Ein Perspektivwechsel tut gut. Aus dem eigenem Alltag rauskommen und erleben, wie es bei anderen läuft. Ich fühle mich ein bisschen wie der kleine Drache Grisu, der gern Feuerwehrmann werden möchte, wenn er groß ist. Ich würde gern einmal Müllmann sein. In grell-orangener Arbeitskluft hinten auf dem Müllfahrzeug durch die Stadt fahren.


Uwe Bottner und Rainer Stumpf sind die Abfuhrkolonne Eins des städtischen Servicebe-triebs. Sie entleeren hauptsächlich die großen 1100-Liter-Container im Stadtgebiet. Dafür fahren sie vor allem Hotels, Kliniken, Schulen und Wohnblocks an. Es gibt aber auch Tage, an denen sie die normalen Rest- und Biomülltonnen abholen. Bottner und Stumpf nehmen mich einen Vormittag als Praktikanten mit auf Tour.

Hol- und Bringservice der Stadt
Arbeitsbeginn ist um 7 Uhr an der Lindesmühle nahe der Eissporthalle; hier ist der Servicebetrieb der Stadt untergebracht. Reichlich früh am Morgen, denke ich mir. Als Journalist sitze ich normalerweise nicht vor 9 Uhr an meinem Arbeitsplatz in der Redaktion der Saale-Zeitung. Aufgeputscht mit zwei großen Humpen Kaffee treffe ich an der Lindesmühle ein, wo Stumpf bereits wartet. Ein gut gelaunter Bottner fährt mit dem Müllfahrzeug vor, der Arbeitstag beginnt pünktlich.

Die ersten Container stehen in der Kurhausstraße. Geschickt und wie aus einem Guss manövriert Uwe Bottner den Laster rückwärts durch eine enge Zufahrt, möglichst nah an die schweren Container ran. Teilweise bleiben ihm nur wenige Millimeter Abstand zwischen den Außenspiegeln und den Gebäudemauern. Ich frage mich, ob ich das mit meinem kleinen Chevrolet auch so souverän hin bekäme? Wahrscheinlich nicht. "Das ist halt mein Beruf. So wie du schreibst, fahre ich eben Laster", bemerkt er nebenbei.

Stumpf ist kurz vorher vom Trittbrett abgesprungen. Er entriegelt die Absperrpfosten auf der Straße und räumt sie beiseite, so dass Bottner passieren kann. Hinter der Sitzbank sind dutzende Schlüssel deponiert, etwa für Schranken und Kellertore. Die Müllabfuhr hat so Zugang zu allen Containern, die sie entleert. "In Bad Kissingen ist das ein Hol- und Bringservice. Das heißt, die Tonnen müssen wir selber holen und aufräumen", erklärt Bottner, während wir einen grünen Container zum Müllauto schieben. Zu zweit geht's. Ein Knopfdruck und die Schüttvorrichtung kippt 1100 Liter Abfall ins Innere des Transportbehälters.

Abwechslungsreiche Routine
Die Arbeitsabläufe sind Routine. Bottner arbeitet seit 19 Jahren, Stumpf seit 14 Jahren beim Servicebetrieb der Stadt. Seit drei Jahren fahren sie montags und donnerstags die Container-Tour. Normalerweise klappt die Arbeit reibungslos, erzählt Bottner. "Einen Verzug gibt es eigentlich nur, wenn das Müllauto ausfällt." Oder wenn die Zufahrt durch Passanten so ungünstig zugeparkt ist, dass sie nicht an die Abfallcontainer herankommen.Die Container sind teilweise überladen und vollgestopft, die Räder alt und verbogen. Ich merke, bergauf wird es zum Knochenjob, Müllmann zu sein.

Der Beruf ist aber trotz aller Routine nicht eintönig. "Wir können dir viel erzählen", meint Bottner. Zum Beispiel, dass er vor ein paar Jahren eine Nacht im Krankenhaus verbracht hat, weil eine Chemikalie im Fahrzeug zu brennen anfing.

Wirtschaftsfaktor Abfall
Bottner und Stumpf sind stadtbekannt. Dauernd werden sie gegrüßt, wechseln immer wieder ein paar Sätze mit Anwohnern oder Passanten. Mir fällt außerdem auf, wie viel die beiden über Bad Kissingen wissen. Sie scheinen zu jedem Hotel und Kurheim die Namen zu kennen, unter denen die Häuser vor Jahrzehnten betrieben wurden. "Hier war übrigens mal eine Disko, die Roxy-Bar", sagt Stumpf, als wir über den Innenhof des Hotels Residenz am Rosengarten laufen. Roxy-Bar? Nie gehört, war wohl vor meiner Zeit. Ich bin überrascht. An dieser repräsentativen und schicken Stelle hätte ich keine Disko vermutet. Meine Generation kennt nur das Look im alten Gewerbegebiet Richtung Arnshausen.
Die Jungs erzählen Geschichten, für die ich erst recherchieren müsste. Für Bottner ist das Müllaufkommen ein Indikator dafür, wie gut es der Wirtschaft geht. "Man kriegt mit, wenn bei einem Hotel weniger Abfall anfällt. Dann wissen wir, dass da weniger los ist", sagt er. Leere Container sind kein gutes Zeichen, denn das heißt: wenig zahlende Gäste. Es geht aber auch in die andere Richtung. "Gerade in der ehemaligen Kaserne hat sich in den letzten Jahren viel getan."

Bottner nimmt die Müllberge nicht nur als Maßeinheit für die Wirtschaftskraft, sondern beobachtet damit auch, wie sich die Stadt entwickelt. Wenn das mal keine spannende Perspektive ist.