Bereits 2008 soll der damalige Vorsitzende des Diakonievereins Bad Brückenau und Eckarts damit begonnen haben, Geld zu veruntreuen (siehe Info-Kasten). Während die juristische Aufarbeitung noch einige Zeit dauern dürfte, schlagen die wirtschaftlichen Folgen sofort durch: Vorsitzender Eberhard Schelle sah sich vor wenigen Wochen gezwungen, den Insolvenzantrag zu stellen und die Pflegestation zu schließen. Betroffen waren zehn Mitarbeiter und rund 30 Patienten. Wir haben mit Schelle über das Aus für Pflegebereich und Verein gesprochen.

Herr Schelle, heute ist der letzte Tag für die Pflegestation: Wie sehr blutet Ihnen das Herz?
Eberhard Schelle: Ich bin schon sehr traurig und da haben Sie si cher Recht, dass einem das Herz blutet, wenn eine über 70-jährige sich verändernde Form der Diakonie in Bad Brückenau - zuerst in Form von Diakonissen der Kirchengemeinde, dann als am bulante Pflege durch den Di akonieverein - zu Ende geht.

Wie viele Mitarbeiter waren be troffen? Sind alle versorgt?
Insgesamt sind neun Mitarbeitende betroffen. Alle haben das Angebot von der Diakonie Schweinfurt bekommen, dass ihnen bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle geholfen wird oder dass sie zum Beispiel in einem Dienst der Diakonie in Bad Kissingen arbeiten können. Die Gespräche sind aber noch im Gange. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an alle Mitarbeiter, die bis zum Schluss ihr Bestes gegeben ha ben, damit der Betrieb bis zum 30. April aufrecht erhalten werden konnte.

Und wie sieht es bei den Patienten aus?
Alle Patienten sind informiert. Es gab und gibt nach meiner Kenntnis keine schwierigen oder gar unlösbaren Probleme, da es einige gute Pflegedienste in der Region Bad Brückenau gibt. Wer Hilfe beim Wechsel benötigt, bekommt sie.
Allerdings müssen wir uns bei der Vermittlung neutral verhalten und tun das auch. Wer keinen Pflegedienst finden sollte, um den kümmert sich dann die Diakonie Schweinfurt.

Das Insolvenzverfahren wurde am 19. April eröffnet: Was kommt jetzt noch auf den Verein zu?
Das hängt von den Ermittlungen ab. Alle Verfahren laufen noch. Wir gehen allerdings davon aus, dass der Vorstand seine - wenn auch schwierigen - ,Hausaufgaben' gemacht hat.

Sie persönlich haben erst vor kurzem die Verantwortung übernommen. Wie fühlt man sich, wenn man eine so lange Tradition zu Ende bringen muss?
Wenn ich eine Verantwortung übernehme, so muss alles mit rechten Dingen zugehen - egal, ob es sich um Vereinsführung oder um Tätigkeit im beruflichen Leben handelt. Ich hätte gerne mit dem neuen Vorstand die Amtszeit von vier Jahren laut Satzung erfüllt.

Hätte das Aus vielleicht verhindert werden können?
Ich denke nicht. Vielleicht hät ten wir misstrauischer sein sollen, aber wer kommt denn auf den Gedanken, dass da so viel im Argen lag. Die hieraus resultierenden Folgen konnten trotz in tensiver Bemühungen nicht mehr kompensiert werden.
Was sollten andere Vereine be ach ten?
Zu beachten ist sicherlich in je dem Fall, dass konsequente, ausführliche und regelmäßige Kassenprüfungen durch Sachverständige unter Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips erfolgen. Empfehlung für andere Vereine möchte ich keine geben. Es muss jeder selbst wissen, was er tut. Ich habe auf jedem Fall immer bei alle Entscheidungen den kompletten Vorstand mit eingebunden und bin damit sehr gut gefahren.

Stirbt mit dem Diakonieverein die Idee eines Diakonischen Dienstes in der Kirchengemeinde oder könn te es irgendwie weitergehen?
Ganz sicher sterben die Idee und der Geist der Diakonie nicht. Sie sind im Übrigen auch nicht davon abhängig, dass ein Verein existiert und kostenpflichtige Dienste angeboten und Mitarbeiter eingestellt werden. Diakonie ist schlicht Nächstenliebe und Hilfe für Menschen in Not aus dem Antrieb des Glaubens. Dass es dabei neben den menschlichen Stärken immer auch Schwächen gibt, ist weder neu, noch zu verhindern in dieser Welt. Jeder von uns behält seine christliche Motivation, Gutes zu tun, und wir werden dann, wenn alle Ermittlungen abgeschlossen sind, sicher auch in die Zukunft schauen und Ideen entwickeln für das diakonische Handeln in Bad Brückenau.

Das Gespräch führte
Ralf Ruppert.

Verein Die Diakonische Arbeit in Bad Brückenau hat eine mehr als 70-jährige Tradition und begann mit der Arbeit von Gemeindeschwestern, so genannten Dia konissen. Die Mithilfe bei der häuslichen Pflege war zunächst über die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde organisiert, später wurde der eigenständige Diakonieverein gegründet. Lange Zeit war der evangelische Pfarrer 2. Vorsitzender des Vereins. Weil der Verwaltungsaufwand stetig zunahm, beendete Pfarrer Gerd Kirchner im Jahr 2008 aber diese Tradition.

Insolvenz In der letzten Jahreshauptversammlung am 20. März machte Vorsitzender Eberhard Schelle die Probleme beim Diakonieverein öffentlich: Seinem Vorgänger wird vorgeworfen, zwischen April 2008 und Juli 2011 insgesamt 70 000 Euro ver untreut zu haben. Schelle hat te deshalb bereits im Juli 2012 Anzeige erstattet. Zudem wird zwei ehemaligen leitenden Mit arbeitern Betrug und Urkundenfälschung vorgeworfen. Bereits Anfang März übernahm das Dia konische Werk Schweinfurt die Lei tung des Pflegebetriebes. Mittlerweile ist auf einen Insolvenzantrag hin die Würzburger Rechtsanwältin Andrea Wollner als vorläufige Insolvenzverwalterin für den Diakonieverein ein ge setzt.

Vorsitzender Eberhard Schelle ist 62 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Der ehemalige Leiter der Gemeindeverwaltung Motten befindet sich in Altersteilzeit. Im April 2012 hat er den Vorsitz des Evangelisch-Lutherischen Diakonievereins Bad Brückenau und Eckarts übernommen. Geboren ist Schelle zwar in Weida/Thüringen, lebt aber bereits seit seiner Kindheit in Bad Brückenau und ist als Pro testant Mitglied der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde.