1146 Grabsteine stehen auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen, der um das Jahr 1580 herum angelegt wurde. Und es ist schon Tradition geworden, dass Kreisheimatpflegerin Cornelia Mence jedes Jahr im September hier einen Rundgang organisiert. Und so trafen sich auch dieses Mal knapp 30 kulturhistorisch oder heimatkundlich Interessierte am 1877 gebauten Tahara-Haus (Leichenwaschhaus), um sich von ihr auf dem 1,2 Hektar großen Hanggelände führen zu lassen.

Vor 400 Jahren gab es nur wenige Einwohner jüdischen Glaubens in den überwiegend katholisch geprägten Dörfern, so dass man sich nicht überall einen eigenen Friedhof leisten konnte. Um 1580 kaufte deshalb die jüdische Gemeinde Hammelburgs ein erst später auf 12.100 Quadratmeter vergrößertes Grundstück in Pfaffenhausen, das über Jahrhunderte als Verbandsfriedhof diente, um dort die Toten aus 26 Gemeinden, also weit über die heutigen Landkreisgrenzen hinaus, bestatten zu können.

Obwohl der Friedhof jüdisches Eigentum war, musste dennoch für jede Beisetzung eine Gebühr zunächst an den Amtssitz Hammelburg, später an die Gemeinde Pfaffenhausen gezahlt werden. Im 18. Jahrhundert waren dies drei Gulden für Erwachsene und ein Gulden für jedes Kind. Mence: "Damals verdiente ein Maurer fünf Gulden pro Monat, ein Schulmeister nur 20 Gulden pro Jahr." Erst später bildeten sich in den Städten größere jüdische Gemeinden, so dass dort - wie 1817 in Bad Kissingen - eigene Friedhöfe entstanden.

Nur unzugängliche und deshalb schwer zu bewirtschaftende Flächen wurden den Juden für ihre Friedhofsanlagen verkauft. "Flächen, die keiner gebrauchen konnte", formulierte es Cornelia Mence beim Rundgang. So hat auch der Pfaffenhausener Friedhof eine recht steile Hanglage.

Alle Grabsteine stehen mit der hebräischen Inschrift nach Osten. Neuere Steine zeigen rückseitig den deutschen Text, nur die neuesten beide Versionen auf der Vorderseite. Verziert sind viele Steine mit Ornamenten, deren Bedeutung einige Besucher anhand der von Cornelia Mence verteilten Texte vorlasen. So verweisen Kannen oder Amphoren auf die levitische Abstammung des dort Begrabenen, zwei Hände mit gespreizten Fingern symbolisieren den aaronitischen Segen, der Schmetterling steht für die Metamorphose und damit für die Wiederauferstehung der Seele und die Sanduhr für die Vergänglichkeit des Lebens.

Hin und wieder ist auf dem Friedhof statt eines Grabsteins eine abgebrochene Säule zu finden, die das abrupt unterbrochene Leben erinnert. Erkennt man die Zeichen Alpha und Omega auf einem Grabstein, eigentlich ein typisches Symbol des Christentums, dürfte es sich um einen wohl preiswerteren, weil vom Steinmetz schon serienmäßig vorgefertigten Grabstein gehandelt haben, meinte dazu die Kreisheimatpflegerin.

Mence gab nicht nur Auskunft zur Symbolik, sondern erzählte auch kleine Geschichten zu einigen bekannteren Persönlichkeiten, die auf dem jüdischen Friedhof bestattet sind. So las sie vor dem Grab des Westheimer Gemeindevorstehers Benjamin Hirschenberger, der am 18. Oktober 1904 starb, den Bericht aus der jüdischen Zeitung "Der Israelit" vom 3. November, in dem die Beisetzung in Anwesenheit von Familie und Freunden, der Verwaltung und der Feuerwehr genau beschrieben wurde.

Grabsteine aus der Anfangszeit um 1600 wird man heute in Pfaffenhausen wohl nicht finden. Zwar dürfen jüdische Grabstätten niemals aufgelöst werden, doch war es Brauch, nach Jahrzehnten aus Platzmangel "aufzustocken", berichtete Kreisheimatpflegerin Mence. Noch heute sieht man am westlichen Ende, dem ältesten Teil des Friedhofs, an dem einst auch der Eingang war und das erste Tahara-Haus stand, einen breitflächigen, begrünten Erdhügel ohne Grabsteine, der auf eine solche Aufstockung hindeutet.

Doch auch die ältesten der heute noch stehenden Grabsteine sind derart verwittert, dass die Inschriften nicht mehr lesbar sind. Zudem ist es für heutige Fachleute schwierig, das alte Hebräisch zu übersetzen. Auch deshalb gibt es bis heute keine Dokumentation des Pfaffenhausener Friedhofs und seiner Grabsteine. "Pro Stein dürfte es über 1000 Euro kosten - abbauen, restaurieren, Inschrift übersetzen und wieder einsetzen", schätzt Mence.

Noch stehen 1146 jüdische Grabsteine auf dem 440 Jahre alten Friedhof in Paffenhausen, dessen weiterer Betrieb 1938 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Viele der dort Bestatteten sind heute vergessen. Sogar manche ihrer Grabsteine sind schon halb im Erdreich versunken.