Mit einem von Bischof Friedhelm Hofmann geleiteten Pontifikalgottesdienst in Heilig Geist ist an Christi Himmelfahrt die neue Stadtpfarrei Schweinfurt gegründet worden. Die acht katholischen Pfarreien sind nun in Heilig Geist als Filialgemeinden eingegliedert. In St. Michael ist man wenig begeistert. Christof Bretscher, Leiter der Michels-Werkstatt, hat die Entstehungsgeschichte "verblüfft". Roland Breitenbach, noch immer Pfarrer der Rebellengemeinde aus dem Musikerviertel, macht kein Hehl daraus, dass ihn die Entscheidung verbittert, die er eine Mogelpackung nennt. Das Interview fand in Breitenbachs Wohnung in St. Michael statt.

Frage: Schon gegen die Bildung der nun auch wieder aufgelösten Pfarreiengemeinschaften hat sich St. Michael ausgesprochen. Konnte man sich gegen diese neue Stadtpfarrei überhaupt wehren?
Christof Bretscher: Ich habe das Gefühl, dass es ein abgekartetes Spiel war. Die Pressestelle des Ordinariats (POW) schrieb am 22. Mai 2017, 2015 sei die Arbeitsgemeinschaft "Stadtkirche" gegründet worden. Ich habe dazu als ein Sprecher der Michaels-Werkstatt keine Einladung oder ein Zielpapier gesehen. Vielleicht habe ich da etwas nicht mitbekommen, weil ich 2015 noch in die intensive Genesungs -und Rehabilitationszeit von Roland Breitenbach eingebunden war. Aber zumindest ein Arbeits- und Verlaufsbericht oder ähnliches müsste ja existieren, der unter den Pfarrgemeinderäten zu diskutieren gewesen wäre.

Es h ieß, dass Seelsorgerkonferenz, Dekanatsrat, Pfarrgeme inderatsvorsitzende und Kirchenpfleger einstimmig für die Neuregelung waren.
Bretscher:Weder der Kirchenpfleger, der nichts vom Abstimmungstermin am 9. Januar 2017 wusste, noch die Sprecherin der Michaels-Werkstatt, die entschuldigt war, haben mitgestimmt. Also lag wohl doch keine Einstimmigkeit vor. Pfarrer Joachim Morgenroth berichtete in der Michaels-Werkstatt am 24. April 2017 von Inhalten des Votums. Es herrschte zunächst verblüfftes Schweigen unter den 17 Teilnehmern, dann einhellige Ablehnung bis hin zur Resignation ("dann können die Pfarreien ja dichtmachen"). Aber die Besinnung auf die in St. Michael lange gewachsene Fähigkeit, inhaltlich und strukturell auch die eigenen Füße zu benutzen, ließ unter den Teilnehmern etwas Hoffnung aufkommen.

Viele Pfarreien haben bei der Pontifikalfeier ihre Stärken als Geschenk mitgebracht. St. Michael schickte keine Delegation. Warum?
Bretscher Es gab in einem Schreiben des Dekans an die Pfarreien die Aufforderung zum "Ringelpietz mit Anfassen", um es mal so auszudrücken, also einen Rückfall in antike Vorstellungen einer Vorführung für den Bischof. Wir haben dem Dekan zu verstehen gegeben, dass das Konstrukt der Stadtkirche ein rein verwaltungstechnischer Vorgang ist und kein Grund besteht, daraus eine Hochfeier zu konstruieren, als wäre da eine herausragende pastorale oder spirituelle Wegweisung gelungen. Eine angemessene Äußerung wäre ein Konzert, allerdings ein gellendes Pfeifkonzert gewesen. Aber das hätte ja kaum jemanden erfreut.

Liegt ein vollständiges Konzept der Stadtpfarrei vor?
Bretscher:Ich kenne eine Stichwortsammlung, die der Dekan mir wenige Tage vor dem offiziellen Inkrafttreten geschickt hat. Die Liste war allerdings schon bekannt. Sonst kenne ich nur Verlautbarungen aus der lokalen Presse, dem POW oder auf sw.mainfranken-katholisch.de Ich behaupte, dass es kein komplett ausgearbeitetes Konzept gibt, mehr Wischiwaschi. Bei wem liegt beispielsweise die Verantwortlichkeit der neun Kirchenstiftungen. Was ist der Gemeindeausschuss oder das Leitungsteam? Es erscheint mir völlig unlogisch, was in Schweinfurt passiert.
Roland Breitenbach:Bei 20 000 Katholiken schafft man die Pfarreien ab, belässt aber alle bisherigen neun Kirchenstiftungen, nennt die Gemeinden Filialgemeinden anstatt ohne großes TamTam einfach den Stadtpfarrer zu installieren und ihm die Freiheit der Unterstützung für die Pfarrgemeinden zu überlassen. Es hätte eine Befragung der Katholiken in Schweinfurt erfolgen müssen.
Bretscher:Die hauptamtlichen Seelsorger waren vorher ohnehin auch für die Pfarrgemeinden tätig. Fertig. Wie in der Mitteilung des POW vom 22. Mai 2017 zu lesen ist, möchte der Bischof seinem Nachfolger überlassen, ob künftigen ähnlichen Konstrukten der rechtliche Status einer Pfarrei angemessen erscheint. Wieso wohl?

Offen sagt es keiner, aber der Hauptgrund für den neuen Konstrukt ist doch der offensichtliche Priestermangel?
Breitenbach: Absolut. Ja, das ist so. Ich habe immer die Abschaffung des Zölibats gefordert und auch die Weigerung, Frauen zu weihen, sorgt für den großen Mangel. Wo ein Wille ist, wäre auch eine Weihe.

Wie eigenständig sind die Filialkirchen noch und wie geht St. Michael mit seinen besonderen Angeboten damit um?
Bretscher: Eigenständigkeit scheint mir nicht das eigentliche Ziel zu sein. Eher Eigeninitiative auch in pastoralen, liturgischen, vielleicht spirituellen und sozialen wie gesellschaftlichen Bereichen. Insbesondere für die Förderung und Unterstützung ehrenamtlicher Frauen und Männer mit solchen Fähigkeiten würden sich vermutlich die Pfarrgemeinden Unterstützung von der zentralen Stadtpfarrei wünschen. Wenn aber die Basis der Gemeinschaft in den Pfarrgemeinden geschwächt wird, wie es jetzt wohl geschieht, scheinen neue Wege eher sehr abseits zu liegen. St.Michael muss in der Michaels-Werkstatt als dem Gemeindegremium die Initiativen genauso überdenken wie unser Verein Offene Gemeinde, der St.Michael unterstützt und für die sozialen Aufgaben steht, wie Roland Breitenbach sie vor langer Zeit begonnen hat und aktuell weiterführt.
Breitenbach: Wer Hilfe braucht, bekommt sie bei uns. Ohne Menschennähe geht auch Gottesnähe verloren. Zu uns kommen die Leute.

Droht, wenn das Konstrukt nicht so wie gewünscht läuft, nicht eine komplette Schließung von Gemeinden?
Bretscher: Ja. Das Konstrukt ist allerdings nicht die eigentliche Ursache, trägt aber zur Beschleunigung von Filialschließungen bei, wie man das ja auch aus der Wirtschaft kennt. Die Kleinen werden zu Ende organisiert. Der Begriff Filiale vermittelt den Eindruck von Fremdbestimmung, nicht von Eigenverantwortung. Gerade dann, wenn eine geschlossen wird.

Die Leitung übernimmt mit Joachim Morgenroth ein neuer Chef. Er zeigte sich seinerzeit kulant, als Roland Breitenbach in St. Michael wohnen bleiben konnte?
Bretscher: Ich habe ihn als konsensbewussten und kooperationsfähigen Menschen kennengelernt, der auch immer willens war, auf das breite Spektrum des Katholizismus in Schweinfurt einzugehen. Das ist schon eine Herausforderung. Und er kann gewähren lassen . . .
Das Gespräch führte Hannes Helferich.