Es war das Jahr, in dem in Großbritannien Frauen ab 21 das Wahlrecht erhielten und in dem der Flieger Ernst Udet mit einem 20-PS-Flugzeug auf der Zugspitze landete. Es war das Jahr, in dem Walt Disney Micky Maus erfand und in dem Max Schmeling durch einen K.o.-Sieg über den Italiener Michele Bonaglia seinen Titel als Europameister im Halbschwergewicht verteidigte. Im Jahr 1928 gründeten aber auch einige Idealisten im August die Schiedsrichtergruppe Bad Kissingen, wählten Leo Betz aus Bad Kissingen zum ersten Obmann. Bis 1933 leitete er die Gruppe, bis ihn die Nationalsozialisten zwangen, sein Amt niederzulegen. Im Zweiten Weltkrieg verloren zahlreiche Schiedsrichter der Kissinger Gruppe ihr Leben.

Mit der Gründung der Bundesrepublik wurde die Schiedsrichtergruppe wieder zu neuem Leben erweckt. Zu Zeiten also, in denen man sich per Fahrrad oder Zug zum Fußballplatz bewegte. Die zunehmende Motorisierung verschaffte Erleichterung. Ehrenobmann Adam Reusch erinnert sich an seine Anfänge, 1960: "Damals hatte ich einen Vespa-Roller. Mit meiner Frau hinten drauf fuhr ich zu den Sportplätzen." Nach und nach professionalisierte sich die Schiedsrichtergruppe. Immer mehr Lehrgänge und Weiterbildungen wurden eingeführt. "Heutzutage wird den jungen Schiedsrichtern viel mehr geboten. Sie werden bei den ersten Spielen beobachtet, betreut und sehr gut geschult. Damals hatten wir die Möglichkeiten noch nicht", erzählt der 82-jährige Ehrenobmann.

Willi Burger, ein LandesligaSchiedsrichter, prägte eine ganze Ära als Obmann. Von 1958 bis 1985 leitete er die Schiedsrichtergruppe in Bad Kissingen. Damals existierte noch die sogenannte "Zweite Säule" mit der Schiedsrichter-Gruppe Brückenau. Ende der 1920er Jahre entstanden rund um Brückenau immer mehr Fußballvereine. Die Schiedsrichter mussten von Gemünden oder Würzburg anreisen. So wurde die Forderung nach einer Schiedsrichtergruppe in der Umgebung laut. Georg Metz vom FC Bad Brückenau ist es zu verdanken, dass es zur Gründung der SR-Gruppe Brückenau kam. Am 21. Februar 1932 bestanden 21 Schiedsrichter die Prüfung auf Anhieb: Die Brückenauer Gruppe war geboren. Bis 1996 wuchs die Gruppe auf 56 Schiedsrichter an. Adam Reusch leitete die Rhöner Gruppe 32 Jahre lang, übernahm 1967 das Amt von Kurt Grau und übergab es 1998 an Torsten Schulz-Stellmacher aus Schondra. "Diese Zeit hat mich geprägt", erzählt der Rupbodener. "Ich habe als Obmann sehr viel erlebt und viele interessante Menschen kennengelernt. Ich habe immer mein Bestes gegeben und versucht, meine Tipps an jüngere Schiedsrichter weiterzugeben. Dabei wollte ich nie jemanden in die Pfanne hauen."

Auch seine Frau unterstütze ihn, wo es nur geht: "Für mich war diese Unterstützung wichtig. Meine Frau war meistens dabei, ob bei den Spielen oder auch den Treffen der Schiedsrichtergruppe." "Leider gibt es die Schiedsrichtergruppe Brückenau nicht mehr", bedauert Reusch. Die Gruppe war zu klein und erfüllte die satzungsrechtlichen Vorgaben nicht, deshalb beschloss der Bezirks-Ausschuss 2009 die Auflösung.

Seit 1985 leitete Heinz Götschel aus Münnerstadt die Kissinger Schiedsrichtergruppe. 2014 bot sich der Generationenwechsel an. "Ich wurde von mehreren Leuten gefragt, ob ich mir den Posten des Obmanns zutraue", erzählt Alexander Arnold. Der damals 22-Jährige musste sich mit seiner Familie besprechen. Nach einem Jahr Bedenkzeit übernahm der Langenleitener diesen verantwortungsvollen Posten.

"Wir haben in den vergangenen Jahren viel voneinander gelernt. Zum Glück sind immer noch so viele erfahrene Schiedsrichter in der Gruppe. Diese tragen das Wissen an die vielen jungen Schiedsrichter weiter", sagt Alexander Arnold. Und: "Wir sind auf die Älteren angewiesen. Sie sind sehr flexibel und zuverlässig. Immer wenn ich Hilfe gebraucht habe, waren sie da."

Der Meister im Straßenbau pfeift seit 2006. Sein Vater Ludwig Weisensel ist seit 44 Jahren Schiedsrichter, pfiff selbst bis zur Bezirksliga und legte ihm somit das Schiedsrichterwesen in die Wiege. "Ich habe meine komplette Jugend bei der DJK Waldberg gespielt, habe mich dann aber für die Schiedsrichterkarriere entschieden, da ich dort höhere Ligen erreichen kann. Ich war schon in Bayernliga, Regionalliga und A-Jugend-Bundesliga im Einsatz", erklärt Arnold. Sein Stellvertreter auf dem Obmannposten, Sebastian Wieber, pfeift ebenfalls Bayernliga. Alexander Arnold lobt den 24-Jährigen: "Sebastian Wieber war sehr aktiv und hat immer die Leute gefördert. Es entstand eine Art Sogwirkung, so dass wir in unserer Gruppe immer mehr werden."

Fast 200 feiern mit

Das 90-jährige Bestehen wird am Samstag groß gefeiert mit einem Ehrenabend in der Oberthulbaer Mehrzweckhalle. "Das ist etwas ganz Besonderes. Wir erwarten etwa 180 Leute. Aus allen Schiedsrichtergruppen kommen Abgesandte, dazu auch Oberthulbas Bürgermeister sowie Walter Moritz, der höchste Schiedsrichter-Obmann Bayerns. Und als Schirmherr tritt Norbert Kröckel, Bezirksschiedsrichterobmann in Unterfranken, auf. Wir beginnen mit Sektempfang, danach Büffet und im Anschluss die Grußworte. Beim lockeren Teil haben wir uns auch um Musiker gekümmert", freut sich Arnold und bedankt sich: "Ohne die ganzen Spender wäre das nicht möglich gewesen." Am Ende widerlegt der 27-Jährige noch einige Vorurteile: "Es wird viel Negatives berichtet und geredet, doch die meisten Schiedsrichter sind sehr zufrieden und haben viel Spaß an ihrer Arbeit. Als Schiedsrichter lernt man viel fürs Leben. Es ist gut für die Persönlichkeitsentwicklung. Die meisten in unserer Gruppe sind jahrelang dabei, wir unternehmen viel miteinander und ich habe noch niemanden getroffen, der nicht gerne Schiedsrichter ist."