sondern auch um Harmonie und Zusammenhalt, zeigte sich daran, dass Ersatzmann Marek Klasek einen Einzel-Einsatz vor dieser Kulisse bekam. Er ist, ebenso wie der, der für ihn den Platz frei machte, Richard Vyborny, ein ausgezeichneter Botschafter seines tschechischen Heimatlands.

Spiel ist natürlich eine etwas untertriebene Bezeichnung für das, was den begeisterten Zuschauern da geboten wurde. Nach den Doppeln deutete sich zunächst mal an, dass das alles andere als ein Selbstläufer werden würde. Die TSV-Paarung Yoshimura/Zeljko verlor zum ersten Mal in dieser Saison gegen das rein belgische Doppel Jean/Allegro. Den etwas unerwarteten Rückstand konterten Ort/Vyborny mit einem denkbar hart erkämpften 3:1, wobei alle drei Sätze erst in der Verlängerung (13:11, 14:12, 12:10) gewonnen wurden. "Die haben sehr unangenehm geblockt und selber nichts getan", beschrieb Richard Vyborny den Spielverlauf, "da kam einfach nichts." Und zur nervlichen Situation bei drei glücklichen Satzgewinnen: "Was heißt glücklich. Wir haben großes Selbstvertrauen. Und wenn es eng wird, glaubst du daran, dass du es schaffst."


"Versprochen ist versprochen"

Die TSV-Nr.1 "Yoshi" Yoshimura holte die einzige Führung für die Gastgeber, ließ die Nr. 26 der deutschen Rangliste, Hermann Mühlbach, nur so abblitzen. Aber dieser "Blitz"-Sieg war auch bitter nötig, weil es Filip Zeljko gegen Lauric Jean nebenan kaum besser ging - 2:2 zur Pause. Dann also stieg Marek Klasek anstelle von Vyborny in den Ring, was, so "Vybo", zwei Gründe hatte: "Wir haben das schon vor Monaten so ausgemacht, weil wir davon ausgingen, dass unser Landsmann Seredo bei denen spielt, gegen den ich noch nie, Marek aber meistens gewonnen hat. Jetzt haben sie auf ihn verzichtet, aber versprochen ist versprochen." Der "Maro" lieferte dem bis dahin unbesiegten (8:0-Bilanz) Japaner Ozawa zwar einen großen Kampf (1:3), konnte aber, wie erwartet, den erneuten Rückstand zum 2:3 nicht verhindern.
Damit stand Kilian Ort gegen den Linkshänder Allegro mächtig unter Druck, den er aber gewöhnt ist und auch zu seiner Weiterentwicklung braucht.


Es wird psychologisch

Wieder gewann er eine Satzverlängerung im ersten mit 16:14, musste aber gegen den um zwei Tage jüngeren Belgier in den fünften Satz, in dem sich ein Drama, diesmal gegen ihn, abspielte. Hatte er den vierten schon 10:12 abgeben müssen, verlor er auch den fünften mit 11:13, wobei er bei 10:9 Matchball hatte. Aber nun 2:4 und dieses bärenstarke hintere Paarkreuz. Hatte TSV-Manager Andy Albert bei 1:2 noch geunkt, "es riecht nach 5:5", meinte Hallensprecher Jürgen Halbig jetzt hinter vorgehaltener Hand: "Wenn alles gut läuft, noch ein Unentschieden." Und er forderte das Publikum auf: "Jetzt sind Sie gefordert, jetzt wird's psychologisch." Womit er Recht hatte.


Zeljko verkrampft

Es lief erst sehr gut, dann ganz schlecht, dann sehr gut - bis auf zwei Bälle ganz am Ende. Kazuhiro Yoshimura brachte den TSV auf 3:4 heran, zeigte zusammen mit dem belgischen Nationalspieler Lauric Jean Weltklasse-Ballwechsel am Fließband, musste im fünften Satz drei Matchbälle abwehren und klaute dem langen Belgier noch den Punkt mit 16:14. Ganz eng beisammen, höchstens zwei Munuten auseinander lagen Jubel und Enttäuschung, denn Filip Zeljko verkrampfte sichtlich, als es im fünften Satz in die Entscheidung ging, bezog gegen Mühlbach eine nie erwartete, seine dritte Niederlage an diesem Tag - 3:5.


Nah dran am Wunder

Jetzt konnte nur noch ein Wunder helfen, musste Kilian Ort den bisher unbesiegten Ozawa schlagen - und schlug ihn wirklich - 4:5. Jetzt lag der eine Punkt in den Händen von Marek Klasek. Und der sollte Allegro schlagen, der Ort besiegt hatte. Maro kämpfte wie ein Löwe, war tatsächlich bis auf zwei Wimpernschläge dran an der Sensation, holte im fünften Satz ein 3:9 zum 9:9 auf - und musste sich dennoch bei seinem Publikum entschuldigen und bedanken zugleich, weil es ihm am liebsten die zwei winzigen Bälle hinein geklatscht hätte. 9:11, es sollte nicht sein.