Es war durchaus ein Finale, dessen musikalische Strahlkraft hinüberreichen kann bis zum Kissinger Sommer 2017: Das Orchestre Philharmonique de Marseille spielte auch bei seinem zweiten Auftritt im Regentenbau unter der Leitung seines Chefdirigenten Lawrence Foster ein mitreißendes Konzert mit einem deutschen Programm. Auch wenn die Aussage politisch nicht ganz korrekt ist: Gustav Mahler war Böhme, Joseph Haydn wurde im österreichischen Rohrau geboren. Also sprechen wir lieber vom deutschsprachigen Raum.
Deutscher konnte freilich der Beginn nicht sein mit Richard Wagner und seinem "Lohengrin". Daraus musizierten die Marseiller die Vorspiele zum 1. und 3. Akt. Gerade Ersteres ist gefürchtet bei den Streichern. Denn die 1. Violinen müssen gnadenlos hoch und völlig ausgestellt beginnen, bis sich langsam die immer tiefer werden Streicher dazu gesellen und schließlich auch die Bläser Schutz bieten. Filigraner, aber auch diffiziler kann eine musikalische Morgenstimmung nicht sein. Dazu kommt, dass die Musik absolut flächig ist, dass das Erkennen von Wechselstellen schwierig ist, dass es sich da lohnt, zum Dirigenten zu schauen. Die erkennbar große ein bisschen defensive Vorsicht, mit der die Geiger zu Werke gingen, tat in dem Fall ausnahmsweise der Musik zusätzlich gut. Kaum zu glauben, dass einzelne Töne so spannend sein können. Dafür war das 2. Vorspiel umso kräftiger und plastischer musiziert.
Das gab schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Orchesterlieder aus "Des Knaben Wunderhorn" von Gustav Mahler. Denn diese Musik lebt von der Klarheit, die man so von einem französischen Orchester nicht erwartet. Aber Lawrence Foster muss da ziemlich geraspelt haben. Denn die ungemeine Farbigkeit der Musik und die Raffinesse der Rhythmen wurden ebenso deutlich, wie die Ironie, mit der Mahler Distanz und Spannung zugleich schuf.
Die beiden Solisten hätten unterschiedlicher kaum sein können. Waltraud Meier, Weltstar aus Würzburg war mal wieder begeisternd souverän. Bei Liedern wie "Rheinlegendchen" oder "Des Antonius von Padua Fischpredigt" ließ sie sich völlig auf das starke agogische, witzige Spiel von Foster ein, bei "Das irdische Leben" hörte man plötzlich soziale Not und Kälte.
Die tiefen Lieder hätte man vielleicht nicht unbedingt mit Daniel Kotlinski besetzen müssen. Sie sind für einen Bassbariton zu hoch. Er muss ziemlich geübt haben, um sich hochzubeißen, und er hatte schließlich die Höhe, aber damit schwächte er die Tiefe und engte seinen Gestaltungsspielraum ein. Gut, Lieder wie "Revelge" oder "Der Tambourgesell" sind textlich und musikalisch so trostlos, dass man nicht mehr viel gestalten muss. Aber bei "Lob des hohen Verstandes" merkte man schon, dass Kotlinski sich eigentlich mehr vorgenommen hatte, als dann herüberkam.
Sensationell leichthändig und virtuos geriet das gerne eher behäbig zelebrierte Cellokonzert Nr. 1 C-dur von Joseph Haydn, und zwar von Gautier Capuçon und dem Orchester gleichermaßen. Schwer zu sagen,m wer da wen in den beiden Ecksätzen immer weiter vorwärts trieb bis an die technischen Grenzen, aber der staunende Genuß des Zuhörens war total. Zumal der Mittelsatz so langsam dazwischen gesetzt war, dass er mit dem Absturz der Spannung spielte - und gewann.
Als lustvoll konnte man auch Richard Strauss' Suite aus dem "Rosenkavalier bezeichnen: ungemein plastisch und mitreißend musiziert, manch mal ein bisschen lärmig und erfüllt von taumenlder Walzerseligkeit - da merkte man, welche Kraft in dieser Musik steckt.
Die Zugabe war der programmatische Ausreißer - sie stammte aus England: Elgars "Pomp & Circumstance March Nr 1", die "Auszugsmusik für die scheidende Intendantin. Sie hatte ihn sich gewünscht.