Der Autor Nils Aschenbeck will "Geschichte erzählen, den Leser dabei mitnehmen" in seiner Biografie über den Bad Kissinger Peter Deeg, der im Deutschen Kaiserreich zur Welt kam, in der Weimarer Republik groß wurde und während des Nazi-Regimes versuchte, beruflich Fuß zu fassen. Dabei habe Aschenbeck, nach eigenen Angaben, der "Bruch" in der Lebensgeschichte dieses Mannes interessiert, der sich einerseits der Macht andiente, sich andererseits aber mit ihr überwarf.
Peter Deegs gleichnamiger Sohn, ein angesehener Arzt in Bad Kissingen, sieht in dem Buch, das er bei Nils Aschenbeck in Auftrag gab, ein Anliegen umgesetzt, das ihn schon sehr lange umtreibt: Das Leben seines Vaters endlich in der Gesamtschau zu sehen. Er sei es leid gewesen, wie er sagt, dass immer wieder falsche Fakten in Büchern und im Internet kursierten.


Das Bild eines ambitionierten Juristen

Peter Deeg (1908 bis 2005) war offenbar beruflich stets Kämpfer, privat gelegentlich Choleriker, in der Verfolgung seiner Ziele immer ein Getriebener. Unbändig schien sein Ehrgeiz, in den 1930er Jahren, nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte, als Rechtsanwalt und Schriftsteller anerkannt zu werden. Aschenbeck lässt vorwiegend die Quellen sprechen, wenn er das Bild dieses strebsamen jungen Juristen aufzeichnet, der 1934 mit dem spektakulären Prozess um den Mord des Schlossherrn Waltershausen im Grabfeld deutschlandweit Aufsehen erregte und bald darauf von politischen Nazi-Größen beruflich umworben wurde.

Der junge Deeg sagte den Mächtigen zunächst ab und machte sich damit bei der politischen Führung zum "geborenen Feind des Staates". Doch er wollte irgendwie weiterkommen. Also nahm er dann doch eine Stelle bei der Stadt Nürnberg an und führte den Auftrag von Gauleiter Julius Streicher aus, 1938 ein Buch über die "Hofjuden" zu verfassen, in dem der angebliche "Verbrechercharakter der jüdischen Rasse" dargestellt wird. Wenig später schrieb der Jurist Deeg in Streichers Auftrag einen Kommentarband zu den "Judengesetzen in Großdeutschland", in dem er die "völlige Entrechtung" der Juden rechtfertigte.

Aschenbecks Quellenstudium war aufwendig. Er zitiert aus Büchern, Schriften und persönlichen Briefen. Er fügt mosaikartig Bruchstücke ineinander und zeichnet so die schillernde Persönlichkeit einer Epoche, in der man offenbar nichts werden konnte, ohne den "Pakt mit dem Teufel" zu schließen, wie Aschenbeck es nennt. Nachdem Deeg damals die Zulassung als Rechtsanwalt nicht bekam, weil er, wie es in der Biografie heißt, den revolutionären Ansatz der Nazis zwar unterstützte, sich aber nicht unterordnen konnte, wollte er 1940 Schriftsteller werden.

Doch dann verschaffte ihm ein Kissinger Schulfreund einen Job als Betriebsleiter in der eigenen Baufirma, die im inzwischen ukrainischen Tarnopol mit Zwangsarbeitern Straßen für den Nachschub der Truppen baute. Später arbeitete er bei einer Schweinfurter Baufirma im rund 130 Kilometer entfernten Lemberg und holte auch seine Frau dorthin.


Zwei parallele Welten?

Nach Aschenbecks Recherchen gab Deeg in seinem Haus erlesene Gesellschaften und führte "ein normales, fast luxuriöses Leben am Rande der Apokalypse". Wie man heute weiß, wurden im Distrikt Galizien von 1941 bis 1944 etwa 600 000 Juden durch die Deutschen ermordet. "Niemand konnte behaupten, nicht zu wissen, was mit den Juden geschieht", resümiert der Autor und mutmaßt in der Schlussbetrachtung des Buches, dass die Menschen damals wohl in "parallelen Welten" lebten. Später belegten Briefe und Zeitzeugnisse, dass Peter Deeg nach dem Massenmord an den Juden offenbar nicht mehr länger angepasst sein wollte und polnische und jüdische Widerstandskämpfer gedeckt und ihnen zur Flucht verholfen hat.

Eine schillernde Persönlichkeit blieb Deeg auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als er der CSU beitrat und die Nähe zu CSU-Parteigrößen bis hin zu Franz-Josef Strauß suchte. Für den damaligen Bundesverteidigungsminister soll er 1956 als Hintermann den Kauf von 120 000 italienischen Granaten an die Bundesrepublik abgewickelt haben.


Heftiger Schlagabtausch

Darüber berichtete sechs Jahre später der "Spiegel" und schrieb unter anderem, Deeg habe als "CSU-Spezi" für dieses Rüstungsgeschäft eine ansehnliche Provision kassiert. Noch vor Erscheinen des "Spiegel"-Artikels lieferten sich Deeg und das Magazin über Anzeigen in der Bad Kissinger Heimatzeitung einen heftigen Schlagabtausch und es folgte eine gerichtliche Auseinandersetzung.

Nach den zitierten Quellen muss Peter Deeg eine unstete, eigenwillige, fast egozentrische Persönlichkeit gewesen sein. Er orientierte sich stets an den Einflussreichen seiner Zeit, um persönlich vorwärts zu kommen. Doch der Karrieremensch Deeg kam bei seinem Tanz mit den Mächtigen auch ins Straucheln. Nach Aschenbecks Ansicht mache man es sich zu einfach, wenn man Deegs Verhalten nur "moralisch kritisieren" will, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Wer sein Buch liest, solle verstehen, was geschah und was für den einzelnen möglich war.

Bei der Aufarbeitung von Deegs Leben hält sich der Autor mit eigenen Wertungen der historischen Fakten jedoch allzu sehr zurück. Er setzt darauf, dass seine Quellentexte kritisches Aufarbeiten für ihn miterledigen. So gehen Zitate unbemerkt ineinander über und man überlegt bei so mancher Formulierung, ob Aschenbeck oder der Quellenautor Stellung nimmt. Die kritische Einordnung von Personen jener Ära ist aber auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur noch wichtig und richtig.



Info: Nils Aschenbeck, "Peter Deeg - Verstrickt im 20. Jahrhundert", Herbert Utz Verlag, 2016.