"Mürschter ist man nur, wenn man hier geboren ist. Münnerstädter wird man, wenn man hier lebt und sich einbringt. So fühle ich mich denn nach 50 Jahren als Wahlfranke und als Münnerstädter mit Migrationshintergrund", weiß Wilhelm Schmitt (76). Wie er zum angesehenen Bürger der Stadt wurde, schilderte er beim ersten Erzählcafé des neuen Jahres im Juliusspital. "

Vor 50 Jahren kannte ich Münnerstadt nicht und wusste auch überhaupt nicht, wo es liegt", stellt er gleich zu Beginn klar. Aufgewachsen in Bad Kreuznach, machte Wilhelm Schmitt nach der Entlassung aus der Volksschule im Jahr 1956 eine dreijährige Lehre bei der Regierungskasse Bad Kreuznach und wurde anschließend als Angestellter übernommen. Weitere berufliche Stationen waren drei Jahre Bundeswehr und Beamter im mittleren Dienst bei der Bundeswehrverwaltung. Um weiter aufsteigen zu können, wollte Wilhelm Schmitt den Dienstherrn wechseln.

Die Gemeinde Sulzbach am Main suchte einen Kassenverwalter. Er bekam die Stelle samt Zusage, dass er zum Aufstieg in den gehobenen Dienst zugelassen wird. Am 1. April 1968 fing er an - damit war er war in Unterfranken angekommen. Nach dem Lehrgang für den gehobenen Verwaltungsdienst wurde er zum Inspektor befördert und Stellvertreter des Kämmerers. Aber er wurde auch in den Personalrat gewählt und dessen Vorsitzender - damit macht man sich nicht unbedingt beliebt, wenn man seine Aufgabe ernst nimmt. Jedenfalls wurde die Beförderung zum Oberinspektor auf die lange Bank geschoben.

Seine Bewerbung auf eine Stellenausschreibung der Stadt Münnerstadt vom 28. Dezember 1974 hatte Erfolg. In Sulzbach wurde er noch schnell zum Oberinspektor befördert, in der Hoffnung ihn halten zu können. Doch am 1. März 1975 trat er seinen Dienst in der Kämmerei im Münnerstädter Rathaus an. Da es noch keine Umgehungsstraße gab, zählten damals am Rathaus vorbeifahrende US-Panzer auf ihrem Weg an die Zonengrenze zum Alltag. "Die Scheiben klirrten, Telefonieren war nicht möglich" schilderte Schmitt. Auf dem Marktplatz gab es Parkuhren, über die Lauer noch die alte Brücke, das alte Turnerheim und das Freibad am Schwimmbadweg gab es noch. Nicht zu vergessen die Kleiderfabrik am Schindberg war in Betrieb, die Stadt unterhielt öffentliche Waagen und auf dem Anger gab es Schweinemärkte. Die Gebietsreform war gerade drei Jahre vorüber und noch nicht überall verschmerzt.

Bei einer Bürgerversammlung in Seubrigshausen wurden Plakate mit den Aufschriften "Freiheit für Seubrigshausen" oder "Kernstadt hui, Stadtteile pfui" gezeigt. Auch daran erinnert sich Schmitt: "im Stadtrat war vor mehr als 40 Jahren eine gewisse Anzugsordnung die Regel, zum Reden stand man auf. Nach den Sitzungen gingen alle zur Nachsitzung, ich betone alle, in eine der örtlichen Gaststätten." Die Stadtverwaltung hatte einen Kegelclub. Dort lernte er die Sparkassenangestellte Margarete Dotterweich kennen. Sie heirateten 1978.

Ganz genau erinnert sich Wilhelm Schmitt an den 11. November 1989. Nach der Grenzöffnung erreichte eine größere Kolonne von Trabis die Stadt. Als Kämmerer hatte er die Aufgabe, den Besuchern ihr Begrüßungsgeld in Höhe von jeweils 100 DM auszubezahlen. An diesem Samstag hatte das Rathaus eigentlich geschlossen und die Banken sowieso. Schmitt besorgte dank guter Drähte zur Raiba zuerst 25 000 DM, die aber nicht reichten. "Dieser Tag war das nachhaltigste Erlebnis in meinem Berufsleben überhaupt" sagt er.

Auf Anweisung des damaligen Bürgermeisters Ferdl Betzer wechselten zum 1. April 1996 drei Amtsleiter ihre Posten. Schmitt war nach 21 Jahren als Kämmerer plötzlich Leiter des Ordnungsamtes und auch Standesbeamter. Betzer ging vier Wochen später in Pension. 1998 dann der nächste Wechsel: Schmitt wurde Chef des Bauamtes. Dauerthemen waren hier die Altstadtsanierung und die Gestaltungssatzung. Rund 25 Millionen Euro wurden in die Sanierung und den Ausbau der Wasserversorgung sowie die Sanierung der Abwasseranlagen investiert. Das Deutschordensschloss wurde saniert und danach das Museum wiedereröffnet. In seine Zeit als Bauamtsleiter fielen auch die Sanierung des Dicken Turmes und des Oberen Tores. Ende 2006 räumte er seinen Schreibtisch, feierte anschließend Überstunden und Urlaub ab und ging zum 31. März 2007 in Pension.

Die Tätigkeit als Amtsleiter im Rathaus ist nur eine Facette im Leben des Wilhelm Schmitt. Bei der Städtepartnerschaft mit Stenay war er von Anfang an mit dabei, beim Heimatsspiel macht er seit vielen Jahren mit, ist im Aufsichtsrat der Bürgergenossenschaft und im Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde. In der Liedertafel ist er seit Jahrzehnten ein wichtiger Aktivposten, nicht nur als Sänger. Außerdem ist er Beisitzer im Vorstand des Vereins Bürgerbad, "denn der Erhalt des Hallenbades ist mir trotz der unverständlichen Beschlussfassung, das Bad abzureißen, ein persönliches Anliegen." Damit hat sich die Frage, ob die Integration des aus Rheinland-Pfalz Zugereisten gelungen ist, fast schon erledigt. Nur eines fehlt noch: sein Wirken im Elferrat der Kolpingfamilie: 1988 ging er als Parkwächter in die Bütt, anschließend bis heute als "Mürschter Nagel mit Kopf". Seine Büttenreden sind bei den Zuhörern beliebt und bei Lokalpolitikern manchmal gefürchtet.