Natürlich gab es wie immer und überall die Hauptbedenkenträger, die schon vorher wussten, dass das alles nicht funktionieren würde: Ein A-cappella-Ensemble aus sechs Frauenstimmen, ohne jede orchestrale Unterstützung - und das Ganze in der Kisssalis Therme mit ihrer leise rauschenden Geräuschkulisse.

Um es gleich zu sagen: Es funktionierte, und zwar ganz wunderbar. Das Kobra Ensemble - das sind Ingrid Doude van Troostwijk, Sterre Konijn, Lea Klarenbeek, Lonneke Kegels, Nina Rompa und Saskia Voorbach aus Amsterdam, die bereits vor zwei Jahren im Kurgartencafé beste Werbung für sich gemacht hatten - hatte eigens ein Programm erarbeitet, das unter dem nicht ganz unpassenden Thema "Wasser" dem Konzertort seine Reverenz erwies und auch akustisch bestens darauf abgestimmt war (ein Kompliment ans Mischpult!). Und dann kommt ja auch noch dazu, dass es keinen besseren Konzertsaal zum Entspannen gibt als Kisssalis: im warmen Wasser gleichsam schweben, der Musik über und unter Wasser lauschen oder sich auf einer der Liegen räkeln, das hat schon was.

Für Belcanto-Arien wäre das sicher nicht der richtige Ort, denn da würden in der Geräuschkulisse die Nuancen untergehen. Aber die sechs jungen Frauen von Kobra singen mit ihrer Naturstimme, ohne Stütze und Tremolo. Das ist schon unverstärkt durchaus tragfähig, wie sich im Kurgartencafé gezeigt hatte. Und das ist es auch in Kisssalis, wenn behutsam verstärkt wird. Es ist ein sehr direkter, unmittelbarer Gesang, bei dem es nicht um Ausziselierungen geht. Das wäre auch kontraproduktiv bei dem Close-harmony-Gesang, den das Ensemble gerne praktiziert

Dass man nicht alles versteht, liegt daran, dass Kobra Lieder aus aller Welt im Originaltext singt - von Haiti über Afrika bis Russland - und mit den Informationen darüber ein bisschen sparsam ist. Aber es kommt in dieser Umgebung ohnehin eher auf die Klangwirkung als auf die Inhalte an. Manches ist so schön, dass es schon fast wieder kitschig ist wie das finnische Lied von der Mutter, die am See an der Stelle sitzt, an der sie als Kind geweint hat, weil ein junges Entlein seine Mutter verloren hatte. Anderseits sind es aber auch die Enten, die zum Lachen reizen bei dem etwas überdrehten Badelied "Entchen quietsch, Entchen quietsch, quietsch". Völlig unverständlich, aber witzig ein sprachakrobatisches Lied aus dem Gälischen, sehr swingend gesungen der Gospel "O sisters, let's go to the river to pray", koordisch genau ausgehört ein bulgarischer Close-harmony-Choral. Erstaunlich, was man alles zum Thema "Wasser" finden kann.

Eindrucksvoll geriet "American Tune" von Paul Simon, ein Arrangement, bei dem man plötzlich feststellen konnte, in welch hohem Maße er sich da bei der Bach'schen Matthäuspassion bedient hat. Die Zugabe war ja klar: Die kannte man schon vom letzten Konzert: ein stimmungsvolles Lied über die Grachten von Amsterdam. Das konnte man fast verstehen.