Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen oder ein Ron Robert Zieler bekommen Konkurrenz. "Ich würde 2018 für Deutschland gerne im Tor stehen." Sagt Lukas Wenzel, ein zwölfjähriger Junge aus Steinach. Klingt vermessen. Ist es aber nicht unbedingt, wenn man weiß, dass Lukas seit dem 1. Januar das Trikot des 1. FC Nürnberg trägt - als Nummer eins bei den U-13-Junioren.

Begonnen hatte alles ganz normal. Was halt normal ist im Hause Wenzel, wo sich die Eltern als "fußballbekloppt" bezeichnen. Bereits mit sechs Jahren kickte Lukas in der Bambini-Gruppe des TSV Steinach. "Da war ich eigentlich schon immer im Tor", erinnert sich der Siebtklässler, der sich früh einen exzellenten Ruf erarbeitet hat. "Die Gegner waren jedenfalls immer beeindruckt und hatten großen Respekt", weiß Mutter Gabriele. "Der Lukas hat einfach das Talent. Wie er sich wirft und wie er sich im Tor gibt", versucht Wolfgang Wenzel das in Worte zu fassen, was eben einen guten Schlussmann ausmacht. Das Torwart-Gen liegt offensichtlich in der Familie. Der 47-Jährige, gebürtiger Münnerstädter, stand früher selbst im Kasten. Und der ältere Sohn Markus steht aktuell zwischen den Pfosten des Kreisklassisten TSV Steinach.

Die Teilnahme am Sichtungstag im Sommer 2010 in Münnerstadt sollte für Lukas der erste große Schritt auf der Karriere-Leiter sein. Quasi vom Fleck weg verpflichtet wurde der junge Steinacher vom TSV Großbardorf, der in Person von Nachwuchs-Trainer Klaus Kirchner vor Ort vertreten war. Die nächste positive Überraschung folgte einige Zeit später. "Herzlichen Glückwunsch. Du hast es geschafft", hatte Wolfgang Wenzel auf einen Zettel geschrieben, als feststand, dass der Filius die Aufnahme in den DFB-Stützpunkt gepackt hatte. "Das hat mich richtig gefreut, weil ich nicht auf der Stelle stehen bleiben will", erklärt der junge Zerberus ganz erwachsen. "Am Sichtungstag hatte Lukas aber auch 110 Prozent gegeben", berichtet Gabriele Wenzel mit Stolz, die sich früh von der Fußball-Begeisterung in der Familie anstecken ließ.

Bis Oktober 2011 spielte Lukas für die U-13 der "Gallier" aus dem Grabfeld. Und nahm parallel an diversen Probe-Trainings teil, die über das Internet ausgeschrieben wurden. Unter anderem spielte der Youngster bei Eintracht Frankfurt vor, und eben beim 1. FC Nürnberg. "Wir wollten austesten, wozu Lukas fähig ist. Und wollten ein professionelles Urteil einholen", sagt Vater Wolfgang. Das Interesse der "Clubberer" war schnell geweckt, allerdings sahen die Verantwortlichen des fränkischen Traditions-Vereins ein Problem in der Entfernung. "Normalerweise legen wir den Fokus in diesem Altersbereich auf Spieler, die höchstens 50 Kilometer von Nürnberg entfernt wohnen. Im Einzelfall sind natürlich Ausnahmen möglich", erwähnt Caleb Waldhauser, der beim 1. FCN den Steinacher unter seinen Fittichen hat.

Das "Kapitel Nürnberg" war bei den Wenzels eigentlich schon abgeschlossen, was die Lust an "Castings" keineswegs minderte. "Wir wollten doch, dass Lukas vorankommt", trägt Wolfgang Wenzel vor, warum man einen Sichtungstag in Thüringen ebenso einschob wie ein Probe-Training beim dortigen Drittligisten Rot-Weiß Erfurt. "Der Trainer war hellauf begeistert, weshalb Lukas ab dem Spätsommer 2011 schließlich dorthin gewechselt ist", sagt Wolfgang Wenzel. Zweimal die Woche trainierte Lukas in der thüringischen Landeshauptstadt und bestritt U-13-Punktspiele in der Landesklasse, gleichbedeutend mit der Bezirksoberliga. Die Leistungen des jungen Unterfranken waren derart famos, dass sogar die Landesauswahl mit dem Steinacher plante. "Wir hätten 2012 für Lukas sogar einen Platz im Erfurter Sport-Internat bekommen", informiert Wolfgang Wenzel. "Das wäre für uns natürlich bitter gewesen, wenn der eigene Sohn quasi aus der Familie gerissen wird, aber die letzte Entscheidung hat bei uns immer Lukas. Ohne seine Zustimmung wird nichts gemacht."

Was bei der Familie immer noch sauer aufstößt, ist der Umstand, dass Lukas mit dem Wechsel nach Thüringen seinen Stützpunkt-Platz in Bad Kissinger verlor. "Da waren wir schon geknickt, da Lukas auf dem Sprung in die Regionalauswahl war", bemerkt Gabriele Wenzel. Aber die turbulente Geschichte hielt schnell die nächste Wendung parat, weil sich 14 Tage vor Weihnachten der 1. FC Nürnberg erneut meldete, namentlich U-13-Trainer Caleb Waldhauser, der Lukas noch einmal sehen wollte. Zuvor hatten die "Clubberer" sogar einen Scout nach Großbardorf geschickt, um dort zu erfahren, dass der Unterfranke mittlerweile von einem Freistaat zum anderen gewechselt sei.

Vielleicht war es der finale Beweis für die Mittelfranken, wie fokussiert Lukas seinem Hobby nachgeht. Und wer sein Kind nach Erfurt chauffiert, würde dies bestimmt auch nach Nürnberg auf sich nehmen. "Dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag", stellt Wolfgang Wenzel fest. Noch einmal eine Einheit am Valznerweiher mit speziellem Tormann-Training und ein abschließendes Gespräch zwischen Familie und Caleb Wald hauser. Lukas inklusive, der nicht lange überlegen musste. Vor und Nachteile hatte der Familienrat abgewogen und die Entscheidung des Sohnes letztlich mitgetragen. Am 30. Dezember bestritt der Blondschopf noch ein Turnier mit RW Erfurt, um am 1.1.2012 seinen "Dienst" beim 1. FCN anzutreten. Mit allen Konsequenzen. Schließlich trainiert die U-13 des 1. FC Nürnberg bereits dreimal die Woche.

Zweimal die Woche fährt die Mutter ihren Sohn zum Training an die Noris, einmal die Woche geht es zum Stützpunkt-Training nach Großbardorf. Das wurde nach dem Wechsel zurück in den weiß-blauen Schoß wieder möglich. "Die Alternative der Stützpunkt-Teilnahme ist ein Kompromiss, den wir gerne eingehen, um den hohen Aufwand für die Familie etwas zu minimieren", äußert sich Wald hauser. Auch der 48-Jährige, Inhaber des B-Scheins, zeigt sich angetan vom Können seines neuen Schützlings. "Wir hatten beim Probe-Training ganz genau hingeschaut. Wie er die Füße bewegt, wie er die Bälle fängt, wie der Körper zum Ball steht. Und da ist Lukas schon sehr weit mit der Entwicklung. Da passt das Gesamtpaket."

Gleich bei seinem ersten offiziellen Auftritt durfte Lukas einen Turniersieg feiern. "Daran hatte er maßgeblichen Anteil", erinnert sich Waldhauser, dem auch wichtig ist, "dass sich die Spieler und die Familie auch mit dem Verein identifizieren. Aber das ist bei den Wenzels allemal der Fall". Den Ehrgeiz, sich immer weiterzuentwickeln, hat Lukas Wenzel. Wozu auch die Leistungen in der Schule gehören. Für das Schulzeugnis interessieren sich die Nürnberger jedenfalls genauso wie für die Fähigkeiten am Ball. "Es geht uns ebenso darum, dem Spieler zu zeigen, dass Fußball nicht alles und die Schule wichtig ist. Schulische Probleme können auch belastend sein. Wissen wir davon, können wir Hilfe anbieten", informiert Waldhauser.

Mit seinem Zwischen-Zeugnis zeigte sich Lukas jedenfalls zufrieden. "Die Noten sind besser geworden, weil er einen zusätzlichen Ansporn zum Lernen hat", weiß Wolfgang Wenzel. "Außerdem zeigt sich die Hauptschule Bad Bocklet sehr kooperativ, wenn es mal terminliche Überschneidungen mit dem Fußball gibt", freut sich die Mutter.
"Die Kinder können bei uns ein Stück weit ihren Traum leben. Aber wir sind auch ein Leistungsverein. Wir versuchen talentierte Spieler so auszubilden, dass sie vielleicht eines Tages den Sprung zu den Profis schaffen", erklärt Caleb Wald hauser die Vereins-Philosophie.

Bei den U-13-Junioren spielt Lukas Wenzel keine Punkterunde, die beginnt beim "Club" erst eine Jahrgangsstufe drüber in der Bayernliga. Stattdessen gibt es Vergleiche mit Teams aus anderen Leistungszentren. Der Steinacher wird also weiter unter Beobachtung stehen, wird weiter hart an sich arbeiten müssen, um den Sprung in die U-14 zu vollziehen und einen Platz im Club-Internat zu bekommen, das der Verein ab U-15 aufwärts unterhält. "Wir haben Lukas jedenfalls nicht geholt, um ihn nach einem halben Jahr wegzuschicken. Die Perspektive ist da", sagt Caleb Waldhauser. Das Fernduell mit Neuer, ter Stegen und Co. ist eröffnet.