"Deutschland. Dein Selbstporträt" heißt der neue Film von Sönke Wortmann, der am 14. Juli in die Kinos kommt. Der Titel klingt unspektakulär. Der Werbetrailer hingegen zeigt alles, was man von dem eigenwilligen Regisseur gewohnt ist: Komödie, Alltag, Tiefgang, Dramatik und Leidenschaft. Tausende von Bürgern hielten in kurzen Videos fest, was Deutschland, was das Leben an einem stinknormalen Tag wie dem 20. Juni 2015 für sie bedeutete. Posaunist Roman Riedel hat dafür gesorgt, dass auch Bad Kissingen in diesem Film verewigt wird.
"Man muss mit offenen Augen durch die Welt gehen", lautet Riedels Kredo. "Manchmal liegt etwas auf der Straße. Das kann man aufheben und etwas daraus machen oder nicht." Irgendwo im Internet stolperte der Wahl-Kissinger vergangenes Jahr über Wortmanns Aufruf an die deutsche Bevölkerung - und entschloss sich mitzumachen.
Der 20. Juni 2015 war dann einer jener Sommertage, an die man eigentlich nicht erinnert werden will: Von Norden bis Süden war es überwiegend regnerisch, kühl, der Himmel war grau. Es herrschten 13 bis 18 Grad. Vielleicht war dieser Samstag aber gerade der richtige Zeitpunkt, um sich mit dem Video, dem Handy oder Tablet einem ganz privaten Projekt zu widmen, in einem Selbstporträt der Frage nachzuspüren, ob man eigentlich glücklich ist oder eher traurig?


Freude als Lebensgefühl

Riedel stellte sich mit seiner Posaune auf die Drehbühne der Wandelhalle und ließ Beethovens "Ode an die Freude" hören. Für ihn war es Ausdruck dafür, dass er in Bad Kissingen einen Traumjob hat, dass er sein Hobby, die Musik, zum Beruf machen konnte - dass er glücklich ist.
Wie schön sein Leben tatsächlich ist, wurde ihm später einmal mehr bewusst, als er Wortmanns Film zum ersten Mal sah, denn darin erzählen die Menschen nicht nur lustige Geschichten, sondern zeigen auch, wie sie schwere Schicksale meistern.
Für den ungewöhnlichen Kinostreifen wurde aus über 10 000 Einsendungen Material von etwa vier Stunden Länge (rund 500 Beiträge) herausgefiltert und zu einem Film verarbeitet, erklärte Wortmann unlängst beim Münchner Filmfest, als sein Streifen in der Philharmonie am Gasteig Premiere hatte. Riedel war zu dem Großereignis im Carl-Orff-Saal eingeladen und staunte über die bunte Vielfalt, die unterschiedlichen Stimmungen, die tollen Bilder, die wahren Geschichten und lustigen Episoden, die den Zuschauern in mehr als 100 Minuten präsentiert wurden.
Der Film ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit dem Klingeln eines Weckers. Dann folgen kleine Schnipsel, längere Sequenzen, ganze Episoden. Man staunt über den Gefängniswärter der JVA Kassel, der seinen Job mit Leidenschaft im Rollstuhl verrichtet. Über die Frau mit Mundschutz, die man kaum versteht, wenn sie von ihren Hoffnungen auf eine Spenderlunge berichtet. "Es ist erstaunlich, dass all diese Leute, denen es nicht gut geht, doch so positiv von sich berichten", sagt Riedel, noch immer von all den Eindrücken fasziniert.
Natürlich wird auch gelacht, wenn zum Beispiel eine Frau, mit zwei Flugtickets in der Hand, am neuen Berliner Flughafen steht und glaubhaft versichert, dass sie ihre Flugreise eigentlich schon vor zwei Jahren gebucht hat. Oder wenn ein Baby, das kaum aufrecht stehen, geschweige denn sprechen kann, bereits naseweis vor sich herumfuchtelt, als ob es gerade eine politische Rede zum Volk hält.


Schwere Schicksale

Riedel sprudelt beim Erzählen vor Begeisterung. Dann hält er plötzlich inne: "Man sieht einfach, dass es noch viele andere Dinge im Leben gibt, die wichtig sind - existenziell wichtig. Und wenn man die schweren Schicksale sieht, wird man demütig." Isolde Krapf