Die Einsatzkräfte haben alle Hände voll zu tun. In der Lebenshilfe-Werkstatt brennt es. Die Gebäude, in denen normalerweise schwerbehinderte Menschen arbeiten und betreut werden, sind stark verraucht. Im Hof schwimmt eine grüne Pfütze aus giftigen, ausgelaufenen Chemikalien. Es gab eine Explosion. Die bereits von der Feuerwehr in Sicherheit gebrachten Menschen werden zur Versorgung auf der Straße gesammelt. Die geistig verwirrten Menschen wehren sich gegen ihre Helfer, schlagen um sich, versuchen immer wieder, wegzurennen.

"Zum Glück ist es in der Lebenshilfe-Werkstatt bisher noch nie zum Ernstfall gekommen", meint Johannes Heim von der Feuerwehr Haard, der die Brandschutzübung organisiert hat. Der Rauch stammt aus einer Nebelmaschine, bei den Chemikalien handelt es sich um eingefärbtes Wasser, bei den Wunden um Schminke und bei den Opfern um Statisten.

Bei einem tatsächlichen Unglücksfall wären 230 Behinderte und 60 Angestellte betroffen. Die Masse der potentiellen Opfer sei für die Feuerwehr allerdings nicht der entscheidende Punkt. "Das kann man überall haben", sagt Heim. Das Besondere an diesem Szenario für die Rettungskräfte sei der Umgang mit Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung, die sich teils unberechenbar verhalten. "Das ist eine Erschwernis bei der Rettung", beschreibt Heim die Lage aus Sicht der Rettungskräfte.

Realistische Unfalldarsteller


Dass sich die Unfalldarsteller realistisch verhalten, bestätigt Richard Kiesel, der seit Jahren bei der Lebenshilfe arbeitet. Bei einer Simulation vor einiger Zeit habe sich beispielsweise ein geistig Behinderter schreiend auf der Toilette eingeschlossen und habe ohne Hilfe nicht evakuiert werden können. "Andere dagegen fangen zu krampfen an", weist Kiesel auf eine weitere Schwierigkeit hin.

Der Umgang mit den Behinderten ist jedoch nicht das einzige Problem, das die Feuerwehrmänner neben der Brandbekämpfung und Erstversorgung bewältigen müssen. "Dadurch, dass die Lebenshilfe-Werkstatt ein verarbeitender Betrieb ist, gibt es vor Ort viele Gefahrenstoffe", erläutert Johannes Heim. Fässerweise stapeln sich diverse Farben, Lacke und Verdünnungsmittel. "Im schlimmsten Fall lagern hier circa eine Million Batterien", schätzt der Übungsleiter.

Gefahrengut wurde beschädigt


Nicht umsonst basiert das Szenario auf einem Chemie-Unfall: Beim Verladen von Gefahrengut im Werkstatthof wurden Fässer mit Gefahrengut beschädigt. Die giftigen Substanzen traten aus, vermischten sich unkontrolliert miteinander und explodierten. Das durch die Explosion hervorgerufene Feuer griff in Windeseile auf von der Werkstatt auf alle weiteren Gebäudeteile über.

Die Übung fand im Rahmen der Brandschutzwoche 2012 statt und ist in dieser Woche nicht die erste, die in der Lebenshilfe-Werkstatt abgehalten wurde. Bereits einige Tage zuvor war das Personal gefordert, sich auf den Ernstfall vorzubereiten und die Nüdlinger Werkstatt möglichst schnell zu evakuieren. Das Szenario dagegen war als Übung für die Rettungskräfte der Feuerwehren aus dem Landkreis gedacht.

92 Einsatzkräfte aus neun Gemeinden nahmen bei der Übung in Nüdlingen teil. Es rückten die Feuerwehren aus Nüdlingen, Haard, Hausen, Bad Kissingen, Oerlenbach, Münnerstadt, Weichtungen, Maßbach und Steinach an.