Die anstehende Schließung der Erdgas-Zapfsäule in der Kissinger Straße beschäftigt nicht nur die betroffenen Autofahrer. Durch unsere Berichterstattung ist die Initiative ErdGasgeben auf die Thematik aufmerksam geworden. Der Westfalener Verband verschickte ein Plädoyer für den Erhalt der Zapfsäule nach Bad Brückenau. An der Schließung zum 30. Juni diesen Jahres änderte die das jedoch nichts. Mangels Tankmöglichkeit soll dann das Erdgas-Auto der Stadt verkauft und durch ein Elektro-Auto ersetzt werden.

Strom statt Gas

"Das ist schon seit zwei Jahren im Haushalt eingeplant", informiert Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU). Aktuell sei man auf der Suche nach dem geeigneten Modell. Die Infrastruktur zum Laden der Akkus ist bereits vorhanden. "Aktuell betreiben wir vier Ladesäulen im Stadtgebiet und eine in Kooperation mit der Diözese Würzburg am Volkersberg", informiert Michael Garhammer, der Leiter der Stadtwerke. Laut ihm zapfen auch Autofahrer, die nicht aus Bad Brückenau kommen, dort ihren Strom. "Das Angebot wird zunehmend wahrgenommen."

Unwirtschaftliche Tankmöglichkeit

Anders sieht es bei der Erdgas-Zapfanlage aus. "Es ist kein wirtschaftliches Unterfangen", sagt Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU). Die Entscheidung, die Tankstelle zu schließen, sei gut abgewogen gewesen. Ein Beweggrund war der sinkende Absatz der 2006 eröffneten Zapfsäule. "2014 haben wir noch 124.000 Kilogramm Erdgas verkauft, 2018 waren es nur noch 55.000 Kilogramm", sagt Garhammer. Meyerdierks dazu: "Es ist nicht zu erwarten, dass die Zahlen der Erdgas-Autos zunehmen werden."

Kein Hauptabnehmer vorhanden

Zwar gebe es Erdgas-Tankstellen, deren Betrieb sich rechnen würde, allerdings sei bei diesen ein Busunternehmen als Hauptunternehmer angeschlossen. "Das ist zum Beispiel in Gießen der Fall - aber nicht bei uns", weiß Meyerdierks. Die Stadt Bad Brückenau könnte den Erhalt der Tanksäule zwar bezuschussen, doch das sei zu teuer. "Dafür wäre etwa ein sechsstelliger Betrag notwendig", informiert sie.

Etwas für die Allgemeinheit

Die Stadt Bad Brückenau ist Stabilisierungshilfe-Empfänger. "Es gibt Pflichtaufgaben, die wir erfüllen müssen und freiwillige Leistungen, die wir innerhalb eines gewissen Rahmens anbieten können." Unter die freiwilligen Leistungen fällt etwa die finanzielle Unterstützung eines Schwimmbads oder der Betrieb einer Erdgastankstelle. Laut dem Gesetzgeber müssen freiwillige Leistungen auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft, und gegebenenfalls auf ein angemessenes Niveau reduziert werden. "Deshalb müssen wir in der Verwaltung genau abwägen, was wir unterstützen", betont Meyerdierks. "Der 'Luxus', den sich Bad Brückenau leistet, soll der Allgemeinheit zu Gute kommen." Die Bürgermeisterin: "Ich stecke das Geld lieber ins Schwimmbad."

Zertifikate verkaufen, um Tankstelle zu erhalten

Eine Finanzierungsmöglichkeit ist der Quotenhandel. "Die großen Mineralölunternehmen müssen einen Mindestanteil an sauberen, emissionsarmen Kraftstoffen anbieten, um damit einen vorgegebenen Wert an Treibhausgasminderung zu erfüllen", informiert Norbert Viezens, von der Initiative ErdGasgeben aus dem Kreis Soest in Ostwestfalen. Erdgas ist als emissionsarmer Kraftstoff Teil des Quotenhandels. "Alle Stadtwerke, die eine Erdgas-Tankstelle betreiben, können ihre verkaufte Kraftstoffmenge in Form von Zertifikaten an die Mineralölunternehmen weiterverkaufen und damit einen zusätzlichen Erlös erwirtschaften", erklärt Viezens den Hintergrund. "Das haben wir gemacht, aber die Erlöse reichen nicht aus, um die Zapfsäule kostendeckend zu betreiben", sagt Michael Garhammer von den Stadtwerken.

Kritik von Bürgern

Bei Betroffenen stößt das auf Unverständnis. "Die Politik fordert permanent umweltfreundliche Antriebe, wie passt das zum Abbau der Zapfsäule?", fragt Teresa Schneider. Die Riedenbergerin kaufte sich vor zweieinhalb Jahren ein Erdgas-Auto bei einem Autohaus. Jetzt fällt ihr eine Tankmöglichkeit weg. Um zu tanken, müsste sie nach dem 30. Juni nach Bad Kissingen oder Fulda fahren. Gemeinsam mit dem Autohaus suchte sie eine Lösung: Statt mit umweltfreundlichem Erdgas, fährt Schneider jetzt mit Benzin. Genauere Informationen waren bis Redaktionsschluss nicht in Erfahrung zu bringen.

Initiative kämpft um Erhalt

Kritisch sieht die Schließung der Tankstelle auch Viezens. Deshalb wandte er sich mit einer Stellungnahme gegen die Schließung an Stadt und Stadtwerke. "Es ist möglich, eine Erdgas-Tankstelle kostendeckend zu betreiben - selbst wenn es nur wenige erdgasbetriebene Pkws gibt." Ein angegliedertes Busunternehmen sei dafür nicht zwangsläufig notwendig. "Bei uns hat zum Beispiel eine Spedition mehrere erdgasbetriebene Lkws gekauft." Für Viezens ist klar, dass mehr Öffentlichkeitsarbeit für Erdgas betrieben werden müsse. "Es ist ein sauberer Kraftstoff, und deshalb sollte der Staat Anreize schaffen." Es reiche nicht aus nur auf E-Autos zu setzen. Viezens Forderung: "In der Mobilität der Zukunft müssen wir mehrbeinig stehen."

Zahleninfo:

127 Erdgas-Fahrzeuge waren 2018 im Landkreis Bad Kissingen zugelassen.