"Es kann immer alles passieren", sagt Eva Szepesi auf die Frage einer Schülerin, ob sie meint, dass so etwas wieder geschehen könnte. Aber sie war an vielen Schulen und hat immer einer offenen Jugend gegenüber gesessen, die ja mittlerweile die dritte und sogar vierte Generation nach den schrecklichen Ereignissen sei. Eins gibt die den Schülern aber mit auf den Weg: "Ihr seid nicht schuldig an dem, was damals passiert ist, aber ihr hättet Schuld, wenn es wieder passiert." Deshalb müssten sie dem entgegen treten.

Schulleiter Peter Rottmann hatte Eva Szepesi schon zwei Mal nach Schweinfurt eingeladen, wo er zuvor Schulleiter des Bayernkollegs war. Nun kam sie erstmals nach Münnerstadt, um von ihrem Leben zu erzählen und aus ihrem Buch "Ein Mädchen allein auf der Flucht" vorzulesen. Peter Rottmann stellte den Schülern des Q 11 und Q 12 den Gast vor. Die gebürtige Eva Diamant wurde 1932 in einem Vorort von Budapest geboren. Obwohl Ungarn mit Deutschland verbündet war, seien die rund 700 000 ungarischen Juden bis 1944 relativ sicher gewesen, sagt er. Als dann doch die Deportationen begannen, flüchtet sie. Am 4. November 1944 kam sie nach Auschwitz und wurde am 27. Januar 1945 befreit.

"Ich habe nie über das Thema gesprochen", sagt sie. Sie hatte das alles verdrängt. 1995 kam anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers eine Einladung nach Auschwitz, der sie zuerst nicht folgen wollte. Doch dann fuhr sie auf Drängen ihrer Töchter hin und hat ihr Schweigen gebrochen. Sie sah es seither als Verpflichtung an, darüber zu reden, weil die anderen nichts mehr sagen konnten, "weil sie stumm gemacht wurden".

Eva Szepesi spricht von einer glücklichen Kindheit, aber auch von ersten Diskriminierungen von ihren Spielkameraden im Alter von acht Jahren. Ihr Vater hat sie getröstet. "Jemand hat sie aufgehetzt", hat er gesagt. Später wurde er als Bausoldat eingezogen und an die Ostfront geschickt. Dann hat man nichts mehr von ihm gehört.

Als sich die Lage zuspitzte, schickte ihre Mutter sie zusammen mit einer Tante in die benachbarte Slowakei, wohin sie auf abenteuerlichen Wegen mit gefälschten Papieren kam. Ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder blieben zurück. "Bei der Verabschiedung hat mich meine Mutter so fest gehalten und geweint", sagt Eva Szepesi. Sie hat das damals nicht verstanden, denn die Mutter wollte doch bald nachkommen. Sie hat sie nie wieder gesehen.

Eva Szepesi beschreibt ihren abenteuerlichen Weg in der Slowakei. Ein paar Tage war sie - inzwischen allein - bei einem Rabbiner untergebracht. Später kam sie zu zwei älteren Schwestern, die nie geheiratet hatten. Durch Vorlesen von Geschichten und Märchen versuchten sie Eva Szepesi die Einsamkeit zu nehmen, weshalb sie sie ihre Märchenschwestern nannte.

Dann kamen die Männer. Eva Szepesi lag im Bett und war starr vor Angst. Eine Viertelstunde hatten sie und die zwei Schwestern Zeit, ihre Sachen zu packen. Schnell füllte sie einen Stoffbeutel, doch erst vor der Tür merkte sie, dass sie ihre Lieblingspuppe vergessen hatte. Sie wollte zurück und sie holen. "Doch alles Bitten und Flehen war vergeblich."

Die Busfahrt endete zunächst in einem Altenheim, einem Sammellager für die Deportation. Jeden Tag wurden Namen aufgerufen, die Menschen abtransportiert. Sie blieb bis zum allerletzten Tag. Eva Szepesi greift zum Buch, liest das Kapitel vor. Sie fand sich auf dem Boden eines Viehwaggons wieder, doch der Zug blieb über Tage stehen. Sie beschreibt den Gestank im Waggon und wie sie sich erinnerte, dass sie einmal ein Parfum-Flakon ihrer Mutter zerbrochen hatte. Der Geruch, der damals das ganze Haus erfüllte, strömte für sie jetzt durch den Viehwaggon. Sie hatte ihn in der Nase.

Als sich endlich die Tür öffnete, stand sie im Schnee, in Eiseskälte. Sie stand auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau. Die blaue Jacke, die ihre Mutter für sie gestrickt hatte, legte sie ordentlich gefaltet auf den Boden, als sie sich zum Duschen ausziehen musste. Eine Wärterin hat sie weggetreten. Das war das letzte kleine Stück Geborgenheit. "Der Anblick, der sich mir bot war fürchterlich." Eva Szepesi beschreibt wie ihr die Haare abgeschnitten wurde, wie sie in eine Baracke kam, wie sie sich gierig über den Suppentopf hermachte und sich furchtbar die Lippen verbrannte. Als der Topf zum zweiten Mal bei ihr ankam, war er leer.

Am nächsten Morgen erfolgte die Registrierung. "Du bis 16", flüsterte ihr eine Wärterin auf slowakisch energisch ins Ohr, als sie in der Schlange stand. Was sollte sie tun? "Ich war doch erst zwölf." Sie zitterte vor Angst und sagte "16". Das hat ihr das Leben gerettet. Dann bekam sie ihre Nummer in den Unterarm tätowiert.

Eva Szepesi erzählt von den stundenlangen Appells bei klirrender Kälte, von den Misshandlungen und von den Erfrierungen, die sie hatte. Und vom schreckliche Hunger. Die Kräfte schwanden. Sie träumte, geriet in Dämmerzustand und wurde schließlich bewusstlos. Die Frauen, die sich noch halbwegs bewegen konnten, wurden auf Todesmärsche geschickt. Einige blieben liegen. "Sie waren tot", sagt Eva Szepesi. Bis heute weiß sie nicht, ob es ein Engel oder ein Häftling war, der ihr Schnee an die fiebrigen Lipen hielt. Als sie das nächste Mal erwachte, sah sie einen roten Stern an einer einer Pelzmütze, darunter ein freundliches Gesicht. Das Lager war befreit, sie war gerettet.

Im September 1945 kehrte Eva Szepesi nach Budapest zurück, ihre Mutter und ihren Bruder fand sie nicht. Sie heiratete, der Beruf ihres Mannes erforderte es, nach Deutschland zu gehen. Als dann 1956 der Ungarnaufstand niedergeschlagen wurde, konnten sie nicht mehr zurück. Sie blieb in Deutschland, zog ihre zwei Töchter groß.

Es war ihre Enkelin, die nach einem Besuch in Auschwitz ihre Oma bat, gemeinsam mit ihr noch einmal dorthin zufahren. Sie wollte wieder nicht. Aber sie fuhr. Das war 2016. Inzwischen hatte man dort in einer Baracke die Namen aller ermordeten ungarischen Juden angebracht. Die Enkelin fand den Namen ihrer Uroma. "Das kann nicht sein", war Eva Szepesis erste Reaktion. Doch das Geburtsdatum stimmte, und weiter oben stand der Name ihres kleinen Bruders. "Seitdem konnte ich trauern, konnte weinen, was ich vorher nicht konnte."

Mit auf dem Podium sitzen Christoph Dürr, Fadya Soda und Constanze Faust. Sie hatten die Bücher von Eva Szepesi gelesen und wollten noch einiges wissen. Schulleiter Peter Rottmann fordert auch die anderen Schüler auf, Fragen zu stellen. Das tun sie, und dann kommt die Frage, die laut Peter Rottmann immer kommt: "Haben Sie die Tätowierung noch?" Eva Szepesi entblößt ihren Unterarm. Da ist sie deutlich zu sehen. Früher hat sie geschwiegen und die Häftlingsnummer verdeckt. Seit sie angefangen hat zu reden, geht sie auch kurzärmlig.