Im Nachhinein war es keine Überraschung, dass das Konzert von "Sistergold" in den Max-Littmann-Saal verlegt werden musste. Die Kartennachfrage war für den vorgesehenen Rossini-Saal einfach zu groß gewesen. Und es wäre wirklich schade gewesen, wenn nicht jeder, der es gewollt hätte, das Saxophonquartett auch hätte erleben können. Denn das Saxophon ist eines der vielseitigsten Instrumente mit einem enorm sinnlichen, höchst flexiblen Ton, der auch abseitige Imitationen erlaubt, das genauso melodisch wie perkussiv gespielt werden kann, das fast ein ganzes Orchester ersetzt und gleichzeitig der menschlichen Stimme ungemein nahe kommt.

Die vier Frauen von "Sistergold" sind sich dieser Möglichkeiten bewusst: Inken Röhrs (Sopran-Sax), Elisabeth Flämig (Alt-Sax), Sigrun Krüger (Tenor-Sax) und Kerstin Röhn (Bariton-Sax) reizen ihre Instrumente bis an die Grenzen aus. Und nicht nur das. Drei der vier Frauen haben sich beim Studium der Kulturwissenschaften und -pädagogik in Hildesheim kennen gelernt und Kerstin Röhn aus Kassel mit ins Boot geholt. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Denn natürlich spielt in den Konzerten die Musik die Hauptrolle, aber dank der Theatererfahrung der vier ist sie in eine durchkomponierte, hochgradig unterhaltsame, witzig moderierte, mitunter akrobatische und insgesamt völlig unverkrampfte Bühnenshow gepackt.


Fantasiereiches Spiel

So konnte das Quartett nicht einfach auf die Bühne kommen und anfangen. Es begann bereits im Off, Joe Zawinuls "Mercy, Mercy, Mercy" zu spielen und zog gemessenen Schrittes am Publikum vorbei zu seinem Arbeitsplatz auf dem Podium. Und mit George Gershwins " I Got Rhythm" und Paul Desmonds "Take Five" zeigten sie gleich, wo der Hammer hängt. Nämlich sehr hoch. Die vier haben nicht nur enorm viel Fantasie, die sie auf ihren Instrumenten ausleben können, sondern sie sind auch absolut perfekt aufeinander eingespielt. Bei ihnen zeigt sich der Vorteil, wenn ein Repertoire nicht ausufernd groß ist, auch wenn es sich aus allen nur denkbaren Schubladen der Genres bedient von Barock über Jazz, Blues und Klezmer bis Rock und Funk. Und bei der einen oder anderen Eigenkomposition. Was die vier einstudiert haben, das sitzt. Und deshalb kann es abheben.

Es sind Kontraste, die das Programm beherrschen: auf der einen Seite etwa der "Backstage Blues" des Vibraphonisten Wolfgang Schlüter, den Elisabeth Flämig arrangiert hat, die auch in einem fürchterlich melancholische Solo die Tristesse der üblichen Künstlergarderoben geradezu körperlich erfahrbar machte; auf der anderen Seite Irvin Berlins schmissiges "Puttin' on the Ritz" oder Charles Robert Guidrys "See You Later, Alligator" oder John Lennons "When I'm Sixty Four". Da gab es ein wunderschönes, weite Klangräume öffnendes Arrangement (Elisabeth Flämig) von Isaac Albéniz" "Sevilla". Natürlich durfte Klezmer nicht fehlen, denn der bietet sich nicht nur wegen seiner flexiblen Klanggestaltung geradezu an wie mit Sholom Secundas "Bei mir biste scheen" oder mit dem pfiffigen, immer tänzerischer werdenden "Klezmer Wedding" von Mike Curtis - ursprünglich ein Klarinettenquartett, aber mit Saxophonen wesentlich differenzierter. Nach Kuba führte "Chan Chan" von Compay Segundo, eine Komposition ursprünglich für Gitarre, ein Ausflug in den Buena Vista Social Club am Strand von Havanna. Da kletterte Inken Röhrs sogar extra von der Bühne und spielte ein herzzerreißendes Solo für den "Hombre" in der vierten Reihe. Und ob bei "Blondes Gift" von Kerstin Rhön oder "Gee, Officer Krupke" aus Leonard Benrsteins "Westside Story" - immer schwingt und swingt sie mit, die Lust an der kreativen Konfrontation.


Premiere

Freilich durfte auch die Barockmusik nicht fehlen, und da erlebte das Winterzauber-Publikum eine kleine Premiere: Zum ersten M al spielte "Sistergold" ("Wir wollen mal sehen, ob wir das in unser neues Programm aufnehmen können") öffentlich eine Bearbeitung des "Einzugs der Königin von Saba" aus Georg Friedrich Händels Oper "Salomon", ein prachtvoll eiliges Stück zwischen rhythmischer Strenge und starker Farbigkeit. Es hat den Test mühelos bestanden.

Natürlich dauert jedes Konzert so lange, wie es dauert - also manche zu lang. "Sistergold" hätte ruhig noch weiterspielen und -albern können. Das Publikum wäre gerne geblieben. Zumal man den Eindruck hatte, dass es den vier Musikerinnen auch leid tat, dass sie irgendwann aufhören mussten. Zu ihren Zugaben mussten sie jedenfalls nicht gezwungen werden.