Die erste Sonderausstellung im Heimatmuseum Nüdlingen wurde im Museumsgasthaus "Stern" von Bürgermeister Harald Hofmann und Werner Herterich, dem Vorsitzenden des Heimatvereins, offiziell eröffnet. Unter dem Titel "Der Nächste bitte" widmet sich das Gemeinschaftsprojekt von Gemeinde und Heimatverein der Geschichte des Gesundheitswesens in Nüdlingen und Umgebung. Für die finanzielle Unterstützung bedankten sich Bürgermeister und Vorsitzender beim Bezirk Unterfranken, vertreten durch die Bezirksräte Karin Renner und Stefan Funk.

In seiner Begrüßungsrede vor rund 100 Anwesenden, darunter Vertreter der Kommune und viele ehrenamtliche Helfer des Heimatvereins, ging Bürgermeister Hofmann auch auf die lange Tradition des Museumsgasthauses "Stern" ein. Wahrscheinlich gehe es auf das Jahr 1536 zurück, denn diese Jahreszahl sei in den Grundmauern eingekerbt. Der frühere Gasthof mit Metzgerei, ein ehemaliger Treff- und Kommunikationspunkt, sei vor etwa zwei Jahrzehnten in den Dornröschenschlaf verfallen und geschlossen worden. Hofmann begrüßte die Initiatoren für die heutige Nutzung des Gebäudes, Altbürgermeister Günter Kiesel, den ehemaligen Besitzer des "Stern" Peter Ruppert, Werner Herterich, den 1. Vorsitzenden des Heimatvereins mit seinen Stellvertretern, Vorstandsmitgliedern und allen aktiven Helfern des Vereins.

Im Dezember 2013, als die Kaufverhandlungen abgeschlossen waren, wurde beschlossen, dass das Gebäude äußerlich wieder "in Schuss" gebracht werden solle. Die ehemalige Gaststätte könne an den Heimatverein vermietet werden, hieß es im Sitzungsprotokoll des Gemeinderates. Auf die Möglichkeit, sie als Museumsgasthaus zu nutzen, wurde hingewiesen. "Äußerlich strahlt der 'Stern' wieder", freute sich Bürgermeister Harald Hofmann. Die Fassade sei vom Bauhof der Gemeinde, vor allem von Mitarbeiter Thomas Günter, "in Schuss" gebracht worden. An Materialkosten seien 25 185 Euro und 700 Arbeitsstunden geleistet worden. Als "hervorragend" bezeichnete Harald Hofmann die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege.

Dankesworte richtete das Gemeindeoberhaupt an Bezirksrätin Karin Renner, Bezirksrat Stefan Funk und Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Klaus Reder. Der Bezirk habe großartige Unterstützung in Form von wissenschaftlicher Begleitung und Geld gewährt. Hervorgehoben wurde die Arbeit, die Daniela Kühnel M.A., eine freiberufliche Kulturhistorikerin, geleistet habe. In diesem Zusammenhang bedankte sich der Bürgermeister auch bei den langjährigen, früheren Museumsleitern Horst Günter und Johann Göbbel. Sein Gruß galt dem neuen Museumsleiter, Dr. Bernd Hein.

Harald Hofmann resümierte: "Einen weiten, aber zügigen Weg sind wir gegangen. Workshops, Ideensammlung, Konzepterarbeitung, Finanzplan bis 2022". Dies habe man dem Gemeinderat vorgestellt. Das ehrenamtliche Engagement des Heimatvereins habe begeistern und motivieren können. Vielen Dank sagte er örtlichen Ärzten, Zahnärzten und der Apothekerin für ihr beigesteuertes Fachwissen zur Ausstellung. Das Konzept, ein Museum mit wechselnden Themenausstellungen interessant zu machen, gehe bereits bei der Eröffnung auf. Als Ehrengäste begrüßte der Bürgermeister unter anderem die Kreisheimatpfleger Werner Ebert und Christian Neugebauer.

Schwung ins Dorfleben bringen

In seinem Grußwort beschrieb Vorsitzender Werner Herterich die Anfänge des Heimatvereins im Jahre 1954, der sich zunächst "Burschenverein Fidelia" nannte. 20 junge Männer hätten es sich zur Aufgabe gemacht, Schwung ins Dorfleben zu bringen. Man organisierte Tanzveranstaltungen, Maibaumaufstellungen, Faschingsveranstaltungen mit Umzügen und Kirchweihtanz. Die Aufbruchsstimmung zeigte sich im Anwachsen der Mitgliederzahlen, die innerhalb von drei Jahren auf 80 Burschen stiegen. Im Jahre 1960 folgte die Umbenennung in "Heimatverein Nüdlingen".

Schwerpunkt war die Pflege alter Volkssitten und Bräuche, sowie der Schutz und Erhalt historischer Heimatwerke. Als weitere Etappen beschrieb der Vorsitzende die Begründung des Bergfests und der Aufbau des Heimatmuseums. Im Jahre 1966 konnte die Eröffnung gefeiert werden. Die Einnahmen aus dem Bergfest wurden für Maßnahmen der Heimatpflege eingesetzt. In späteren Jahren, so Herterich, sei die Aufrechterhaltung des Museumsbetriebs wegen der Altersentwicklung der Mitglieder immer schwieriger geworden. "Deshalb wurde ein neues Konzept gesucht und gefunden", sagte er. Er lobte die Zusammenarbeit mit dem Bezirk Unterfranken und der Gemeinde Nüdlingen. Sonderausstellungen sollen "neues Leben", Innovationen und neue Besucher ins Museum bringen. So sei das Pilotprojekt "Der Nächste bitte" entstanden. Auch Herterich konnte nicht umhin, sich vielfach zu bedanken.

Die aus Nüdlingen stammende Bezirksrätin Karin Renner zeigte sich über die Neubelebung des "Stern" als Treffpunkt und Kommunikationszentrum hocherfreut. Sie lobte vor allem den früheren Museumsleiter Horst Günter, der sich intensiv um das Heimatmuseum gekümmert habe. Wer seine Vergangenheit kenne, könne auch die Gegenwart verstehen und Zukunft gestalten, sagte Renner. Sie bedankte sich bei der Gemeinde und dem Heimatverein. Der Bezirk habe das neue Museumskonzept gern unterstützt.

Ein Zahnarzt plaudert

Bevor die Anwesenden sich auf den Weg zur Sonderausstellung im Heimatmuseum machten, folgten sie den interessanten und humorvoll vorgetragenen Ausführungen des neuen Museumsleiters Dr. Bernd Hein. Der ehemalige Zahnarzt berichtete, dass die Behandlung des menschlichen Körpers unter der Bezeichnung "Humanmedizin" zusammengefasst wurde. "Das Gebiet der Zahn-, Mund- und Kiefererkrankungen existierte nur in Form von Marktschreiern, Badern und Dentisten. Die Zahnmedizin als ebenbürtiger Teil der Medizin kam erst im 19. Jahrhundert dazu", berichtete Dr. Hein. Die Tatsache, dass die Zahn- noch immer neben der Humanmedizin geführt wurde, ließ Hein darauf schließen, dass sie nicht human gewesen sei. Er verwies darauf, dass früher Zähne nicht als Ganzes entfernt, sondern herausgebrochen wurden. Die Eingriffe mit ungeeigneten Geräten und Techniken ohne vernünftige Lagerung des Patienten bei unzureichender Sicht und ohne adäquate Anästhesie könne nur "unmenschlich" genannt werden.

Das Wort "Hygiene" habe noch nicht existiert. Krankheitserreger seien oft unzureichend oder gar nicht bekannt gewesen. "Was wäre die moderne Medizin ohne Desinfektionsmittel, Sterilisationsverfahren zur Keimfreiheit, Medikamente zur Schmerz- und Keimbekämpfung, Sauberkeit bei chirurgischen Eingriffen und ohne kostenintensive Forschungstätigkeit!" All dies erscheine mittlerweile so selbstverständlich, dass oft der Bezug zur Realität verloren gegangen sei. Mit Aufkommen der Lokalanästhesie ("Spritze") seien mehr oder weniger schmerzfreie Eingriffe möglich geworden. Aber die Spritzennadeln seien anfangs dick und nach mehrmaligem Gebrauch stumpf gewesen. Der Einstich erfolgte unter Druck und sei deshalb schmerzhaft gewesen. Dr. Hein beschrieb dann den technischen Fortschritt mit "grazileren" Instrumenten und besseren Materialien. Der Einstichschmerz sei sehr gering geworden und die Nadeln seien nur zum einmaligen Gebrauch gedacht gewesen.

Ein Bestellsystem für die Patienten gab es nicht. Stundenlanges Warten sei die Folge gewesen. Alle möglichen "Horrorgeschichten" hätten dabei die Runde gemacht. Rezeption, Lagerhaltung und Behandlungszimmer waren ein Raum. Unvorstellbar sei auch, dass Röntgenaufnahmen ohne Schutzmaßnahmen durchgeführt wurden und Wasserkühlung beim Bohren und Schleifen nicht vorhanden war. Das "Doriot-Gestänge" mit Umlaufrollen und Armgestängen sei gang und gäbe gewesen.

Die Arbeit am liegenden Patienten sei erst in den 1970ern und 1980ern aufgekommen, was eine enorme Entlastung für Patienten und Behandler bedeutet habe. Durch hervorragendes Licht aus der OP-Leuchte sei die Sicht enorm verbessert worden. Als weitere Meilensteine nannte Dr. Hein elektrische Winkelstücke mit Wasserkühlung und integrierter Lichtführung, sowie hochwertige Absauganlagen. Zudem hätten bildgebende Verfahren wie Computer-Tomografie und Magnetresonanz-Tomografie das herkömmliche Röntgen enorm erweitert. "Immer schneller, immer moderner und immer mehr High-Tech" sei zur Devise geworden. Eine kritische Bemerkung konnte sich der Zahnarzt nicht verkneifen: Manche Praxen seien zu teuren "Wohlfühloasen", Kunstgalerien und innenarchitektonischen Highlights ausgebaut worden.

Am Ende seines Vortrags kam Dr. Bernd Hein zu folgender Einschätzung: "Bei der zukünftigen Entwicklung des Gesundheitswesens hoffe ich auch weiterhin auf eine gute zahnmedizinische Versorgung zum Wohle von uns allen. Getreu dem Motto, dass wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können."