Die Frage, wie viele Engel auf einen Stecknadelkopf passen, ist, wenn man es denn glauben will, in der Scholastik heftig diskutiert - und nie beantwortet worden. Auf die Frage, wie viele Chöre auf das Podium des Max-Littmann-Saals passen, wenn bereits ein volles Sinfonieorchester Platz genommen hat, gibt es seit Sonntag nach den "Carmina Burana" die definitive Antwort - und die fällt überraschend aus: Es sind fünf! (in Worten: fünf!): die Kantorei Bad Kissingen natürlich, der "Chorus semper viret" aus der französischen Partnerstadt Vernon und der Chor "Da Capo" aus der deutsch-französischen Westschweiz - alle drei ziemlich große Kaliber. Dazu kam der Kinder- und Jugendchor Herz Jesu und Musikschule Bad Kissingen sowie eine Gruppe von Mitgliedern des Meininger Theaterchors als "Coro piccolo". Es war schon eine logistische Meisterleistung, alle so unterzubringen, dass auch noch die Notenblätter dazwischen passten. Aber es war ja ein Konzert der Freundschaft und (Städte-)Partnerschaft, und da kann man auch mal zusammenrücken.

Dass Burkhard Ascherls Wahl für dieses Konzert auf Carl Orffs "Carmina Burana" fiel, ist kein Zufall, denn das Werk übt eine enorme Zugkraft auf die Interpreten und Zuhörer gleichermaßen aus. Und es ist schwer und leicht zugleich. Leicht, weil es in seiner Konstruktion überschaubar ist, weil die Musik von schlichter, unverkopfter Bauart ist, weil es in ihr nicht um die Demonstration von raffinierter Kontrapunktik, motivischer Entwicklungsarbeit oder Harmonik geht. Aber auch schwer, weil diese Musik "so ganz anders" ist. Als sich Carl Orff 1935 an die Vertonung von einigen der frühmittelalterlichen Gedichte aus dem Kloster Benediktbeuren machte, da hatte die Renaissance und Rekonstruktion der mittelalterlichen Musik noch nicht eingesetzt. Orff hatte also keine Vorbilder, an denen er sich orientieren konnte. Als sie dann einsetzte, ging sie in andere Richtungen, und so ist Orffs Werk - insbesondere die Carmina Burana - ein auffälliger Solitär geblieben.

Es gibt kaum ein Werk, in dem das Rhythmische derart im Vordergrund steht - vielleicht noch Ravels "Bolero". Wer sich als Sängerin oder Sänger darauf einlässt, der muss sich nicht nur an eine längst untergegangene Sprache gewöhnen, sondern er muss vor allem zunächst immer wieder das rhythmische Sprechen des Textes üben, muss die perkussiven Fähigkeiten seiner Stimme entdecken, muss sich an ungewöhnliche Taktwerte und -wechsel gewöhnen. Und er muss sich damit abfinden, dass Orff wenig Rücksicht auf die Möglichkeiten der Stimme genommen hat.

Die Vorarbeiten in Bad Kissingen, Vernon und Tafers müssen sehr intensiv gewesen sein, denn alle drei Chöre waren ausgezeichnet vorbereitet und fügten sich bruchlos zusammen. Wobei ein Problem, das man hätte befürchten können, nicht auftrat: Deutsche und Franzosen sprechen Latein und vor allem Mittelhochdeutsch völlig verschieden aus. Aber offensichtlich hatte man sich verständigt zu Gunsten einer guten Textverständlichkeit. Der Riesenchor sang mit großem Engagement: Das eröffnende "O Fortuna", das das Schicksalsrad zum Drehen bringt, war vom Chor angestimmt wie eine punktgenaue Explosion, und diese Präzision zog sich durch das ganze Werk.

Die Sängerinnen und Sänger schienen die enormen Anforderungen nicht als Belastung, sondern als Herausforderung zu sehen, ließen ihre Texte plastisch werden, spielten mit gutem Zugriff mit den Rhythmen und ihren nicht ganz einfachen Wechseln. Das eine oder andere war verständlicherweise vielleicht ein bisschen defensiv wie das "In taberna quando sumus". Das hätte nicht so ordentlich sein müssen, denn schließlich steigt mit jeder Zeile der Alkoholpegel. Aber andererseit war es auch verblüffend, dass das am Ende wiederholte "O Fortuna" noch genauso präsent und präzise war wie zu Beginn.

Zwei Ausreißer gab's. Der positive: Es war einfach verblüffend, mit welcher Präzision und Aufmerksamkeit der Kinder- und Jugendchor nach einer halben Stunde des Rumstehens und Wartens und nicht in der Nase Bohrens das "Amor volat undique" sang - ein Zeugnis des etwas derben Orffschen Humors, dass ausgerechnet die Jüngsten die größten Anzüglichkeiten zu singen haben. Aber er vertraute wohl darauf, dass sich niemand trauen würde, ihnen die Zeilen zu übersetzen. Wer es wissen will, hier eine Kostprobe: "Amor fliegt allüberall, ist ergriffen von Verlangen. Jünglinge und Jüngferlein finden sich, und das ist recht!"

Der negative Ausreißer: Man weiß natürlich nicht, wann der Meininger "Coro piccolo" in Marsch gesetzt worden war, aber er wirkte ziemlich unvorbereitet und war sich auch in sich nicht einig.

Keinerlei Nachteile brachte der kurzfristige Ersatz der beiden Männersolisten. Der Bariton Andreas Beinhauer, seit drei Jahren Mitglied im Chemnitzer Opernensemble, hat nicht nur eine sehr flexible, substanzreiche Stimme durch alle Register, bis hinaus in die Kopfstimme, sondern er konnte auch seine Theatererfahrung einbringen: Er spielte den Abbas, den Abt, der längst seine Zelle mit der Schenke vertauscht hat, mit wunderbarer stimmlicher und mimischer Gestaltung.

Der Tenor Jesús Zambrano Grados, Leiter des Chores aus Vernon, hatte sich für die Partie des Schwans geopfert, und das machte er ausgezeichnet und selbstverleugnend. Denn wie singt schon ein Schwan, der, auf dem Grill brutzelnd, seiner Schönheit früherer Tage nachtrauert, als er noch Federn hatte. Wir glauben Zambrano Grados ganz einfach, dass er auch den Belcanto beherrscht. Von der Sopranistin Elif Aytekin hatte man sich aufgrund Meininger Erfahrungen mehr erwartet. Sie sang ein bisschen zu beiläufig. Dass sie in "Dulcissime" das hohe "h" nicht vom Start weg genau traf, sondern etwas nachschieben musste, ist verzeihlich. Aber sie hatte auch Textprobleme und hätte auch ansonsten besser ihre Noten mit auf die Bühne genommen.

Aber man kann nicht alles auf Meiningen schieben. Die Meininger Hofkapelle mit ihrem klaren, präzisen, synkopenverliebten Spiel, mit ihren klaren Klangbildern und ihrem tänzerischen Impetus war ein Pfund, mit dem Burkhard Ascherl wuchern konnte. Sie hielt ihm den Rücken weitgehend frei, dass er sich umso mehr um seine Sängerinnen und Sänger kümmern konnte. So wurde es trotz aller Anforderungen ein entspanntes Konzert - und jeder konnte seine Ohrwürmer mit nach Hause nehmen.

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