Während sich der Einzelhandel noch streitet, ob an Heiligabend die Supermärkte geöffnet werden sollen, backt Shakira Kokosmakronen. Für sich, die Mädchen und die Männer. Denn am 24. Dezember arbeitet sie. "Ich mach das gern." Sie wird wie jeden Abend ihren drahtigen Körper um die Stange im Nachtclub Mascott wickeln, sie wird sich winden und räkeln. Und reden, mehr als sonst. "Heiligabend tanzen wir nicht nur. Wir sind dann auch Psychologen."


Wenn Shakira einen Raum betritt, dann wird der ein wenig heller. Wie die winzige Küche in der kleinen Wohnung neben dem Mascott, in der die Frauen wohnen können, wenn sie in der Tabledance-Bar auftreten. Shakira - ihr richtiger Name geht niemanden etwas an, findet sie - hat die seltene Gabe, sofort Verbindlichkeit herzustellen. Mit warmen braunen Augen schaut sie Menschen freundlich an, ihr komplettes Gefühl scheint in ihrer vollen Oberlippe zu liegen, wenn sie lacht, dann breit, offen, rauchig, laut. Wenn nicht, verrät ihre Mimik jedes Gefühl. Das einzig falsche an ihr scheinen die üppigen Haare und die Fingernägel zu sein.


Seit einer Handvoll Jahren tanzt sie im Mascott. "Ich habe das große Glück, einen fantastischen Chef zu haben. Er ist ehrlich und geradlinig, er ist einfach ein besonderes Exemplar. Vor allem durch ihn fühle ich mich hier sehr wohl."


Das Haus mit seinen 52 Jahren wohl eines der ältesten im Gewerbe. Man sieht"s dem Haus von außen an, innen ist ein klarer Blick nicht möglich, zu viele Spiegel, Glitzer, Lichter schaffen eine andere Illusion. "Ich liebe meinen Beruf und ich brauche die Bühne. Ich finde es sehr schön, wenn Männer mich begehren, ich brauche den Jubel.Ich mag es, wenn sie meinen Namen rufen." Das war anfangs nicht so. Die gelernte Frisörin hat sich vorher auf eher züchtigen und dennoch erotischen Bauchtanz beschränkt. "Und dann kam der Tag, an dem eine Kollegin sagte: Das kannst du auch oben ohne."


Schüchtern war sie damals, erinnert sie sich, "und geschämt habe ich mich". Und dann plötzlich war es da: "Es hat mir gefallen, ich habe einen schönen Körper, ich habe eine Power, die von innen kommt. Und: Es sieht ja nicht die ganze Welt - nur meine Kunden." Dass sie deren Projektionsfläche ist, stört sie nullkommanull. "Es ist schön, in der Vorstellung vieler Männer zu leben. Sie fassen mich ja nicht an. Und wenn Ehemänner hier sind und sich bei mir Appetit holen, dann helfe ich, Ehen zu retten - ich zerstöre keine."


Shakira hat selbst Familie, zwei Kinder, die 400 Kilometer entfernt von Bad Kissingen wohnen. "Sie sind selbständig, sofern man das von Kindern sagen kann." Das Alter der Kinder sagt sie nicht, auch nicht ihr eigenes, das - so findet Shakira - geht auch niemanden etwas an. "Und natürlich wäre es auch großartig, mit meinen Kindern Weihnachten feiern zu können. Aber ich habe einen Job." Und damit sich im Mascott an Heiligabend jeder wohl fühlt, bäckt sie jetzt schon. Auch für die anderen Frauen, die Weihnachten in zwei-Lieder-Schichten mit ihr tanzen werden. "Ich mag es, mich zu kümmern, ein bisschen die Mama zu spielen."


Sie weiß, welche Männer von 20 bis 5 Uhr an Heiligabend kommen. Nicht die verstohlenen Familienväter, natürlich auch keine Paare, die sitzen zuhause, essen Gans und packen Geschenke aus. Es sind Geschäftsmänner, Kurgäste, Singles. Und sie hat es erlebt, dass der ein oder andere heult wie ein Schlosshund. "Ach Gott!", sie winkt ab, "natürlich kommt das vor! Viele haben Probleme, und wir sind nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Psychologen." Da geht es dann um Liebeskummer, um Einsamkeit, um den Streit mit der Frau. Dann hört sie zu. "Und ich nehme mir auch heraus, ihm Ratschläge zu geben. Ich versetze mich in seine Situation: Was würde ich tun?" Die Erotik wird dann zur Nebensache, wenn Shakira bei einem sitzt und zuhört. Wenn es dem Kunden dann besser geht und vielleicht noch ein "Dankeschön" kommt, strahlt Shakira. Sie mag Männer, Frauen - Menschen.


Dass sie selbst alleine ist, das ist für sie ein notwendiges Übel. "Meine Arbeit und eine Beziehung, das verträgt sich einfach nicht."
Sie sei gerne allein, sagt sie. "Ich rede doch den ganzen Tag, ich kommuniziere andauernd, ich mag meine Kolleginnen, wir feiern viel." Und doch, klar, sie kennt sie auch, diese miesen Stunden, die jeden Single überfallen, wenn sie dann doch da ist, diese schwarze, elende Einsamkeit. Sie kennt sie, aber diese Stunden seien selten. "Dann weine ich."


So wird ihr Heiligabend also von der Stange, dem Tanz, den Männern, dem Prosecco und der Musik bestimmt sein. Eben von ihrem Job. Und dazu kommt ihr ganz eigenes Händchen, das sie für Menschen hat. Sie wird Plätzchen reichen, wenn Süßes trösten kann. "Ich möchte es warm haben in dieser Nacht." Eine Wärme, die nicht mit dem Thermostat zu regeln ist.