Keine vier Minuten gönnte Mike Richter seinen potenziellen Wählern. "Ich kann leider nur kurz bleiben", sagte der Berufssoldat, der in Uniform zum Wahlforum der Stadtratsfraktion FDP/Freie Bürger erschien. Er erklärte den verblüfften Zuhörern, dass er an diesem Abend die Leitung des Feriencamps der Reservisten auf der Edelruh übernommen hatte. Unmittelbar nach der Vorstellungsrunde platzierte der Kandidat der PWG seine Wahlbroschüren auf den Tischen, dann war er auch schon fort. "Hätte eine Terminabsprache im Vorfeld stattgefunden, wären wir definitiv dabei gewesen", stellt Jonathan Kirchner, Vorsitzender der PWG, am Tag nach dem Desaster auf Nachfrage dieser Zeitung klar.


Spannung zwischen alt und jung

Die beiden stehen gelassenen Kandidaten arrangierten sich schnell mit der Situation. "Ich möchte Bürgermeister werden, weil ich die Brückenauer in die Ideenfindung mit einbeziehen möchte. Das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen", legte Claudio Kleinhans (Perspektivwechsel) vor. Über eine eigene Liste hatte es der 23-jährige Student zum Bürgermeisterkandidat geschafft. "Sie kennen mich ja", sprach die amtierende Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) das Publikum direkt an. "Ich möchte die gemeinsamen Projekte erfolgreich fortführen", sagte die 61-Jährige und ging ausführlich auf die geleistete Arbeit der vergangenen Jahre ein.

Adelheid Zimmermann, die für die FDP sowohl im Stadtrat als auch im Kreis- und Bezirkstag vertreten ist, moderierte den Abend. Mehrmals flocht sie ihre eigenen kommunalpolitischen Forderungen mit ein. Schon an der zweiten Fragen schieden sich die Kandidaten: Sind Senioren ein großer Wert für Bad Brückenau? "Wir als Stadt haben an Senioren-Kompetenz sehr viel zu bieten", antwortete Meyerdierks und verwies auf Heilquellen, Krankenhaus und niedergelassene Ärzte. "Ich sehe das ein bisschen anders", erwiderte Kleinhans. "Wir holen uns die Senioren von außerhalb, dadurch entsteht ein Ungleichgewicht." Seine Kritik: Es werde mehr für ältere Bürger getan als für junge Familien.


Meyerdierks hofft auf andere

Auch am Leerstand in der Fußgängerzone entzündete sich die Diskussion. Kleinhans will einen City-Manager einstellen, am Wochenende Bands spielen lassen oder ein Sommertheater unter freiem Himmel organisieren. Meyerdierks verwies auf verschiedenen Projekte, die mit dem Forum hätten verwirklicht werden sollen. Auch die Gelder dafür stünden bereit. Nach der Auflösung des Forums hoffe sie nun auf die neu gegründete Werbegemeinschaft: "Das kann die Stadt nicht alleine machen." Dass diese allerdings eindeutig klar gemacht hatte, zwar für die Vermarktung der Geschäfte, nicht aber für die Stadtentwicklung zuständig sein zu wollen, ignorierte sie geflissentlich.


Kleinhans gerät ins Schwimmen

Blass sah der junge Kandidat beim Thema Haushalt aus. Den etwa 400 Seiten umfassenden Ordner habe er sich im Rathaus geholt. "So leer wie die Kassen scheinen, sind sie gar nicht. Man müsste die Gelder besser verteilen", schlug er vor. "Ich halte Ihnen zugute, es ist ein großes Werk", sagte die Moderatorin. Man müsse sich in den Haushalt erst reinarbeiten, um damit umgehen zu können.

Großen Raum - sowohl in der Diskussionsrunde als auch bei den Beiträgen aus dem Publikum - nahm das Thema Jugend ein. "Was für konkrete Pläne haben Sie für die Zukunft der Jugendlichen?", richtete sich ein junger Mann an die Bürgermeisterin. Diese schlüsselte auf, dass die Stadt über den Verein Pro Jugend den Gemeindejugendpfleger Boris Höttinger angestellt habe, zudem beteilige sich die Stadt an der Finanzierung einer Sozialarbeiterin an der Mittelschule. Dass es nicht gelungen ist, das Jugendzentrum (Juz) dauerhaft zum Leben zu erwecken, bedauerte Meyerdierks. "Ich komme da nicht weiter", gab sie zu.


Wie geht es mit der Jugend weiter?

Hier wiederum punktete Kleinhans. Ein Jugendcafé in der Innenstadt, bei dem auch Ältere vorbeischauen könnten, schwebe ihm vor. Partys könnten weiterhin im Juz stattfinden. Um die Kontinuität der Jugendarbeit zu sichern, würde er einen Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) einstellen, eine Erhöhung des Stundenkontingents von Höttinger halte er für machbar. "Es muss auch ein Ziel unserer Stadt sein, alt und jung wieder zusammenzubringen", sagte Kleinhans.

Insgesamt nahm Meyerdierks mit ihren rhetorischen Fähigkeiten und ihrer Präsenz das Publikum für sich ein und ließ den ein oder anderen Seitenhieb auf ihre Mitbewerber nicht aus. Kleinhans hörte aufmerksam zu und gab klar seine Statements ab, auf persönliche Angriffe auf seine Kontrahenten verzichtete er gänzlich. "Sie wird gewinnen, im ersten Durchgang", sagte ein Besucher nach dem Forum überzeugt. "Ein Kampf mit ungleichen Waffen", meinte ein anderer und eine Besucherin fügte hinzu: "Dafür hat er sich gut geschlagen."