Die "Remogianer", wie sich die Mitarbeiter stolz nennen, treibt es um, dass die Firma, für die sie Jahrzehnte lang alles gaben, jetzt öffentlich als marodes Unternehmen gilt. Bei einer Zusammenkunft am Donnerstag äußern sechs Mitarbeiter, die ihren Namen nicht nennen wollen, was sie schon länger bei der Arbeit demoralisiert und warum sie von der Firmenleitung enttäuscht sind. Geschäftsführer Wilfried Müller nahm auf telefonische Anfrage zu verschiedenen Punkten Stellung.

Dass sie, wie sie sagen, nicht entsprechend ihrer Leistung bezahlt würden, spielte im Gespräch mit den Beschäftigten eine vergleichsweise geringe Rolle. Großen Raum nahm ein, dass die Mitarbeiter sich von ihrer Firma seit langem nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Ihrer Ansicht nach habe am Standort Münnerstadt eine Art Ausverkauf stattgefunden, während in Polen mit EU-Subventionen eine neue Firma aufgebaut worden sei. Geschäftsführer Wilfried Müller hingegen sagt, dass alles, was in der Firma in Polen investiert wurde, nicht aus Münnerstadt gekommen sei. Er bleibe bei seiner Aussage, dass 90 Prozent der Produktion in Polen nichts mit dem Standort in Münnerstadt zu tun habe.

Wurde die Produktion verlagert?

"Von zehn Serienteilen, die man auf der Website von Remog Polska sieht, wurden sieben ursprünglich in Münnerstadt gefertigt", sagen hingegen die Beschäftigten. "Wir haben in Münnerstadt die Maschinen-Programme geschrieben. Die Produktion wurde hier gestartet. Und als alles gut lief, wurde die Fertigung dieser Teile nach Polen verlagert." "Wenn ich weiß, welche Internet-Bilder gemeint sind, kann ich das widerlegen", sagt dazu Firmenchef Müller. Möglicherweise habe es auch mal vor Jahren im polnischen Betrieb Serienteile gegeben, die auch in Münnerstadt gefertigt wurden, oder der Internet-Auftritt der polnischen Firma sei zeitweise mit den Produkten beider Firmen innerhalb der GmbH bestückt gewesen.

Die Mitarbeiter kritisierten in diesem Zusammenhang, dass die Politik es sehenden Auges zulasse, dass Unternehmenschefs in Polen mit EU-Fördergeldern große Firmen hochziehen, während die Stammwerke in Deutschland ausbluteten und schließlich geschlossen würden. Sie hätten sich in der Vergangenheit gewünscht, so die Beschäftigten weiter, dass auch mal ein Staatsminister nach Münnerstadt gekommen wäre. "Aber das hat keinen interessiert."

Aufträge wurden gekündigt

Als Wilfried Müller Ende 1990 als Geschäftsführer in den Betrieb einstieg, seien die Mitarbeiter noch nach Tarif bezahlt worden, so die Beschäftigten weiter. Müller habe dann 2003 die Tarifbindung aufgekündigt. Seitdem seien die Löhne für die meisten unter ihnen konstant geblieben. Letzteres will Geschäftsführer Müller auf Anfrage nicht so stehen lassen, denn die Löhne seien immer mal erhöht worden, wenn es die betriebliche Situation erlaubt habe, so zum Beispiel auch im Oktober 2016 (2,5 Prozent) und im Februar 2018 (3 Prozent).

Aktuell macht den Beschäftigten, nach eigenen Angaben, zu schaffen, dass bestehende Aufträge von Kunden bereits aufgekündigt würden. Mitte Februar zum Beispiel hätten sie gerade einen Auftrag für den Großkunden Liebherr vorbereitet. "Die Rohteile standen bereit. Die Maschinen waren fertig zum Start. Da ließ der Kunde alles stoppen, die Teile mussten von der Maschine runter." Inzwischen sei auch eine Delegation von Liebherr in Münnerstadt gewesen. Die Personengruppe habe die Maschinenprogramme studiert und zahlreiche Fotos gemacht. Man habe das Gefühl, dass das erarbeitete Knowhow einfach mitgenommen werde, so die Mitarbeiter weiter.

"Das Knowhow gehört erst mal der Firma", sagt Müller im Gespräch mit der Redaktion. Er bestätigt, dass Liebherr einen Auftrag stoppte. Denn für die Fertigung der Serienteile seien zwölf Monate Durchlaufzeit angesetzt gewesen, in denen 80 bis 90 Arbeitsgänge hätten erledigt werden müssen. Das wäre bis zur angekündigten Schließung im Herbst nicht mehr möglich gewesen.

Ein Wunsch und seine Ausführung

Das Verhalten des Geschäftsführers empfinden die Mitarbeiter als ambivalent. Beispielsweise habe Müller schon im April und Mai Stellenangebote anderer Firmen am Schwarzen Brett der Firma aushängen lassen. Zu Weihnachten 2018 habe er dann allen Beschäftigten per Intranet ein "glückliches und erfolgreiches Jahr 2019" gewünscht. Und am 25. Januar habe er verkündet, dass wahrscheinlich die Schließung des Standorts anstehe. Das hätten sie als Hohn empfunden, sagen sie.

Müller rechtfertigt diesen stillen Aufruf, sich woanders zu bewerben, damit, dass der Betriebsrat Mitte 2018 keinen Personalabbau akzeptiert habe. Auch die Beschäftigung in Kurzarbeit sei nicht zu Stande gekommen. Andererseits sei klar gewesen, dass keine neuen Aufträge mehr kämen.

Noch wurde in der Firma kein Sozialplan verhandelt, dennoch waren Abfindungen bereits ein Thema, sagen die Mitarbeiter am Donnerstag. Denn der Geschäftsführer habe bereits 2018 in Aussicht gestellt, dass man mit einer Abfindung Ende vergangenen Jahres aus der Firma ausscheiden könne. Pro Jahr sollten für die Stamm-Mitarbeiter 750 Euro gezahlt werden. Insgesamt sei der Betrag auf jeweils 15 000 Euro gedeckelt gewesen. Die Belegschaft hält dies für ein äußerst mageres Angebot, angesichts der Tatsache, dass es zahlreiche Mitarbeiter gibt, die Jahrzehnte lang bei Remog arbeiteten.

Nach Müllers Angaben habe der Betriebsrat seinerzeit "unerfüllbare Forderungen" an die Firmenleitung gestellt. Bereits im zweiten Halbjahr 2018 habe die Firma Verluste geschrieben und man habe das Eigenkapital der Firma immer öfter angreifen müssen. Er habe sich etwas überlegen müssen und die Abfindungsregelung als Anreiz für Veränderungswillige in Aussicht gestellt. Es habe auch ein paar Mitarbeiter gegeben, die davon Gebrauch machten. Isolde Krapf