VON Isolde Krapf

Etwa 4000 Asylbewerber kamen 2014 nach Unterfranken, davon 600 in den Landkreis Bad Kissingen. 15 bis 20 Prozent davon sind Kinder, schätzt Stefan Seufert, Koordinator für Asylbewerberangelegenheiten im Landratsamt. Lauter Mädchen und Buben, die Anspruch darauf haben, in einer Kindertagesstätte (Kita) oder Schule aufgenommen zu werden.
Die meisten Zuwanderer kamen 2014 aus Syrien, Serbien, Eritrea und Afghanistan hierher, ist dem Migrationsbericht des Bundes zu entnehmen. Die Kinder, die hier ankommen, bringen also neben ihrer eigenen Muttersprache und einer anderen Religion meist auch eine traumatische Geschichte mit. Jetzt sollen sie sich hier von heute auf morgen zurechtfinden. Das ist für sie selbst, aber auch für Erzieherinnen und Lehrer eine große Herausforderung.

96 Schulkinder mehr

Während es keine Statistik darüber gibt, wie viele Flüchtlingskinder in den 75 Kitas des Landkreises unterkamen, gibt es schon eine erste Erhebung für die Schulen: 96 Kinder drückten im November an den 21 Grund- und 13 Mittelschulen die Schulbank, sagt Schulamtsdirektor Josef Hammerl. Natürlich wurden in den Kommunen mit Gemeinschaftsunterkünften mehr Kinder aufgenommen als anderswo. So beispielsweise in der Hammelburger Grundschule 15, in der Oerlenbacher Grundschule 13 und in der Bad Brückenauer Mittelschule 14 Kinder aus Flüchtlingsfamilien.
Die Kinder bekommen gesondert Deutschunterricht, sollen aber in musischen Fächern im Klassenverband bleiben, so Hammerl. Den Lehrern gab man Materialien mit. Zudem gibt es Fachberaterin Marietta Menz, die bei Bedarf Hilfestellung gibt. Nach Hammerls Beobachtung zeichnen sich hiesige Kinder durch eine "hohe Willkommenskultur" aus und auch die Neuankömmlinge sind sehr aufgeschlossen.
Die Lehrer gehen mit einem "hohen Maß an Idealismus" an die Sache ran, sagt Hammerl. Denn schließlich ist der Unterricht der Flüchtlingskinder eine "Zusatzleistung", für die kein neues Personal eingestellt wurde. Ein paar zusätzliche Stunden wurden zwar bewilligt. "Aber wir könnten weitere brauchen", sagt Hammerl und hofft, dass bei der Klassenbildung 2015/ 16 mehr herausspringt.
Auch die Kitas sind in den Kommunen, in denen Flüchtlinge wohnen, ausgelastet oder überlastet. Dann werden die Neuankömmlinge beispielsweise von der Unterkunft in Euerdorf zu den Kitas nach Ramsthal oder Aura gefahren, die Kinder des Asylbewerberheims in Volkers zur Kita nach Bad Brückenau gebracht, sagt der im Landratsamt zuständige Thomas Duda.
Wenn man bei der Regierung nachfragt, wer den Fahrdienst übernimmt, heißt es, dass das die Kommunen machen, erklärt Duda das Dilemma. Da fühle sich so manche Kommune "im Regen stehen gelassen". "Denn wenn der Freistaat Zuweisungen macht, muss er auch Zuschüsse geben und personell aufstocken, denn die Arbeit erfordert einen höheren pädagogischen Aufwand." Deswegen sollte seiner Ansicht nach auch der Anstellungsschlüssel fürs Kita-Personal geändert werden, denn Kinder aus Krisengebieten brauchen eine "spezielle Betreuung".
Das sieht Holger Zwirlein vom Trägerverein des Ebenhäuser Kindergartens genauso. In der Kita des Orts, in dem sich auch eine Gemeinschaftsunterkunft der Regierung befindet, muss das Personal äußerst flexibel sein. Zuerst kamen immer mehr Kinder dazu, man musste die Betreuung neu planen. Jetzt kann es passieren, dass eine Familie mit drei Kindern abgeschoben wird. Auch dann muss man handeln, das Personal erneut umverteilen, erklärt Zwirlein. Insgesamt sind neun Personen in Teilzeit angestellt, sagt Zwirlein, so dass man sich sofort neu ausrichten kann. Die Belegschaft reagiere manchmal "mit Zähneknirschen", weiß der Vorsitzende, "aber ich habe auch ein dankbares Personal".

Kinder teilweise traumatisiert

Andererseits ist der Betreuungsaufwand für die teils traumatisierten Kinder recht hoch, sagt auch Zwirlein. "Da fällt eine Tür zu und sie erschrecken, weil sie glauben, das war ein Schuss." Er denkt, dass man den Betreuungsfaktor 1,3 für ein Kind mit Migrationshintergrund auf 1,5 erhöhen müsste. Das würde eine höhere Fördersumme, mehr Personal, mehr Betreuung bedeuten.
Für Kindertagesstättenleiterin Daniela Koch ist das nicht unbedingt erstrebenswert, denn jedes Mal, wenn Kinder weggehen, würde man auch mehr Förderung einbüßen, mehr Personal reduzieren müssen. Sie und ihre Kolleginnen müssen sich ohnehin schon jetzt flexibel mit dem Personalschlüssel arrangieren. Elf Kinder dürfen in Ebenhausen nämlich auf eine Erzieherin kommen. Sollten es mal weniger als zehn Kinder sein, wird dies laut Koch für den Träger der Kita "nicht mehr bezahlbar". Dann müsse sie Stunden kürzen. "Wir machen praktisch jeden Monat neue Arbeitspläne."
Um dieses und andere Themen ging es bei einem Treffen der unterfränkischen Kita-Verantwortlichen bei der Regierung von Unterfranken im November. "Es wurde viel referiert, aber wenig diskutiert", ärgert sich Trägervereinsvorsitzender Zwirlein. Nicht einmal das mehrsprachige Merkblatt für die Eltern aus den Zugangsländern, das bei dem Treffen zugesagt wurde, sei bislang aufgelegt worden, sagt Kita-Leiterin Koch. "Und das wäre uns hier wirklich eine große Hilfe."