Mathematik steht auf dem Stundenplan in der Tabletklasse der 6. Jahrgangsstufe am Münnerstädter Schönborn-Gymnasium. Nicht der Mathelehrer Sebastian Hardt erklärt einen Leitsatz zur Multiplikation von Brüchen, es sind die Schüler selbst. In ihren Gruppen diskutieren sie zuerst die beste Formulierung und die geeignete Präsentation auf dem Tablet. Ein Gruppensprecher beamt das Ergebnis schließlich an die Tafel und stellt es vor, während Sebastian Hardt hie und da eine kleine Korrekturanregung gibt, und sei es nur, weil ein Komma fehlt.

Lernen, Eigeninitiative und Kreativität gehen hier Hand in Hand. Und die Schüler scheinen Spaß zu haben. Trotz lockerer Lernatmosphäre wirken alle konzentriert.

Im Schuljahr 2018/2019 wurde erstmals eine Tabletklasse in der Jahrgangsstufe 5 angeboten. Schüler, Lehrer und Eltern haben also mittlerweile einiges an Erfahrung mit dem neuen Unterrichtsmodell gemacht. Die Meinungen dazu sind rundweg positiv, wobei es keine Aussage darüber gibt, ob das Lernen in einer Tabletklasse besser ist. "Es ist anders", heißt es unter den Lehrern. "Die Kinder haben nicht bessere Noten, aber sie lernen andere Kompetenzen und zeigen viel Enthusiasmus dabei", sagt Kristina Pedersen, deren Sohn Rasmus in die 6. Tabletklasse geht. Sie ist selbst Fachinformatikerin und weiß, dass es heutzutage wichtig ist, dass die Kinder früh lernen mit Technik umzugehen. Was sich in einem digitalen Umfeld nicht ändert: Vokabeln lernen und Mathe üben bleibt keinem Schüler erspart. Die Lehrer beobachten aber bei den Kindern, dass das Lernen noch individueller an den jeweiligen Lerntyp angepasst wird.

Die Entscheidung, die Tabletklasse schon in der 5. Jahrgangsstufe an zu bieten, hat sich aus Sicht der Lehrer bewährt. In diesem Alter sei die Lust am Neuen viel höher als in einem Alter, in dem die Pubertät bereits eingesetzt hat, sagt Sebastian Hardt. Der digitale Wandel im Elternhaus beginne ungefähr im Alter von neun Jahren, erläutert Schulleiter Peter Rottmann. Meist bekommen Kinder in diesem Alter ihr erstes Smartphone. Somit sei es sinnvoll, bereits mit der 5. Klasse den Tablet-Unterricht anzubieten. Er hat den Eindruck, dass die produktiv-kreative Energie der Kinder gestärkt wird. Die Kinder hätten Gefallen am selbstständigen Arbeiten, bei dem der Frontalunterricht nicht mehr im Mittelpunkt steht, ist eine Erfahrung der Lehrer.

Wissenschaftliche Begleitung

"Wir sind sehr weit vorne dran", betont Studiendirektor Andreas Keim. Deshalb wird das Modell auch von der Universität in Würzburg wissenschaftlich mitbegleitet. Tablets werden nicht nur zur Recherche und als Buchersatz genutzt, sondern auch als Heftersatz. Dank eines dazugehörigen Stiftes können die Schüler direkt auf das Display des Flachrechners schreiben und bekommen so ihren Eintrag, der zudem sehr variabel gestaltbar ist.

Sebastian Hardt verschweigt aber nicht, dass es in der 5. Klasse erst einmal länger dauert, das Stoffpensum zu bewältigen als im traditionellen Unterricht. Aber das gleiche sich wieder aus, je mehr Übung Schüler wie Lehrer mit der neuen Lehr- und Lernform bekommen. Auffallend war nach Ansicht der Lehrer, wie schnell die Kinder sich in die Arbeitsweise eingearbeitet haben. "Die Medienkompetenz ist schon in den ersten drei Wochen explodiert", so stellvertretender Schulleiter Jens Hupfer. Was das Wissen um Datenschutz, Nutzung von Passwörtern und Internetregeln angeht, seien die Schüler der Tabletklassen auch älteren Schülern oftmals voraus.

Rasmus Pedersen ist in der 6. Tabletklasse und fühlt sich hier richtig aufgehoben. Fehler ließen sich im Tablet leicht korrigieren und sind dann im Eintrag auch nicht mehr sichtbar, sagt er. Das sei viel besser als beim klassischen Hefteintrag. Und er findet positiv, dass er keine kopierten Blätter mehr bekommt. Alles, was der Lehrer ihnen an die Hand gibt, wird direkt auf das Tablet hochgeladen und ist im System schnell zu finden. Cora Söder schätzt an ihrem Tablet, dass sie viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten bei ihrem Tablet hat als beim Hefteintrag.

"Ich finde die Tabletklasse gut und würde Rasmus immer wieder in die Tabletklasse schicken", sagt die Mutter von Rasmus, Kristina Pedersen. Er habe zwar anfangs immer mal versucht, Sperren zu umgehen, um zu spielen, aber das habe sich gebessert. Befürchtungen, die viele Eltern zu Beginn hatten, dass die Kinder verlernen zusammen zu arbeiten oder die Kommunikation von Mensch zu Mensch verlernen, hätten sich nicht bestätigt.

Praktische Vorteile

Und es hat viele praktische Vorteile: "Wenn ich früh die beiden Büchertaschen meiner Kinder an die Tür stelle, fühlst du den Unterschied: Die von Ronja ist sehr schwer, Rasmus dagegen hat ein Tablet, ein Mäppchen und einen Block dabei." Rasmus hat zwar auch einen Büchersatz zuhause, hat aber auf dem Tablet immer alle Bücher und Unterlagen dabei.

Natürlich lasse sich Rasmus leicht ablenken und "wo wir früher Zettelchen geschrieben haben, schreiben die Kinder sich heute Messages", aber die Lehrer können bestimmt Apps sperren und sich jederzeit auf die Tablets aufschalten, sagt die Mutter.

Positiv findet Kristina Pedersen, dass die Sucherei nach Mitteilungen und Zetteln jetzt ein Ende habe, denn es ist alles in Notizen gespeichert, und auch Schulaufgaben oder andere Proben, die man früher unterschrieben hat und abgeben musste, könne man jetzt jederzeit noch einmal mit dem Kind anschauen. Auch wenn das Kind krank ist, müsse man nicht warten, bis ein Schulkollege die Unterlagen schickt. Die Technik macht es möglich, dass die Inhalte der verpassten Stunde direkt aufs Tablet geschickt werden. Stundenlanges Nachschreiben entfällt.

Praktisch sei auch, dass sie für ihn keine 35 Euro für einen Atlas ausgeben musste, wie bei Ronja, sondern einfach für 3,99 Euro ein Jahresabo hatte. Und wenn der Elfjährige wieder Geografie hat und einen benötigt, kann man das einfach wiederholen.

Elementar für das digitale Klassenzimmer sei aber ein schnelles Internet, erinnert Jens Hupfer. Ohne Glasfaser funktioniere das auf Dauer nicht. Denn schon jetzt sei man am Limit. Man hofft, dass die Technik zügig in der Region zur Verfügung gestellt wird.