Wirbel von Walen, dazu Zähne und Zahnstücke von einigen Wal- und Haiarten, barg das Ausgrabungsteam um Dr. Patrick Chellouche im Osnabrücker Land. Der Bad Neustädter ist Abteilungsleiter für Geowissenschaften des Museums am Schölerberg in Osnabrück. Wie kam es zu den Ausgrabungen?

Im Herbst 2018 entdeckte eine Hobby-Sammlerin im Osnabrücker Kreis einige Knochen und Haizähne. Sie wandte sich an den Natur- und Geopark TerraVita. Ein dortiger Geologe hatte ebenfalls Haizähne in dem Gebiet gefunden. Das brachte das Museum am Schölerberg ins Spiel, das für das Bergen und Bewahren des naturwissenschaftlichen Erbes in Osnabrück zuständig ist. Chellouche: "Uns war sofort klar, dass wir eine Ausgrabung durchführen mussten", erzählt er.

Im Herbst ging das aber nicht mehr - die gefundenen Walknochen waren in kritischem Zustand: "Die waren so weich, dass man einen Fingerabdruck reindrücken konnte", beschreibt Chellouche. Das liege unter anderem am sauren Regen. Die Fossilien liegen recht oberflächennah und bestehen aus Calciumphosphat. Komme das mit dem Regen in Kontakt, reagiere es und es bleibe nur noch Phosphat, erklärt der 38-Jährige. "Das war in dem Fall das größte Problem",sagt er.

Es galt, die trockene Jahreszeit abzuwarten. Wenn keine Feuchtigkeit mehr in den Poren der Fossilien ist, können sie mit einem Härtungsmittel behandelt werden. Im März 2019 fand schließlich eine Vorgrabung statt, in der letzten Juniwoche die gezielte Flächengrabung in der fossilführenden Schicht, berichtet Chellouche.

Wo genau die Ausgrabungen stattfanden, wird nicht verraten - das könnte Raubgräber anlocken. Generell müssten fossile Funde gemeldet werden, daran halte sich aber nicht jeder: "Man kann mit Fossilien unheimlich viel Geld machen", erklärt Chellouche. Deshalb möchte er die ehrliche Sammlerin, Carina Könning, die die Stelle entdeckt hat, besonders hervorheben: "Wir sind superdankbar und superfroh, dass sie sich bei uns gemeldet hat".

Wissenschaftler hätten meist gar nicht die Zeit, im Feld unterwegs zu sein. Die Hobby-Sammler seien ihre Augen und Ohren. Könning sei bei den Ausgrabungen beteiligt gewesen. Außerdem Dr. Tobias Fischer vom Natur- und Geopark, sowie Horst Felka, ein lokaler Fossiliensammler, der sich mit Haizähnen auskenne. Daneben noch viele weitere Helfer: "Das wichtigste ist, dass das Teamarbeit ist", so Chellouche.

An den Funden, die aus der Ur-Nordsee stammen, gebe es einige Merkmale, mit denen man die Tiergattung und -art diagnostizieren könne. Die gefundenen Wirbel seien beispielsweise grob der Gattung Wale zuzuordnen. Zudem wurden Teile von Zähnen räuberischer Zahnwale gefunden. Daneben fand das Team Haizähne. Anhand von Zähnen der Haiart "Carcharomodus escheri", die zum ersten Mal vor zwölf Millionen Jahren aufgetreten sei, könne man die Funde zeitlich einordnen, erklärt Chellouche.

Aus Paläontologen-Sicht seien die Reste der Raubzahnwale am Spannendsten, sagt er. Diese seien in Norddeutschland, aber auch global, eher selten. Die Öffentlichkeit interessiere sich dagegen vor allem für die Zähne des Riesenraubhais "otodus megalodon": "Die sind auch eine tolle Sache, an und für sich auf der Welt aber nicht so selten", erklärt der Wissenschaftler.

Auf die Ausgrabungen folgt die Analyse. Dazu sei zunächst eine Präparation notwendig - die Funde würden chemisch behandelt, dann die einzelnen Elemente, zum Beispiel anhand der Bruchflächen, zusammengefügt. Die Funde sollen in einer Ausstellung präsentiert werden. Sehr wichtig sei außerdem das Urteil von Fachkollegen, die sogenannte Peer-Review, erzählt Chellouche. Diese sei nötig, um die Funde als wissenschaftlichen Fakt zu etablieren.

Patrick Chellouche hat nach seinem Abitur am Rhön-Gymnasium in Bad Neustadt Geologie und Paläontologie an der Universität in Würzburg studiert. Das tolle an dem Studium sei, das man sich oft direkt mit der Natur beschäftige und viele Exkursionen unternehme. Ihn fasziniere es, dass es auf der Erde immer wieder vollkommen andere Welten gegeben habe, je nachdem, wie viele Jahre man zurückgehe, erzählt er mit merklicher Begeisterung.

Begeisterung weitergeben

Nach seinem Diplom erhielt er eine Doktorandenstelle in Erlangen, danach machte er ein wissenschaftlich/pädagogisches Volontariat im Naturkundemuseum in Ulm. Er habe schon immer in Richtung Museum gehen wollen, weil er die Wissenschaft an die Menschen weitergeben wolle: "Mir ist es wichtig, mich nicht in meinem Elfenbeinturm zu verschließen und zu zeigen, dass es spannend, interessant und wichtig sein kann".

Als Beispiel nennt er die Klimadebatte, denn auch in der Erdgeschichte habe es immer wieder Klimaschwankungen gegeben - da könne man schauen: "Wie ging es weiter? Wie ging es wieder bergauf?" Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel ist Chellouche seit September 2018 Abteilungsleiter für Geowissenschaften und Kurator der geowissenschaftlichen Sammlung im Museum am Schölerberg in Osnabrück.