VON Siegfried Farkas

Man sieht ihr das vielleicht nicht an, aber Betty hat das Zeug zum Star. Mit ein wenig Glück schafft sie es, zu einer Figur zu werden, die Besuchern in der Oberen Saline vorstellen darf, was im Spielzeugmuseum besonders interessant ist. Dabei ist Betty eigentlich nur eine Lumpenpuppe.
Ihren Namen hat Betty von dem Nüdlinger Kulturwissenschaftler Roland Halbritter. Von ihm stammt auch der Gedanke, der Lumpenpuppe, eigentlich ein Arme-Leute-Spielzeug, eine größere Rolle zukommen zu lassen, als zunächst gedacht. Denn ursprünglich war die Lumpenpuppe nur eine Hälfte des Titels für die aktuelle Sonderausstellung im Spielzeugmuseum, die Halbritter zusammen mit Hilla Schütze überwiegend mit Stücken aus deren Sammlung zusammengestellt hat.


Eine Hälfte des Ausstellungstitels

Unter der Überschrift Zinnsoldat und Lumpenpuppe liefert die Ausstellung Beispiele, wie und womit Kinder zu Zeiten Bismarcks spielten. Bei den allermeisten der dabei präsentierten Stücke handelt es sich um Spielsachen, die sich nur bessergestellte Familien für ihren Nachwuchs leisten konnten. Und eine Lumpenpuppe war zunächst gar nicht dabei, erzählt Halbritter.
Er habe dann kurzerhand beim Nüdlinger Fläär eine auf dem Flohmarkt besorgt.
Aus Bismarcks Zeiten stamme dieses Stück zwar nicht, sondern so etwa aus den 1950er Jahren, aber eine echte Lumpenpuppe aus dem Kaiserreich lässt sich heutzutage nur schwerlich finden. Schließlich handelte es sich dabei um "kurzlebiges Billigspielzeug", wie Hilla Schütze und Roland Halbritter berichten.
Viele waren so einfach und billig hergestellt, dass auch mal eine rohe Kartoffel den Kopf stabilisieren und kleine Äste vorübergehend als Arme herhalten mussten. Das Prinzip gebe es aber bestimmt heute noch, sagt Hilla Schütze: "Früher wurden sie aus Not und Liebe gemacht, jetzt nur noch aus Liebe."


Durchnässt auf die Wäscheleine

Die Rolle, die Halbritter der Lumpenpuppe Betty zugedacht hat, reicht über die aktuelle Sonderausstellung hinaus. Ein Buch wolle er machen über sie. Ein Buch, das ein bisschen von Bettys Geschichte erzählt. Wie mit ihr gespielt worden ist. Wie sie in eine Kiste kam, wie sie ein Gewitterregen durchnässte. Wie sie auf der Wäscheleine trocknete. Und, wie sie am Ende ein Museumsstück wurde. Darüber hinaus solle Betty in Fotos für das Buch in verschiedenen Situationen das Museum erkunden und so Besuchern, Kindern und Erwachsenen, die Besonderheiten der Sammlung näherbringen.
Da schaukle sie dann eben mal auf dem Lüster, sitze auf dem runden Sitzmöbel, auf dem sonst keiner sitzen darf, oder sie begutachte Bismarcks Nachttopf.
In trockenen Tüchern ist Halbritters Buchprojekt noch nicht. Er muss erst noch das städtische Kulturreferat davon überzeugen. Vorstellungen, wie das Produkt aussehen soll, bringt der Nüdlinger aber schon mit. Es müsse nicht unbedingt fest gebunden sein, meint er. Postkarten, irgendwie zusammengehalten und immer wieder ergänzt, könnten durchaus sinnvoll sein.
In den nächsten Wochen, sagt der Kulturwissenschaftler, werde sich entscheiden, ob aus dem Projekt etwas wird. Die Gedanken lässt er deshalb schon mal schweifen. Wenn alles gut geht, sagt er, könnte Bettys Buch bis zum Frühjahr fertig sein.