Pflegenotstand, zu wenig Personal in den Seniorenheimen, eine schlechte Verweildauer im Beruf: Pflegerinnen und Pfleger werden dringend gebraucht, aber wirklich attraktiv wirkt der Beruf bei all den Hiobsmeldungen in den Medien nicht.
Die Altenpflegeschulen in Bad Kissingen und Münnerstadt können über mangelnden Zulauf nicht klagen. Da ist zum Beispiel Muhamad Zubair Hegdan. Der 19-jährige iranische Flüchtling aus Bad Brückenau hat seine Berufung in der Altenpflege gefunden. "Es ist schwere Arbeit, aber es ist eine schöne Arbeit. Manche Senioren sind wie Kinder in einem alten Körper. Es ist schön, von ihrem Leben zu erfahren und sich mit ihnen zu unterhalten", sagt der junge Mann. Seit einem Jahr wird er in der Altenpflegeschule des Trägers bfz in der Bad Kissinger Columbiastraße zum Altenpflegehelfer ausgebildet. Nach einem Praktikumsjahr bei der AWO in Bad Brückenau stand der Berufswunsch für den jungen Flüchtling fest. "Die Arbeit macht definitiv Spaß. Es gibt zwar auch einmal einen fremdenfeindlichen Kommentar, aber am nächsten Tag sind die Leute auch schon wieder nett zu mir. Und ich habe sehr viel Deutsch von ihnen gelernt", schmunzelt der Iraner.
Sandra Herleth, Schulleiterin der BFZ-Schule, freut sich über einen engagierten Schüler wie Hegdan. "Aber es ist ein gewaltiger Aufwand, seine Zeugnisse hierzulande anerkennen zu lassen, hier müsste es unbürokratischere Wege geben", so die Schulleiterin. Im Iran hat der junge Flüchtling Persische Grammatik und Jura studiert.
Zur Altenpflegefachkraft lässt sich Jennifer Köth (33) aus Katzenbach in Bad Kissingen ausbilden. "Mit 14 habe ich mein erstes Praktikum in der Pflege gemacht. Von da an wusste ich, dass es mein Beruf sein wird", sagt Köth. "Man bekommt viel an Dankbarkeit zurück, man wird ja ein Stück weit zu einer Familie", sagt sie. "Aber natürlich genügt der Pflegeschlüssel nicht. Und auch die 8000 neuen Stellen, die die GroKo verspricht, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein bei 18 000 Seniorenheimen", sagt Köth. "Die personell enge Situation ist für beide Seiten schwierig", sagt sie. Die Schülerin hat noch mit einem anderen Problem zu kämpfen. Sie ist Mutter eines behinderten Kindes, das in Folge seiner Erkrankung häufiger krank ist. Während ihrer dreijährigen Ausbildung darf sie aber nur 60 Tage fehlen. Für Härtefälle wie ihren müsste es Sonderregelungen, fordert auch Schulleiterin Herleth.
Mehr Herzlichkeit vermisst Anja Diemer aus Rannungen. Die 49-Jährige lässt sich nach einem Praktikum derzeit in Bad Kissingen zur Altenpflegehelferin ausbilden. "Es geht Zeit für die Menschen verloren, aber die menschliche Wärme darf nicht verloren gehen", sagt sie. Zwar sei der Betreuungsschlüssel angehoben worden. Aber viele Menschen wüssten nicht, dass das nichts mit dem Pflegeschlüssel zu tun hat und der Zeit, die man mit dem einzelnen Patienten verbringt.
Ein großes Thema auch am Bad Kissinger BFZ ist die Neufassung des Pflegeberufs durch die so genannte Generalistik. Die Politik verspricht sich dadurch mehr Attraktivität für den Pflegeberuf. Statt getrennter Ausbildungen in den Berufen Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege wird die Ausbildung ab 2020 in den ersten beiden Jahren gleich sein. Erst im dritten Jahr kann man sich dann spezialisieren, kann aber auch den dann allgemeinen Pflegerabschluss wählen. "Für uns hier im Landkreis Bad Kissingen wäre es aber meiner Meinung nach wichtig, die Spezialisierung auf die Altenpflege beizubehalten", findet Herleth. In der Altenpflege sei ein Schwerpunkt beispielsweise die Biografiearbeit mit den alten Menschen, die es in anderen Pflegeberufen ja nicht gebe.
Ähnlich skeptisch sieht man diese Entwicklung auch in Münnerstadt, wo am Berufsbildungszentrum (BBZ) ebenfalls Altenpflegeschülerinnen und Schüler unterrichtet werden. "Das spezielle Profil der Altenpflege muss erkennbar bleiben", sagt deshalb Schulleiter Harry Koch. Der freut sich über den nach wie vor großen Zulauf für Pflegeberufe an seiner Schule. "Wir starten eigentlich jedes Jahr mit 34 Schülern, auch bei den Sozialpflegern starten wir immer mit zwei Klassen", sagt Koch.
Die 18-jährige Sophie Baginski aus Burkardroth macht mit ihrer Kollegin Marie Hartmann (16) aus Bastheim in Münnerstadt eine Sozialpfleger-Ausbildung. Sozialpfleger dürfen eine Grundpflege ausführen, hauswirtschaftliche Tätigkeiten und sollen die Patienten zur Beschäftigung anleiten. Als Sozialpflegerin kann sie sich weiterqualifizieren zum Beispiel zum Altenpfleger. Alle Schülerinnen und Schüler haben in den letzten Wochen mit ihrem Lehrer Daniel Bauß Thesen erarbeitet mit Forderungen an die Politik. Die Altenpflege müsse auch nach der Generalistik ihren besonderen Stellenwert erhalten, heißt es. Natürlich werden mehr Planstellen für die Altenpflege gefordert, und natürlich ist die Bezahlung ein Thema. Im April soll der Forderungskatalog an die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar überreicht werden, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. Gerhard Fischer