Den Weg des geringsten Widerstands ist Samira Spiegel bei ihrem Klavierabend im Rossini-Saal bestimmt nicht gegangen. Mit den groß angelegten 4 Impromptus D 935 von Franz Schubert, den "Tre Sonetti di Petrarca" aus den "Années de pèlerinage, Deuxième année" von Franz Liszt und Béla Bartóks fünfteiliger Programm-Suite "im Freien" Sz. 81 hatte sie ein Programm zusammengestellt, das nicht nur ihr selbst sehr viel abverlangte, sondern auch dem Publikum. Wobei eine kleine Beobachtung am Rande durchaus Freude machte: Man kann reizvolle und vor allem auch spannende Klavierabende auch ohne Frédéric Chopin gestalten.

Besonderer Reiz

Dass Samira Spiegel das Konzert mit den vier Schubert-Impromptus D 935, der zweiten Sammlung eröffnete, hatte über das Gewicht des Werkes hinaus einen besonderen Reiz: Die beiden mittleren Impromptus (As-Dur und B-Dur) hatte sie schon einmal in ihrem Solorecital beim Kissinger KlavierOlymp im vergangenen Oktober gespielt. Damals wirkte ihre Interpretation ein bisschen vorsichtig, distanziert, auch buchstabiert. Wovon man sich etwas mehr gewünscht hätte, war erzählerischer Impetus, persönliche Facetten.

Und jetzt? Man merkte mal wieder, was vier Monate im entwickelnden Werdegang einer jungen Musikerin ausmachen können. Samira Spiegel überraschte schon mit dem ersten Akkord. Man merkte sofort, dass sie von Anfang an wusste, worauf sie hinaus wollte. Da war er, dieser erzählerische Impetus, dieser Vortrieb auch im Leisen. Da waren die plausiblen Differenzierungen und Übergänge, die nicht nur Schuberts "himmlische Längen" trotz aller Wiederholungen interessant machten und bleiben ließen. Da merkte man, dass sie sich diese Musik, die man natürlich auch gepflegt zelebrieren könnte, ganz zu Eigen gemacht hatte, dass sie sich in dieser Musik zeigen wollte und konnte. Da spielte sie mit einer lückenlos kalkulierten, sehr persönlichen Agogik, die Interesse weckte und wachhalten konnte. Aber es wurde im Zugriff auch deutlich, wie sehr Schubert beim Schreiben sinfonische Aspekte im Hinterkopf hatte.

Starke Charakterisierungen

Und Samira Spiegel nutzte die gestalterischen Freiräume zu starken Charakterisierungen der vier Sätze, aber auch zur Vermittlung ihrer inneren Verbindungen und ihrer Spannungen. Sie spielte beispielweise das Thema des B-Dur-Impromptus relativ nüchtern und sachlich in der Gestaltung, um es als Material für die folgenden Variationen darzustellen, die dadurch umso stärker wirken konnten. Und natürlich kann man die gegenläufigen Arpeggien des abschließenden f-moll-Impromptus als Fahrt zwischen Himmel und Hölle verstehen, aber auch wie eine heftig bewegte Schiffschaukel, die eigentlich eher für gute Laune sorgt. Nein, das war eine ausgezeichnete Synthese aus der Absolutheit der Musik und ihrer ganz persönlichen Darstellung.

Die Drei Sonette nach Petrarca von Franz Liszt gehören in der vertexteten und gesungenen Fassung nicht zu den besonders oft zu hörenden Beiträgen des Repertoires. Aber in ihrer puren Klavierfassung sind sie eine gerne gespielte Herausforderung. Denn dadurch, dass Liszt die Gesangslinie, wenn auch in etwas abgewandelter Form, in den Klavierpart integriert hat, ist eine enorme technische, aber auch emotionale Verdichtung entstanden. Es sind drei "Lieder ohne Worte" entstanden, die eine starke Gestaltung erfordern, damit sie ihren Reiz auch entfalten können. Samira Spiegel ging die Sache erstaunlich unaufgeregt an, mit einem sehr gut dosierten Spannungsaufbau, mit einer genau auskalkulierten Agogik, die auch in dem langsamen Sonetto 123 diese Spannung halten konnte. Bei ihr gerieten nicht die enormen virtuosen Anforderungen in den Blickpunkt, obwohl man sie durchaus genießen konnte. Sondern es waren die Sanglichkeit und die trotz aller Technik starke Emotionalität, die in den Vordergrund traten. Und plötzlich bekam man bei dieser Musik ein Gespür dafür, was Petrarca in seinen Sonetten zum Ausdruck bringen wollte.

Technisch und klanglich keine Luft mehr nach oben

Ja, und dann die fünf Sätze von Béla Bartóks musikalischer Bilderfolge von "Im Freien", eine der wenigen reinen Klavierkompositionen des Ungarn. Es wurde sofort klar, warum sie nur so selten zu hören sind: Sie sind krachend schwer. Man muss sie wirklich üben wollen. Aber es lohnt sich. Und Samira Spiegel schaffte es, sich den Kopf von den technischen Problemen so weit frei zu halten, dass sie den Hintergründe zeigte: Bartóks Humor im Umgang mit der Volksmusik etwa in (Mit Trommeln und Pfeifen" oder "Musettes" oder mit der übersteigerten Wahrnehmung von nächtlichen Geräuschen in "Klänge der Nacht. Aber der absolute Höhepunkt war der Finalsatz - nicht ganz überraschend, wenn er "Hetzjagd" heißt und Bartók ein unerbittliches Presto fordert. Da stürzte sich die Pianistin mit unglaublicher Vehemenz - und Genauigkeit - ins Getümmel. Da war sowohl technisch als auch klanglich keine Luft mehr nach oben. Da musste sie nach dem Schlussakkord erst wieder zu Atem finden. Das Publikum aber auch.

Als Zugabe spielte Samira Spiegel den zweiten Satz "Danza de la moza donosa" ("Tanz des schönen Mädchens") aus Alberto Ginasteras "Danzas Argentinas", ein sinnliches und trotzdem spannendes Stückchen Musik, das den Zuhörer mit einem überraschenden dissonanten Schlussakkord wieder in die Realität zurückholt.