Wer schon jemals einen Weihnachtsbaum aufgestellt hat, der kennt's: Das Gelästere und die Frotzeleien über die Krücke, die man ausgesucht hat. So geht es gerade den Seubrigshäusern - und daran ist die Saale-Zeitung nicht unschuldig. In dieser Weihnachtsgeschichte geht es um einen Scherz, um einen angefressenen Mann von der Feuerwehr, um Ehrenamt und eine Krücke - aber es gibt ein Happy End.
Von Anfang an: Am Dienstagabend kam die Redaktion auf die Idee, die Leser um Fotos von den auf Dorf- und Marktplätzen aufgestellten Christbäumen zu bitten. Wir suchten den schiefsten, den schönsten, den skurrilsten Weihnachtsbaum. Bebildert wurde der Text, der auf Facebook veröffentlicht wurde, mit einem Foto vom Baum in Seubrigshausen.
Und um bei der Wahrheit zu bleiben: Der Baum ist - nun ja - nicht der schönste. Auch nicht der zweitschönste. Eher ein Baum, wie ihn nur eine Mutter lieben kann. Windschief, krakelig mit großen Lücken und traurigen Zweigen, die unten auf dem nassen Kopfsteinpflaster lungern. "Hier ist noch zweifelsohne Luft nach oben", haben wir dazu geschrieben.
Auf Facebook waren die Leute fast alle der gleichen Meinung, einer meinte, das sei "der Grübbl-Baam vo Serwichhausen".
Doch mindestens einer ging bei dieser Facebook-Nachricht und den Kommentaren in die Luft: Christoph Müller, Vorsitzender des Feuerwehrvereins in Seubrigshausen. Denn er hat den Baum aufgestellt. Und war stocksauer. "Hier wird Ehrenamt mit Füßen getreten", wetterte er.
Der Mann hat Recht. Denn: Der 33-Jährige will mit seinen Feuerwehr-Kumpels nichts mehr, als eine Tradition aufrecht zu erhalten. Und das wird immer schwerer. Christoph Müller: "Wir als kleiner Ortsteil müssen das alles selbst machen. Bei uns kommt nicht der Bauhof wie in Münnerstadt und stellt uns den Baum auf." Und überhaupt: Einen Baum zu kriegen, werde von Jahr zu Jahr schwieriger. Was aber auch wieder mit Münnerstadt zusammenhängt. Müller: "Die Leute spenden uns keinen schönen Baum, weil sie nicht wollen, dass er auf der Baustelle Dorfplatz steht." Für den Hintergrund: Die Straße in Seubrigshausen hat noch immer keinen Belag, derzeit ist sie mit einer Schlamm- und Dreckschicht überzogen.
"Und das Geld, einen schönen Baum zu kaufen, haben wir auch einfach nicht", erzählt Müller weiter. Um die 400 Euro kostet ein schöner und hoher Christbaum, das kann kein Verein mit 35 Mitgliedern zahlen. Und so hat es eben nur für die Krücke gelangt.
Christoph Müller muss selbst ein wenig grinsen, er weiß, dass der Seubrigshäuser Baum keinen Schönheitspreis gewinnt. "Aber das ist doch egal. Hauptsache, die Leute freuen sich, wenn sie aus der Kirche kommen und sehen, wie schön er im Dunklen leuchtet." Er hat Fotos dabei, und es stimmt: Wenn kein Licht ist, sieht der Baum toll aus. Da sehen die Lichterketten auch nicht mehr aus wie versehentlich draufgeworfen. Da waren Männer am Werk, der harte Kern des Seubrigshäuser Feuerwehrvereins. Und das sind vielleicht auch Männer, die zuhause einen Bandscheibenvorfall vorschützen, um nicht den heimischen Baum schmücken zu müssen. Für die Gemeinde aber machen sie das ehrenamtlich in ihrer Freizeit.
Großartig findet das Bürgermeister Helmut Blank. "Wir haben elf Ortsteile und der einzige Baum, der etwas kosten darf, ist der auf dem Münnerstädter Marktplatz - und der hat nur den Einsatz des Bauhofs gekostet." Es war heuer eine Dame vom Karlsberg, die ihren hohen Baum für die Allgemeinheit fällen ließ. Wenn in den Dörfern die Lichterketten kaputtgehen, "dann sorgen wir für Ersatz", so Blank. "Ich bin froh um die Ehrenamtlichen, denn dann geht die Tradition weiter."
So sieht es wohl auch eine Frau, die sich via Mail bei der Saale-Zeitung gemeldet hat. Sie findet den Seubrigshäuser Baum "eigentlich wunderschön - er ist halt nur ein bisschen anders als andere". Und sie bittet darum, wieder von den Schokoladenseiten des Dorfes zu berichten.
Das machen wir spätestens nächstes Jahr. Denn Weihnachten 2018 stiftet die Saale-Zeitung den Seubrigshäuser Christbaum. Und hilft auch beim Glühweinausschank, wenn der Baum aufgestellt wird - um eine schöne Tradition zu erhalten.