Obgleich sie in der Rhön - und seit 40 Jahren in Bad Brückenau - ein "neues Zuhause" gefunden haben, fühlen sich der langjährige Pfarrer Friedhelm und an seiner Seite Mechthild von Czettritz und Neuhaus (79) eng mit der schlesischen Heimat verbunden. "Ich bin unter dem Schutzmantel der Heiligen Hedwig geboren", vertraut Mechthild von Czettritz und Neuhaus auf deren geistigen Beistand.
Mit zwei Brüdern und Pflegegeschwistern wuchs sie auf dem Scheliha-Gut ihrer Eltern im schlesischen Perschütz auf. "Meine Mutter nahm viele Kinder auf", erinnert sich die ehemalige Pfarrfrau an die Zeiten, als Schlesien bis kurz vor Kriegsende von Bombenangriffen verschont geblieben war und schutzsuchenden Menschen Zuflucht bot. Gefährlicher waren damals die Spitzel, die ins Haus kamen, um die Meinungen der Eltern zu erkunden. "Alle Telefongespräche wurden abgehört."

Spitzel im Haus

An die eigentlich unbeschwerte Kindheit erinnert sich Mechthild von Czettritz und Neuhaus. "Heute mal alle anrücken und helfen": Mit diesen Worten kommandierte der Vater zur Erntezeit alles auf dem Gut, was Beine und Arme hatte, auf das Feld. Auch die damals Elfjährige hatte mit anpacken und die aufgestellten Getreidegaben aufladen müssen. "Wenn wir gute Pferde hatten, dann ging's," lächelt sie bei der Erinnerung, dass beim plötzlichen Anrücken der Pferde die Frauen auf dem hochbeladenen Wagen herunterfielen. "Wir Kinder bekamen am Nachmittag 50 Pfennig als Lohn."
Im Januar 1945 rückte die Front näher. Flucht war verboten, Spitzel im Haus überwachten, dass nicht gepackt wurde. "Die Schipper im Saal, die die Schützengräben ausheben mussten, rieten den Eltern dringend dazu, das Gut zu verlassen." Bei Minus 20 Grad am 19. Januar 1945 hieß es, dass eine Tante in Leuthen besucht werden sollte. Im gedeckten Kutschwagen, der als erster von Haus und Hof fuhr, saßen die Mutter mit zwei Kindern und einer zugewiesenen Kranken. Die Flucht begann. " Mein Fluchtköfferchen habe ich noch heute", hat Mechthild von Czettritz und Neuhaus das Andenken harter und entbehrungsvoller Zeiten während der wochenlangen Odyssee bewahrt.
Die Mutter erkrankte unterwegs, eine ältere Lehrerin, bei der kleine Tross einquartiert wurde, wies verärgert und mit Nachdruck darauf hin, dass sie niemals ihr Haus verlassen würde. "Zwei Wochen später musste auch sie heraus."
Schwandorf war erste Station, und in Werberg wurde die Familie Scheliha, wie auch manche ihrer schlesischen Nachbarn, nach einer langen Odyssee 1946 wieder sesshaft - mit einem landwirtschaftlichen Betrieb. Als 13-Jährige ging Mechthild von Czettritz und Neuhaus erstmals dort zur Schule. Sie erinnert sich noch genau daran. Die Ordensschwester Agnes unterrichtete die 20 bis 30 Flüchtlingskinder aller Jahrgänge in einem Raum, der mit Bierbänken und Tischen möbliert war. "Wir haben gemeinsam mit den katholischen Kindern den Kathechismus gelernt, in der katholischen Kirche die Schubert-Messe mitgesungen und mit Pater Liborius vom Volkersberg wunderschöne Laienspiele aufgeführt". Sie ist immer noch dankbar für die Betreuung der Flüchtlinge durch die Franziskaner vom Kloster Volkersberg. "Ich kümmere mich um Deine Eltern," hatte Pater Frobert ihr versichert, als sie von Werberg zur weiteren Schulbildung nach Landshut wechselte.

Studium an der Bibelschule

Damals, als 1952 die Herder-Bibel ausgegeben wurde, habe sie schon über gute Bibelkenntnisse verfügt und oftmals darüber diskutiert. Zwei Jahre studierte die junge Frau an der Bibelschule in Stein und leitete einen Kinderchor, der bei Hochzeiten und Feiern auftrat. Vier Jahre arbeitete sie im bayerischen Mütterdienst in Stein zum Thema "Frauenarbeit in Deutschland".
Den "Kuppelpelz" habe sich ihr Bruder Kurt Friedrich verdient, der als Student mit Friedhelm von Czettritz und Neuhaus befreundet war, sagt Mechthild von Czettritz und Neuhaus - und schmunzelt. "Die Familien aus Schlesien kannten sich ja alle untereinander." Ein Teil der Familie von Czettritz und Neuhaus aus dem Riesengebirge hatte in Bamberg nach der Flucht eine neue Bleibe gefunden, der Vater war in Oberschlesien im Gefängnis gestorben. Nach einem Studium in Bamberg und Neuendettelsaus wurde Friedhelm von Czettritz und Neuhaus Vikar in Aschaffenburg. 1959 erhielt er in Großostheim seine erste Pfarrstelle. Im selben Jahr heirateten Mechthild Scheliha und der junge Pfarrer Friedhelm von Czettritz und Neuhaus.
1972 zog die junge Familie in das Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Bad Brückenau am Auerhahnweg. Das Dachgeschoss war zuvor der Kirchenraum für die Gemeinde. "Hier wurde ich konfirmiert, als wir in Werberg wohnten", erkannte die junge Pfarrfrau sofort.

Nicht nur Haus und Garten

Drei Söhne und die Tochter sorgten am Auerhahnweg mit manchen Spielgefährten für Leben im Pfarrhaus. "Wir waren ein offenes Haus, ein Kinderhaus", denkt Mechthild von Czettritz gerne an die Zeiten zurück, als auch die Nachbarskinder und Freunde in Haus und Garten ein und aus gingen. Die Pfarrfrau gründete einen Posaunenchor für Anfänger und wirkte als aktives Mitglied beim Kirchenchor und Handarbeitskreis mit. "Es war ganz normal, was damals neben Haus und Garten von Pfarrfrauen verlangt wurde."
1994 zogen Friedhelm und Mechthild von Czettritz und Neuhaus als Pensionäre in die Leimbachstraße. Bis zu seiner Erkrankung übernahm der ehemalige Pfarrer noch einige Jahre Vertretungen im Dekanat und die Betreuung des Krankenhauses.
Neben der Pflege ihres Mannes widmet sich Mechthild von Czettritz und Neuhaus weitgehend der Geschichte der Evangelischen Kirche und theologischen Themen. Als Mitglied des Handarbeitskreises der Friedenskirche organisierte sie gemeinsam mit der Pastorenfrau Annegret Wolf Hilfsaktionen für die beiden afghanischen Waisenhäuser, die von der deutschen Dolmetscherin Soraya Kuzai in ihrem Heimatland geschaffen wurden.

Vortrag

Mechthild von Czettritz und Neuhaus spricht am Donnerstag, 8. November, um 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus der Friedenskirche über "Die Geburt des Gemeindeliedes in deutscher Sprache als Frucht der Reformation". Damit setzt sie ihre jährliche Vortragsreihe über theologische Themen fort.