Der Staatsanwalt hatte 18 Monate Haft auf Bewährung beantragt, Verteidiger Georg Schulte hatte acht Monate für angemessen gehalten. Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

Wenn es um Sex mit Kindern geht, ist Justitia absolut humorlos. Dann muss in einem schweren Fall ein Erwachsener mit zwei bis 15 Jahren Haft rechnen.

Volles Geständnis

Der Angeklagte Karl A. *) , ein 20-jähriger Hilfsarbeiter, räumte die Vorwürfe im Wesentlichen ein. Sein Opfer, die Schülerin Hanna O. *), schilderte unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Vorgänge durchaus ähnlich.

A. und O. hatten sich via Facebook kennen gelernt und verabredet. Man traf und langweilte sich. In A.'s Wohnung schaute sich das Pärchen zunächst einen Film an. "Halb zog sie ihn, halb sank er hin", beschrieb Vorsitzender Richter Matthias Göbhardt das, was dann geschehen ist. Wohl auf ihre Initiative hin kam es zum Austausch von Zärtlichkeiten und zu Petting. Damit lag sexueller Missbrauch vor. Denn O. sieht zwar älter aus und gab sich sehr selbstbewusst, war aber erst 13 Jahre und gilt damit als ein Kind im Sinne des Gesetzes.

Alles geschah einvernehmlich

Daran ändert nichts, dass alles im Einvernehmen geschehen ist und dass er ihren Wunsch respektierte zwar bei, aber nicht mit ihm schlafen zu wollen.

Strittig war, ob A. das Alter von O. kannte. Er verneinte das, soll sich aber gewundert haben, wie gut O. als 13-Jährige die Intimitäten ausgetauscht hat. Dabei kam es auch zum Oralverkehr. Deshalb war es ein schwerer Fall sexuellen Missbrauchs.

Dass A. mitgemacht hat, erklärte der Vater und erfahrene Richter Göbhardt so: "Junge Männer in dem Alter sind oft trieb- und nicht hirngesteuert."

Dass sie um 19 Uhr daheim hätte sein sollen, ignorierte O. Sie hatte wieder mal Stress mit den Eltern und wohl Angst vor dem strengen Papa. Als das Handy permanent klingelte, schaltete sie es aus. Dann kuschelte Hanna sich in zwei Decken und schlief auf dem Sofa ein, während Karl sich mit einem Internet-Spiel beschäftigte.

O.'s Mutter Monika *) alarmierte schließlich ihren Ehemann Ali *). Der eilte von der Schichtarbeit herbei und machte sich auf eine stundenlange Suche in der Kleinstadt; vergeblich. Schließlich fanden die Eltern über Facebook heraus, dass sich die heftig pubertierende Tochter mit A. treffen wollte. Ein Bekannter kannte dessen Adresse.

Dort klingelten die Eltern gegen 3 Uhr morgens in Begleitung von Polizisten. Nach einer Weile öffnete A. und rief in die Wohnung: "Die Cops sind da." O. wollte sich verstecken, ihr Vater fand sie in einer Abstellkammer, die er "verdreckt und vermüllt" nannte. "Ich war auf 180, aber auch froh, sie gefunden zu haben", so Ali O. bei seiner souveränen, ruhigen Aussage, die nicht nur dem Gericht Achtung abnötigte. Um 4.30 Uhr war die Familie dann wieder daheim, Hanna musste zur Schule.

Bei der polizeilichen Vernehmung hatte A. die Vorwürfe noch abgestritten - aus Angst, seine damalige und noch heutige feste Freundin zu verlieren.

Professionelle Hilfe vom Amt

Bei den O.'s änderte sich einiges. Früher wollte Hanna provozieren, setzte sich über Regeln und Verbote hinweg, machte oft, was sie wollte, testete Grenzen aus. Zwischen ihr und dem Papa hat es lautstarken Streit mit Beschimpfungen gegeben. Im Moment, sagte Ali O., "klappt es ganz gut. Es gibt nicht mehr so viel Geschrei daheim." Er hat wohl auch eingesehen, dass er vielleicht zu streng und wertkonservativ gewesen war. Auch hat er sich Vorwürfe gemacht, dass Hanna Angst vor ihm hatte. Aber "jetzt sieht es gut aus".

Die O.'s haben sich an die Erziehungsberatung gewandt, und sich professionelle Hilfe beim Jugendamt geholt, sagte dessen Mitarbeiter Alexander Altay. Er sprach von massiven familiären Problemen. Vater und Tochter seien "unter Starkstrom gestanden", die Mutter wollte vermitteln. Hanna habe eine "sehr geringe Regelakzeptanz" gezeigt und sich respektlos verhalten. Sie habe "ganz konkret Angst" vor ihrem Vater gehabt, der wohl auch über das Ziel hinausgeschossen sei. Sie hatte Kontakt zu gerichtsbekannten Jugendlichen und sei zwei Mal abgängig gewesen. Dazu kamen Probleme in der Schule. Das aber scheint der Vergangenheit anzugehören.

Überall rausgeflogen

A.'s Jugend nannte Sozialpädagoge Altay "eine wilde Geschichte". Als Kind litt er unter der Scheidung seiner Eltern, kam zu zahlreichen Bezugspersonen mit unterschiedlichsten Erziehungsmethoden. Er reagierte mit Leistungsverweigerung, wurde hyperaktiv, war nicht mehr steuerbar und hatte Entwicklungsdefizite. Nirgendwo war er lange, flog überall bald wieder raus. Aufwändige Einzelmaßnahmen wie eine Wanderung nach Venedig führten nicht zu einer Verbesserung. Mehrere Jobs hat er aus eigener Schuld verloren. Auch kam er - wegen Kleinigkeiten - mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt.

Noch vor wenigen Monaten, so Altay, sei keine günstige Sozialprognose möglich gewesen. Jetzt aber scheint A. es gerafft zu haben: Er wolle seine Freundin, seinen Job und seine Wohnung behalten. An seinem Arbeitsplatz benimmt er sich. Er hat keine Schulden. Gemeinsam kommen er und seine Partnerin ganz gut über die Runden. Altay schlug angesichts der deutlichen Reifedefizite und Entwicklungsverzögerungen die Anwendung von Jugendstrafrecht vor.

"Sie müssen die Kurve kriegen"

Dem schlossen sich Staatsanwalt, Verteidiger und das Gericht schließlich an. "Sie müssen langsam, aber sicher die Kurve kriegen", sagte der Ankläger. Und: "Sie können es schaffen."

In seinem letzten Wort sagte A., "es war scheiße, klar". Aber früher hätten kleine Mädchen wie kleine Mädchen ausgesehen.

Für das relativ milde Urteil war mitentscheidend, dass sich A.'s Lebenswandel stabilisiert hat. Ein Bewährungshelfer soll ihn unterstützen. Positiv wirkte sich aus, dass er O.'s Nein zum Beischlaf respektiert, dass er in keiner Weise Gewalt angewendet und dass O. keinen Schaden genommen hat. Göbhardt riet ihm, sein Gehirn künftig besser zu nutzen.

*) Namen der Beteiligten geändert; die Redaktion.