Es war wieder ein Spektakel, das jeder, der das Glück hat, es mit eigenen Augen zu erleben, so schnell nicht vergisst: Dieser Tage geht die Birkhuhnbalz in der Rhön langsam zu Ende. Nun darf mit Spannung auf das Ergebnis der Brut gewartet werden. Dabei blicken die Verantwortlichen mit Zuversicht in die Zukunft: nicht nur, dass wieder 25 Tiere aus Schweden in der Rhön ausgewildert wurden, im vergangenen Jahr hat sich der Birkwildbestand im Land der offenen Fernen stabilisiert.
Das wurde jetzt bei der jährlichen Birkwildzählung deutlich. Aus der ganzen Republik waren rund 120 Vogelfreunde nach Oberelsbach gekommen, um an knapp 70 Zählstellen ab 4 Uhr morgens bei bitterer Kälte und sogar noch Schneeschauern den aktuellen Vogelbestand in der Langen Rhön und am Himmeldunkberg zu ermitteln. Dazu kamen noch zahlreiche Helfer in der hessischen Rhön, die parallel am Roten Moor aktiv waren.


Bestand stabilisiert

Die großen Anstrengungen, die viele Helfer auf sich genommen haben, um den Bestand des Birkwilds in der Rhön zu retten, haben sich offensichtlich rentiert. Neben verschiedenen vom Aussterben bedrohten Vögeln wie dem Raubwürger oder der Bekassine wurden trotz der extrem ungünstigen Bedingungen elf Birkhähne und sieben Hennen gezählt. Das ist je ein Tier weniger als im Jahr zuvor, aber damit ist der Bestand stabil, erklärt Torsten Kirchner, der die Zählung in der bayerischen Rhön wieder organisiert hat, hochzufrieden. Der Schutzgebietsbetreuer für die Lange Rhön wertet das auch deshalb als besonderen Erfolg, da 2015 kein schwedisches Birkwild ausgewildert wurde.
In den fünf Jahren zuvor wurden insgesamt 68 Vögel in Mittelschweden gefangen und in die Rhön gebracht. Damit, so Kirchner, sei die Rhöner Population vor dem Aussterben bewahrt worden. Allerdings ist sie bei diesen niedrigen Zahlen weiterhin gefährdet. Der Bestand reiche noch nicht aus, zwei oder drei schlechte Jahre ohne oder mit nur wenig Nachwuchs zu überstehen.
Entsprechend haben die Rhöner von den schwedischen Behörden erneut die Genehmigung erhalten, bis 2019 jeweils 25 Tiere pro Jahr einzufangen und in ihrer neuen Heimat auswildern zu dürfen. Da der Frühling in Schweden heuer schon weit fortgeschritten und damit der Höhepunkt der Birkwild-Balz früher als üblich war, mussten sich die ersten Rhöner Helfer des Fangteams um Berufsjäger Christian Lintow und dessen hessischen Kollegen Georg Sauer schon vor der Birkwildzählung auf die 1800 Kilometer lange, von Sponsoren finanzierte Tour nach Schweden aufmachen. Schließlich sollten sich die schwedischen Tiere noch heuer am Balzgeschehen und an der Vermehrung in der Rhön beteiligen können.
Dass für die Aktionen praktisch keine öffentlichen Mittel ausgegeben werden, ist den Machern wichtig. So wird das Auswilderungsprojekt von der Firma Stiel in Ostheim, dem Mineralbrunnen RhönSprudel, den Birkwildhegeringen und Privatleuten getragen. Die Stelle des Gebietsbetreuers finanziert sich durch den Bayerischen Naturschutzfonds.
Das Fangen der Tiere ist kein einfaches Geschäft. Das Material muss in entlegene Gebiete getragen werden. Vier bis fünf Stunden dauert es teilweise, die Zäune und Fangkörbe jede Nacht auf dem Balzplatz zu justieren, denn bei Frost ändert sich die Lage der Fangkörbe auf dem weichen Moorboden ständig. Anschließend beginnt das lange Warten auf die Dämmerung und damit die Balz.


Mit Preiselbeeren angelockt

Die Tiere werden über Zäune zu den Fangkörben geleitet, die fallen über sie, wenn sie eine Schnur berühren. Die oberste Maxime für die Fänger heißt dann, den Tieren möglichst keinen Stress zu verursachen. Deshalb kommen sie in eine dunkle mit Preiselbeeren und Heidekraut gefüllte Kiste. Hier sind sie ganz ruhig. Sie werden noch kurz gewogen, für das Besendern vorbereitet, einem Tierarzt vorgestellt, und dann beginnt schon die etwa 20-stündige Fahrt in Richtung Rhön.
Vier Fahrten mussten heuer unternommen werden, bis 15 Birkhennen und zehn Hähne in die Rhön gebracht waren. Dabei kam den Rhönern zugute, dass gleichzeitig holländische Kollegen vor Ort Birkwild nach der gleichen Methode fingen. Auch sie wollen in ihrer Heimat eine vom Aussterben bedrohte Population retten. Da die Holländer mit mehreren Fahrzeugen unterwegs waren, nahmen sie für die Rhön bestimmte Vögel nach Osnabrück mit, wo sie von Rhöner Helfern übernommen wurden. So hatte sich ein Ostheimer Ehepaar spontan bereit erklärt, eine solche Fahrt auf eigene Kosten zu übernehmen, als es am Stammtisch von der Aktion hörte.
Während die Tiere in der Langen Rhön vor Jahren sofort in die Freiheit entlassen wurden, kommen sie jetzt in eine zwei auf zwei Meter große Auswilderungskiste. Hier beginnen manche Hähne sofort mit dem Balzen, andere Tiere halten sich noch Stunden darin auf, bevor sie aus der Öffnung kommen und einen ersten Erkundungsflug in der neuen Heimat starten.
Und was wird dann aus ihnen? Viele fliegen einfach weg und sind auch über die Peilsender nicht mehr zu orten, manche bleiben im Auswilderungsgebiet, einige kommen nach Wochen wieder zurück, weiß Kirchner dank der Besenderung. In jedem Fall haben sich in der Vergangenheit schon Schweden mit Rhönern gepaart und Nachwuchs gezeugt, sodass sich immer noch Rhöner Gene in der Population finden und das Inzuchtproblem gelöst wurde, ist er überzeugt.
Und wie groß müsste der Birkwild-Bestand sei, um auf schwedische Importe verzichten zu können? Hier nennt Kirchner die Zahl 100. Allerdings reicht dazu die Fläche der Langen Rhön als Lebensraum nicht aus. Er hat hier Bereiche in Hessen, Thüringen oder den Truppenübungsplatz Wildflecken im Blick.
Und warum der ganze Aufwand? Beim Thema Birkwildschutz scheiden sich die Geister in der Rhön bekanntlich seit Jahren. Auf der einen Seite manche, die nun überhaupt nicht verstehen können, warum so viel Aufhebens wegen irgendeiner Hühnerart gemacht wird. Auf der anderen Seite Naturliebhaber, die den Bestand des wunderschönen Tieres in der Rhön unbedingt erhalten wollen. Letztere finden sich nicht nur in der Rhön.


Rhöner Lebensqualität

Kirchner führt hier neben der Schönheit der Tiere, ethischen und naturschützerischen Gründen auch die wirtschaftliche Bedeutung an. Das Vorkommen von Birkwild gilt als ein wichtiges Qualitätsmerkmal für die Rhön, denn es gibt im gleichen großflächigen Lebensraum eine Vielzahl von Arten, die unter anderem auch bei der Beantragung von Förderungen für das sogenannte Vertragsnaturschutzprogramm in der Landwirtschaft wichtige Argumente liefern. So werden in jedem Jahr hohe Summen an Landwirte bezahlt, die die Rhöner Wiesenlandschaft erhalten. Das attraktive Landschaftsbild lockt dann aber nicht nur Touristen, die Geld in die Rhön bringen, sondern ist auch ein wichtiger Faktor für die hohe Lebensqualität der Rhöner. Thomas Pfeuffer