Seit Jahren leistet die 26-jährige Theresa Kneuer aus Roth bei Steinach im Landkreis Bad Kissingen mit Familie und Freunden im Bereich Wildvogelhilfe Außergewöhnliches: 200 Wildvögel aus den Landkreisen Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen versorgt das Team in seiner privaten Auffangstation jährlich. Mit der Gründung eines gemeinnützigen Vereins hat die Gruppe nun einen offiziellen Rahmen geschaffen. Wildvogelstation Rhön-Saale e.V. heißt der kürzlich in der Scheune in Brendlorenzen ins Leben gerufene Verein, der es sich zum Ziel macht, in Not geratene Wildvögeln aufzupäppeln.

Vorsitzender ist Theresa Kneuers Vater, der Biologe Karl-Heinz Kolb. Als dessen Stellvertreterin fungiert Tochter Theresa, von der vor mehr als fünf Jahren das Engagement ausging. Das Amt des Schriftführers bekleidet deren Ehemann Lucas Kneuer. Kassier ist Sandra Volkmuth.

An der Vereinsform führte kein Weg vorbei, erklärt Theresa Kneuer. Denn im kommenden Jahr, erwartet die Gruppe, werden wohl noch mehr Pfleglinge ihren Weg nach Roth finden. Dort lebt das junge Ehepaar. Im Keller ihres Eigenheims - "das ist sinnvoll, denn die Tiere müssen rund um die Uhr versorgt werden" - entsteht derzeit eine Intensivstation mit unterschiedlichen Volieren, Quarantäne-Boxen und Inkubator: "Für 2018 rechnen wir aufgrund des Wegfalls zweier privater Pflegestellen aus den Landkreisen Bad Brückenau und Fulda mit einem erneuten Anstieg der Patientenzahl."


Geldgeber und Helfer gesucht

Mehr Pfleglinge, das bedeute aber auch mehr Arbeit und höhere Kosten. Durch die Gründung eines Vereins hoffe man einerseits, weitere ehrenamtliche Helfer zu finden. Andererseits wolle man so attraktiver für Firmen und andere potenzielle Geldgeber werden. Fernziel sei die staatliche Anerkennung der Auffangstation, auch dafür ist in Kneuers Augen eine Vereinsgründung unerlässlich.

"Vögel halten sich nicht an Landkreis-Grenzen", sagt Theresa Kneuer. Entsprechend decke die Wildvogelhilfe auch beide Rhön-Landkreise ab, an staatliche Vertreter beider Landkreise erging die Einladung zu einer Infoveranstaltung rund um die Vereinsgründung. Dass sie im Landkreis Rhön-Grabfeld auf so offene Ohren stieß, freut die Gruppe: Sowohl Landrat Thomas Habermann mit Ehefrau Ruth, als auch Bad Neustadts dritter Bürgermeister Karl Breitenbücher waren gekommen. Auch Vertreter des Jagdverbands beider Landkreise nahmen teil.

Der Wildvogel- und Wildtierbestand sei durch diverse Zivilisationseinflüsse rückläufig, informiert Karl-Heinz Kolb am Abend der Vereinsgründung die zehn Gründungsmitglieder und die geladenen Gäste. Gründe für den Vogelrückgang seien unter anderem der Pestizid- und Düngereinsatz in der Landwirtschaft, der ständig zunehmende Straßen- und Schienenverkehr, der immer größere Lebensraumverlust durch Wohnbebauung und Zersiedelung, die zunehmende Verdrahtung der Landschaft sowie Gefahren durch regenerative Energieanlagen. Auch der starke Rückgang an Insekten wirke sich aus.


Auswilderung als Ziel

"Es lohnt sich, verwaiste und verunglückte Vögel aufzuziehen und zu pflegen und wieder in die Natur zu entlassen", sagt Kneuer. Die Auswilderung sei das große Ziel der Vogelhilfe. 2017 glückte diese bei 81 Prozent der Pfleglinge. 13 Prozent starben, die meisten, weil sie schon falsch ernährt worden waren, bevor sie überhaupt in der Auffangstation ankamen. Sechs Prozent der Tiere mussten getötet werden. "Das Ziel ist Freiheit, es bleiben Wildtiere", so Theresa Kneuers Credo, "wir wollen keine Dauer-Pfleglinge."

Die Arbeit der Wildvogelstation bezeichnet Kolb als "wertvollen Beitrag zum Erhalt der heimischen Vogelwelt". Bei stark gefährdeten Arten wie Grauspecht, Kiebitz und Steinkauz helfe jede erfolgreiche Rehabilitation bei der Bestandssicherung.

Erfolgreiche Wildvogelpflege fußt laut Theresa Kneuer auf vier Säulen: artspezifischer Ernährung, artgerechter Unterbringung, fachkundiger Pflege, vogelkundiger medizinischer Versorgung. Bei letzterer helfen die Tierärzte Heiko Grappendorf in Bad Kissingen und Renate Diestel in Unsleben, die die Tiere kostenlos behandeln. Im Gegenzug geben sie die in den Praxen abgegebenen Tiere bei der Wildvogelhilfe in Pflege.


Pläne für 2018

Viel Hintergrundwissen ist für die Pflege und Aufzucht nötig. Das hat sich Theresa Kneuer seit dem achten Lebensjahr selbst angeeignet, unter anderem durch Hospitation in anderen Auffangstationen und jede Menge Korrespondenz mit Tierärzten. Doch alles Wissen reicht nicht aus, wenn die Ausrüstung, Medikamente, Unterbringungsmöglichkeiten fehlen. 2018 soll deshalb nicht nur die Intensivstation mit Futterküche und Mikroskop aufgebaut werden. Derzeit sucht der Verein noch nach geeigneten Flächen für eine Großraumvoliere. Mittlerweile übersteige der finanzielle Aufwand das für Privatpersonen leistbare bei Weitem.

6000 bis 8000 Euro, schätzt die Gruppe, werde 2018 allein an laufenden Kosten fällig. Der Verein hofft auf Unterstützung durch Kommunen und Verbände sowie Spenden von Unternehmen und Privatpersonen. Auch Aktionen wie der Verkauf von Nistkästen, Futterhäuser und selbst hergestelltes Winterfutter ist geplant. Ines Renninger