Nachdrücklich warb Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf am Montagabend auf dem Kreuzberg erneut für das "Premiumprodukt Nationalpark" als Zukunftschance für die Region. Bei ihrem dritten Besuch innerhalb weniger Wochen in der Rhön stellte die Ministerin vor den Ratsgremien von sieben Rhöner Kommunen allerdings auch klar, dass vor irgendeiner Entscheidung über einen Nationalpark weitere Informationen der Bevölkerung und intensive Diskussionen mit den Rhönern stehen werden.

Die Stadt- und Gemeinderäte der Kreuzbergallianz, mit Wildflecken, Bischofsheim, Oberelsbach, Sandberg, Schönau sowie Niederlauer und Hohenroth, sprachen sich als Willensbekundung bei der Sitzung mehrheitlich für die Fortführung des Dialogprozesses über einen Nationalpark Rhön aus. Diesen Dialog abzuwarten, forderte die Ministerin schon auf den letzten Metern vor dem Kloster Kreuzberg ein, als sie sich gemeinsam mit den Landräten Thomas Bold (Bad Kissingen) und Thomas Habermann (Rhön-Grabfeld) sowie Oberelsbachs Bürgermeisterin Birgit Erb der Diskussion mit rund 120 Nationalpark-Gegnern stellte.

Die begrüßten die Ministerin nicht nur mit dem Kreuzberglied, sondern kritisierten das Projekt Nationalpark heftig und mit Nachdruck. "Nationalpark - es brennt!", stand auf einem Feuerwehr-Drehleiterwagen zu lesen, der einem Privatmann aus Nüdlingen gehörte. Das erklären zwei junge Männer vom Bauernverband, die das Fahrzeug am Kreuzberg postiert haben. "Unser Wald ist in Ordnung, mehr brauchen wir nicht", unterstreichen die beiden Nüdlinger ihre Motivation.

"Wir wollen Naturschutz ohne Reglementierung", erläutert ein weiterer Demonstrant aus Hammelburg. Mit einem Nationalpark sieht er keine wirtschaftlichen Perspektiven für die Jugend in der Rhön mehr. So argumentiert auch Manfred Kuhnert als ein Sprecher der Gegner. "Keine Experimente mit der Landschaft", so eine seiner Forderungen.

Ähnliche Argumente bekommt die Umweltministerin von den Demonstranten zu hören, die sie mit Protestplakaten begrüßen. Der halbstündigen Diskussion stellten sich neben der Umweltministerin auch die Landräte Habermann und Bold.


Bitte um sachliches Miteinander

Da ist die Rede von "Verarschung", und dass die "Leute für blöd" gehalten werden. Auch dass sie wie "Judas" die Rhön verkaufen, müssen sich die Politiker anhören. "Wenn man schreit, wird es auch nicht wahrer", bat die Umweltministerin um ein sachliches Miteinander.

Die Politiker bitten um Geduld. Erst jetzt lägen die Antworten auf den Fragenkatalog vor, nun würden die Gemeinderäte informiert, dann würde zu Bürgerversammlungen eingeladen. "Ein Ja oder Nein zum Nationalpark ist aktuell noch nicht möglich", erklärte Birgit Erb. Eine weitere Diskussion sei nicht nötig, wird ihr entgegengehalten. Die Rhöner seien gegen den Nationalpark. "Das stimmt nicht! Ich bin Rhöner und will den Nationalpark", protestiert da ein zufällig vorbeikommender Radfahrer.

In der gemeinsamen Sitzung, an der rund 300 Zuhörer teilnahmen, lagen die Schwerpunkte auf dem neuen Gebietsvorschlag und den veröffentlichten Antworten auf einen Fragenkatalog Rhöner Politiker.

Dabei verwies die Ministerin erneut auf die zahlreichen Chancen eines Nationalparks als "großen Entwicklungssprung für künftige Generationen". Sie bezifferte die Zahl der Arbeitsplätze einer Nationalparkverwaltung in der Rhön mit 100 und einem jährlichen Etat für die Verwaltung von zehn Millionen Euro. Dazu kämen noch die Investitionen für eine attraktive touristische Infrastruktur. Der Nationalpark sei noch dazu eine ideale Ergänzung für das Biosphärenreservat insgesamt also "ein attraktives Paket".

Das sahen nicht alle Gemeindevertreter so. Neben verschiedensten, teils komplexen Spezialfragen zum Jagdmanagement, Holz- und Waldwirtschaft, war auch einige grundsätzliche Kritik am Projekt Nationalpark als Verschwendung von Steuergeld oder unnötige Reduzierung des Holzeinschlags in den über viele Generationen gepflegten Rhöner Wälder zu hören.


Diskussion über Jagd

Wolfgang Illek, Zweiter Bürgermeister aus Wildflecken, erinnerte dran, dass die Kernzonen des Biosphärenreservates nicht einvernehmlich ausgewiesen worden seien. "Sie wurden uns übergestülpt." Wildfleckens Ortsoberhaupt Gerd Kleinhenz stellte indessen fest, dass nach der aktuellen Gebietskulisse Wildflecken nicht mehr betroffen sei. Er fragte, ob das so bleibe. Die Umweltministerin verwies auf die Arbeitsgruppe, die die Gebietskulisse erarbeitet habe. Auch sie deutete auf den "maßgeschneiderten Nationalpark", und dass das endgültige Konzept noch im Detail erarbeitet werden müsse.

Ein großes Diskussionsthema war die Jagd. Illek wollte wissen, was unter dem Begriff "Wildtiermanagement" zu verstehen sei. "Das Wildtiermanagement ist mit der herkömmlichen Jagd nicht vergleichbar", betonte Scharf. Es müsse aber klar geregelt sein, dass der Schwarzwildbestand kontrolliert werde. Ohne private Jäger sei dies nicht zu schaffen. Eine Konzeption werde notwendig, die in Kooperation erstellt werden müsse.

Ob der Staat zu viel Geld habe, fragte Walter Rüttiger (Wildflecken). Zehn Millionen Euro Jahresbudget sollte in die Infrastruktur, in Straßen und Schulen, statt einen Nationalpark gesteckt werden. Die Umweltministerin verwies auf die Verantwortung für die Natur und Umweltschutz, auch um ein Stück Wildnis zu erhalten. Es gab aber auch Stimmen, die den Nationalpark als große Zukunftschance bezeichneten, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Der weitere Dialogprozess, so die Vereinbarung, beinhaltet Bürgerversammlungen in den jeweiligen Gemeinden, die Bildung von allianzübergreifenden Arbeitsgruppen, um Themenschwerpunkte zu vertiefen, sowie weitere gemeindeübergreifende Stadt- und Gemeinderatssitzungen. Im Juli soll dann entschieden werden, ob die Rhön in den nächsten Verfahrensschritt für die Ausweisung eines Nationalparks gehen will.

Die nächste Phase, in der ein detailliertes Nationalparkkonzept erarbeitet wird, soll laut Ministerin etwa bis zum Ende des Jahres abgeschlossen werden. Bis dahin könnte die Rhön noch aus dem Prozess aussteigen.
Thomas Pfeuffer