Seit Wochen liegt der Patient angeschlossen an Beatmungs- und Überwachungsgeräte auf der Intensivstation. Wie lange wird das so weitergehen? Wollte der Patient das überhaupt? Aufschluss darüber kann nur die Patientenverfügung geben. Sie hilft Angehörigen und Medizinern, eine Entscheidung über die richtige Behandlung oder einen Therapieabbruch zu treffen.
"Haben Sie eine Patientenverfügung?" Das ist inzwischen schon eine Standardfrage bei der stationären Aufnahme im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus in Bad Kissingen. Und wie viele Patienten bejahen diese Frage? Etwa 20 Prozent der über 65-Jährigen, sagt Dr. Lutz Weller, Ärztlicher Direktor und leitender Arzt der Anästhesie und Intensivmedizin am "Eli" auf Nachfrage der Redaktion.


Beginn Mitte 2016

Für viele Menschen ist eine Patientenverfügung immer noch ein Tabuthema. Ist es die Angst, dann gar nicht mehr oder nur partiell behandelt zu werden? Wo ist der Grenzbereich, wenn es beispielsweise um künstliche Beatmung geht, und wer bestimmt ihn? Besteht die Furcht, dass dieses Thema zu nahe an einen rankommt? Oder verdrängt man die Gedanken an Unfall, Krankheit und Tod, weil man erst 37 ist?
Um richtige Entscheidungen zu treffen, wurde am Helios St. Elisabeth-Krankenhaus ein Klinisches Ethikkomitee (KEK) gegründet. Die konstituierende Sitzung fand kürzlich statt. Die Vorbereitungen für die Arbeitsaufnahme - voraussichtlich Mitte 2016 - sind angelaufen, sagt Gabriela Amon. Die Gemeindereferentin und Klinikseelsorgerin ist Vorsitzende des Ethikkomitees, das für die Krankenhäuser in Bad Kissingen und Hammelburg zuständig ist.
Nach sechs Jahren sei es ihnen endlich gelungen, das KEK zu etablieren, freut sich Amon. Geschäftsführer Sebastian Güldner sei dafür sehr offen gewesen. "Wir wollen helfen, in Konfliktfällen richtige Entscheidungen zu treffen. Sachlich, neutral, im Sinne des Patienten." Angehörige seien in dem Moment, wo etwas passiert, oftmals überfordert, weiß Amon. Sie fürchten sich vor Entscheidungen und einem schlechten Gewissen, mit dem sie dann weiterleben müssen.
Eine Patientenverfügung erleichtert dem Behandlungsteam, Weichen im Sinne des Patienten zu stellen. Aber in der Regel seien die Verfügungen nicht auf konkrete Behandlungssituationen zugeschnitten, erläutert Lutz Weller. In der Praxis bedeutet das, dass "Ärzte mit dem Bevollmächtigten oder Betreuer erforschen müssen, was der Patient wollen würde, wenn er seine Situation gut einschätzen könnte."
Für die Arbeit am Eli bedeutet das: Eine detaillierte Patientenverfügung ist gerade für die intensivmedizinische Betreuung wichtig, "weswegen wir hier das Vorliegen einer entsprechenden Erklärung bei der Aufnahme immer erfragen. Liegt eine entsprechende Erklärung vor, ist sie immer ein fester Bestandteil der täglichen Visite", erläutert der Ärztliche Direktor.
Die Arbeit im Krankenhaus ist zunehmend geprägt von der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen. Und dabei soll nun das gerade gegründete Klinische Ethikkomitee helfen.
Es besteht aus acht Mitgliedern verschiedener Berufsgruppen: Neben Gabriela Amon gehören dazu Tanja Blasek (Fachkrankenschwester Palliativ), Melanie Weber (Ernährungsberatung), Andreas Hämel (Fachkrankenpfleger Intensivpflege und Anästhesie), Prof. Dr. Michael Kahle, Detlef Marhold (Lehrkraft Krankenpflegeschule und Datenschutzbeauftragter), Dr. Jürgen Pfeiffer (leitender Anästhesist Hammelburg) und Dr. Rainer Schamberger (Chefarzt der Kardiologie).
Durch unterschiedliche Perspektiven dieser Berufsgruppen und Hierarchien wolle man zu einer ausgewogenen und fundierten Wertentscheidung kommen, heißt es in der Satzung. Zu den Aufgaben gehört klinische Ethikberatung, die aber nur auf Anforderung von Behandlungsteam oder Angehörigen durchgeführt wird. Ziel sei es, "in schwierigen klinischen Entscheidungssituationen die für den Patienten beste Behandlungsentscheidung zu finden".


Leitlinien für Klinik

Ein zweiter Aufgabenschwerpunkt sei die Leitlinienentwicklung für die Klinik-Mitarbeiter, erklärt Gabriela Amon. Dazu heißt es in der Satzung: "Beispiele hierfür sind der Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden, der Umgang mit Patientenverfügungen, die Regelung des Therapieverzichtes bzw. Therapieabbruchs."
Fortbildung ist ein dritter Komplex. Außerdem will das Gremium ein Muster für eine Patientenverfügung erarbeiten. Ursula Lippold