Ein zweites Mal spannt Jan Wenzel seinen Bogen. Doch er hat Pech: Der Carbonpfeil rutscht unbemerkt aus der Führung. Der Jugendliche lässt die Sehne los. Der Pfeil fliegt nicht auf die Zielscheibe zu, sondern durchbohrt auf einer Länge von sieben Zentimetern den Zeigefinger der linken Hand und bleibt stecken.

Der Unfall ist nun fast auf den Tag genau zwei Jahre her. "Ich habe anfangs gar nicht mitbekommen, was passiert ist. Ich habe noch geschaut, wo der Pfeil hingeflogen sein könnte", erzählt Wenzel heute. Die Aufregung um ihn herum auf dem Bogenplatz dagegen war groß: Das Schießen war damals Teil des Freizeitprogramms der Musikferienwoche der Allgäuer Tonkünstler. Andere Kinder und Jugendliche standen mit dabei.

Die Leiterin der Ferienwoche, Gisela Helm, musste die Kinder beruhigen und sie wieder in die Musikakademie bringen. Nach der notärztlichen Erstversorgung nahm sich währenddessen Franz Kielbassa am Hammelburger Krankenhaus des Verletzten an. "Der Knochen oder die Gefäß- und Nervenstränge können bei so einer Verletzung beschädigt werden", erklärt der Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie.

Doch Wenzel hatte Glück. Es war ein glatter Durchschuss unter der Haut. "Es ist gut gegangen", sagt der 17-Jährige. Kielbassa kürzte den Pfeil und zog ihn heraus. Zwei blasse Narben, kleiner als ein 1-Cent-Stück, deuten heute auf die Ein- und Austrittsstelle des Pfeils. Wenzel zeigt sie dem Chirurg. Der erkundigt sich, ob der junge Mann auch in der Fingerspitze das Gespür nicht verloren hat.

Wenzel: "Ich hatte schon damals gleich nach der Behandlung keine Probleme." Helm berichtet, dass der junge Musiker noch am selben Tag nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus zur Posaune griff. "Da habe ich gewusst, dass alles in Ordnung ist", sagt die Kursleiterin. Sie organisierte am nächsten Tag ein Konzert im Krankenhaus, nachdem sie erfahren hatte, dass das schon lange ein Wunsch von Rainer Voisard, dem Chefarzt der Inneren Medizin, war. Wenzel musizierte mit Schiene und Verband auch gleich wieder mit. Mit der linken Hand hebt er die Posaune nur an, erklärt er. Daher war das trotz der ruhig gestellten Hand möglich.

Der Musiker aus Kempten nimmt seit einigen Jahren regelmäßig an der Ferienwoche teil, um zu üben und Spaß zu haben. In diesem Jahr hat er sogar die Gelegenheit, zum ersten Mal seit dem Unfall Kielbassa wiederzutreffen. Denn die Teilnehmer sind vom Krankenhaus eingeladen, ein Konzert zu geben. Wenzel und die anderen rund 50 Musiker im Alter von elf bis 17 Jahren spielen Patienten und Personal einen Ausschnitt aus ihrem Repertoire vor.
Wenzel muss dabei anders als vor zwei Jahren keinen Verband tragen. Und noch etwas ist anders: Bogenschießen ist aus dem Freizeitprogramm gestrichen.