Deutschland klagt über die Hitzewelle. Bei 38 Grad im Schatten macht auch das Fliegen keinen Spaß mehr. Nach dem Studium der Wetterkarten stand für sechs Piloten der Flugsportgruppe Hammelburg das Ziel der lange geplanten Boy´s Tour fest: Englands Südküste. Start in Hammelburg ist morgens 10 Uhr bei schon schwülen 25 Grad mit zwei Vereinsmaschinen, der Cessna 172 und der DR400.
Erstes Etappenziel ist der Verkehrslandeplatz Saarlouis kurz vor der französischen Grenze zur Erledigung notwendiger Formalitäten. Weiter geht es zum Flughafen Calais-Dunkerque im Formationsflug durch den französischen Luftraum. Das Formationsfliegen bietet den Vorteil, dass der Funkverkehr über eine Maschine abgewickelt werden kann, denn dieser ist durch das manchmal kaum verständliche Englisch der französischen Fluglotsen etwas mühsam.
In Calais wird getankt, und endlich geht es nach Wechsel der Piloten hinüber auf die Britische Insel. Eine Überquerung des Ärmelkanals im Flugzeug ist heute keine Pioniertat mehr wie 1909 zu Zeiten von Louis Blériot, trotzdem ist es ein erhebendes Gefühl, wenn die weißen Kreidefelsen von Dover aus dem Dunst auftauchen.
Die Gruppe fliegt von Dover Richtung Westen und folgt in niedriger Höhe von 1500 Fuß (etwa 500 Meter) der geschwungenen Küstenlinie. Im Funkverkehr mit den britischen Controllern sind nun wegen der komplizierten Luftraumstruktur und der vielen Flugbeschränkungszonen klare und präzise Meldungen gefragt.
Bald taucht rechter Hand das alte Seebad Brighton auf. Vor dem langen Sandstrand sieht man noch das Stahlgerippe des 2003 von einem Feuer verwüsteten berühmten West Pier aus den Wellen ragen.


Es bläst ein kräftiger Wind

Nach Passieren der Landspitze von Selsey liegt nach nicht einmal fünf Stunden reiner Flugzeit das geplante Tagesziel vor den Hammelburgern, die Isle of Wight. Auf der 35 Quadratkilometer großen Insel liegt der Flugplatz Sandown. Wie so oft an der See bläst ein kräftiger Wind, was vom Piloten bei der Landung auf der Graspiste vollste Konzentration erfordert.
Erst einmal gelandet, ist alles ganz unkompliziert. Die Flugzeuge werden an Bodenankern festgezurrt, die Zelte gleich daneben aufgeschlagen. Die Lufttemperatur beträgt übrigens 20 bis 22 Grad Celsius. Eine kleine Flugplatzkneipe lockt mit kühlen Getränken und allerlei Tipps, wo man ein Abendessen bekommen könnte. Nebenbei erfahren die Teilnehmer, dass in einem der Hangars gerade drei Spitfire-Kampfflugzeuge aus dem 2. Weltkrieg restauriert werden. Es ist aber nur von außen ein Blick in die Werkstatt möglich.
Danach folgt ein Fußmarsch ins nahe gelegene Küstenstädtchen Sandown, wo schnell ein Pub mit Terrasse inklusive Meerblick gefunden ist; eine gute Gelegenheit, die ersten Berührungsängste mit der englischen Küche abzubauen.
Die kulinarischen Erfahrungen werden am Morgen darauf um ein "All Day Breakfast" mit Würstchen, gebackenen Bohnen und Spiegelei erweitert.
Wie immer hängt das Ziel der nächsten Flugetappe vom Wetter ab. Die Hammelburger entscheiden sich für einen kleinen Flugplatz namens Bolt Head etwa eine Flugstunde weiter westlich. Nach dem Abheben in Sandown geht es hinaus aufs Meer. Brav brummen die Triebwerke unserer Flieger bei etwa 2300 Umdrehungen vor sich hin, und Pilot und Besatzung dürfen sich wieder an Perspektiven satt sehen, die man nur in einem Kleinflugzeug aus dieser Höhe hat.


Faszinierende Ausblicke

Allein die Westspitze der Isle of Wight mit der genau der Küstenlinie folgenden Wolkenbank ist so faszinierend, dass die Kameras keine Sekunde zur Seite gelegt werden. An Bournemouth, Sidmouth und dem Touristenstädtchen Torquay vorbei nähern sie sich dem Tagesziel. Bolt Head ist einer von so vielen Flugplätzen dieser Art in England. Einen Flugleiter, ohne den in Deutschland nicht einmal das Rollen am Boden erlaubt wäre, gibt es hier nicht.
Man überfliegt den Air Strip, um anhand des Windsackes die Landerichtung festzulegen, setzt über eine bestimmte Frequenz standardisierte Positionsmeldungen ab und landet. Zufällig ist heute doch jemand da, ein älterer Herr, der der Gruppe gleich den kleinen Hangar aufschließt und interessantes über Bolt Heads Geschichte zu erzählen weiß. Hier war nämlich im Zweiten Weltkrieg eine Air Base mit zwei langen, gekreuzten Pisten, was man uns gleich anhand von aus einer Kiste gezauberten historischen Fotos demonstriert. Danach heißt es Flugzeuge vertäuen, Landegebühr in einen kleinen Kasten werfen, Schlafplatz suchen.


Das Wetter ändert sich

Die Hammelburger sind nun in der Grafschaft Devon, deren Steilküsten noch viel beeindruckender sind als es die schönste Fernsehserie wiedergeben kann. Ein Fußmarsch auf dem herrlichen Küstenwanderweg führt zu einem Barbecue-Restaurant und später in das kleine Hafenstädtchen Salcombe.
Tags darauf zeigt sich, dass langfristige Wetterprognosen doch ihre Tücken haben. Tiefe, immer dichter werdende Wolkenfelder ziehen durch, und die Gruppe nutzt einen günstigen Zeitpunkt, um den geordneten Rückzug Richtung Osten anzutreten. Weil es allen auf der Isle of Wight so gut gefallen hat, fliegen sie eben wieder zurück nach Sandown.
Heute Abend geht es von da aus in das Städtchen Shanklin. Viele Restaurants, Spielhallen und ein Vergnügungspark lassen ahnen, wie es in den Schulferien hier aussehen wird. Vor einer beschaulichen Strandkulisse genießen alle in Ruhe Fish and Chips, begleitet vom Rauschen der Brandung und dem Geschrei der Möwen. Tags darauf geht es zurück nach Deutschland mit nahenden Gewittern im Rücken. Eine letzte Übernachtung ist auf dem Flugplatz Lachen-Speyersdorf am Rand des Pfälzer Waldes. Am nächsten Mittag sind alle zurück. Bernd Chittka