Ernst, aber nicht panisch. Konzentriert, aber nicht hektisch. So beschreibt Ulrich Maly, SPD-Oberbürgermeister von Nürnberg und Vorsitzender des Bayerischen Städtetags, die aktuelle Stimmung bei den Bürgermeistern, wenn es um die Aufgabe geht, Flüchtlinge aufzunehmen.
29 Mitglieder hat der Städtetag in Unterfranken. Auf der Pressekonferenz der Bezirksversammlung in Schweinfurt spricht Maly von einer "Schicksalsgemeinschaft der Kommunen". Scherzhaft habe er früher die Tagungen des Städtetags als Selbsthilfegruppe bezeichnet. "Im Moment trifft das den Zustand ganz gut."
Maly macht deutlich, dass sich die Kommunen stellenweise ziemlich alleingelassen fühlen. Er spricht von einem Zwiespalt, einem unbefriedigenden Zustand. Das individuelle Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenze, andererseits drücke die Erkenntnis, dass unsere Ressourcen nicht unbegrenzt sind.
Der Nürnberger OB kritisiert die große Politik. Nachdem es keine einfachen Antworten auf viele Fragen gibt, treten Frust, Ängste, Verunsicherung auf. Maly und Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) bekommen dieser Tage viel Post und Mails zum Thema Flüchtlinge. "Jeden Tag zwei Mappen", sagt Maly. Wer erreichbar ist und eine Adresse angegeben hat, der bekommt auch Antwort. Maly: "Ich gebe nicht auf."


Viele Zuschriften

Stellenweise gehen die Zuschriften unter die Gürtellinie, diese Erfahrung teilt er mit Remelé. Sich mit Rechtsextremen auseinanderzusetzen, mit den Leuten, die bei Pegida in der ersten Reihe stehen, habe keinen Sinn. "Da fehlt mir der pädagogische Impetus", sagt der promovierte Volkswirtschaftler.
Viele Zuschriften seien aber von echter Sorge getragen. Die Seelenlage der aufnehmenden Gesellschaft spiele auch eine Rolle. "Wir müssen diese mit der gleichen Empathie behandeln wie die Flüchtlinge."


Nicht zum Nulltarif

Es dürfe keine Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Einheimischen geben. Wohnungen, Arbeit,Kita-Plätze: Die brauche die alleinerziehende Mutter genauso wie jemand, der in Deutschland Zuflucht findet. Remelé formuliert es so: Integration ermöglichen, ohne die aufnehmende Gesellschaft sozial, kulturell und wirtschaftlich zu überfordern.
"Wir können Integration", sagt Maly, auch mit dem Blick auf Städte wie Schweinfurt. Menschen aus den unterschiedlichen Ländern leben und arbeiten hier. Gastarbeiter - das war mal. Inzwischen hat sich viel getan, was das Zusammenleben angeht. Integration können die Städte und Gemeinden allerdings nicht zum Nulltarif leisten. Dafür ist Geld nötig.
Bayern , das übrigens im Vergleich mit den anderen Bundesländern die meisten Flüchtlinge aufnimmt - Maly spricht von einer "Überlast" - , habe mit seinem Sonderprogramm einen ersten Schritt gemacht. Wie berichtet, soll das Personal bei Polizei, Justiz, Behörden und Schulen aufgestockt werden. Die Kommunen brauchten aber dringend mehr Geld - für mehr Personal, für Sozialarbeit, für Berufsbildung, für Integration.
Maly vermisst in der aktuellen Diskussion den Weitblick. Im Fokus seien Erstaufnahmeeinrichtungen wie die in Schweinfurt, in der zur Zeit 1850 Menschen leben. "Der aktuelle Krisenmodus lässt leicht aus dem Blick geraten, dass die weiteren Herausforderungen von Dauer sind." Auf Jahre hinaus werden die bayerischen Kommunen mit Integration beschäftigt sein. Auch darüber müsse man sich Gedanken machen.
Und auch über Wohnungsbau. "Der Bund muss die Fördermittel erhöhen", fordert Maly. Bezahlbarer Wohnraum sei seit langem knapp. Mehr Menschen brauchen jetzt mehr Wohnungen. Sich stark auf den Bau von Wohnungen für Flüchtlinge zu konzentrieren, sei falsch. Maly will weder Gettos, noch eine Konkurrenz unter verschiedenen Gruppen. "Die Bemühungen müssen allen Menschen helfen, die günstige Wohnungen brauchen." Susanne Wiedemann