Eine interessante und spannende Zeitreise hat Thomas Hahn, Leiter der Wohneinrichtungen in Maria Bildhausen, bei seinem Vortrag "90 Jahre Einrichtung für behinderte Menschen" in der Abtei in Maria Bildhausen am Wochenende mit den zahlreichen Gästen unternommen. Gegliedert in vier Abschnitte berichtete er über Erwerb und Ausbau zum Klostergut, Versorgungsanstalt für Taubstumme und die Zeit des Nationalsozialismus, Nachkriegszeit und Stillstand und Sanierung und Ausbau zur zeitgemäßen Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Diesmal allerdings ging er speziell auf die Zeit um 1929 ein. Der Grund: Die Geschichte des Zisterzienserklosters endete im Jahr 1803. Dazu hatte der Referent einen Grundriss aus dieser Zeit mitgebracht. Am 3. Mai 1803 wurde der letzte Abt des Klosters, Nivard Schlimbach aus Althausen bei Königshofen im Grabfeld, von einem kurfürstlich bayerischem Kommissär vertrieben. Der Abt wohnte bis zu seinem Tod 1812 im Rindhof.

Zustand der Klosteranlage

Das Kloster wurde verkauft und wechselte mehrmals den Besitzer. Der Bildhäuser Wald, immerhin 8000 Hektar, blieb im Staatseigentum, ebenso das Abteigebäude. Heute unverständlich: 1826 wird die Klosterkirche abgebrochen, das Inventar, Altäre, Messgegenstände und Messgewänder erwarben Kirchengemeinden aus den heutigen Landkreisen Rhön-Grabfeld, Bad Kissingen und den Haßbergen. Zahlreiche Bilddokumente gaben beim Vortrag dann einen Einblick in den Zustand der Klosteranlage in dieser Zeit. So konnte man unter anderem die Außenmauern der großen Klosterkirche noch erkennen. Heute erinnert nur noch ein Glockenturm daran. 1897 erwirbt Pfarrer Dominikus Ringeisen das Kloster. Kurz streifte Thomas Hahn die Geschichte des Geistlichen und seine Vorstellungen. So ist bekannt, dass gerade in Bildhausen der von ihm in den Vordergrund gestellte Grundsatz des "Arbeitens" von Anfang an zum Tragen kam. Es war die Zeit, als die Behindertenhilfe staatlich noch nicht abgesichert war. Bildhausen entwickelte so zu einer fast autarken Gemeinschaft.

1899 wurde eine Feldscheune am Rindhof umgebaut, und es entstand auch eine Hauskapelle in der ehemaligen Klosterbibliothek, dem heutigen Haus Maria. Am 27. August 1900 zogen die ersten 14 Schwestern der St. Josefskongregation ein. Hinzu kamen 79 Postulantinnen und Kandidatinnen, fünf freiwillige Mitarbeiter, 37 männliche und 23 weibliche Bewohner. In den kommenden Jahren wurde eine Sägemühle, eine Ziegelei und Wäscherei errichtet, und es gab elektrischen Strom. Ende 1913 waren zwei Priester im Kloster, 100 Ordensschwestern, 17 Mitarbeiter und 87 Bewohner. Es kam der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit. 1926 kamen die ersten Menschen mit geistiger Behinderung hinzu, womit die Geschichte der Wohngruppen für Menschen mit Behinderung begann. 1938 wohnten 130 Schwestern in Bildhausen, 180 Betreute und 18 Arbeiter. Bildhausen war damals landwirtschaftlich geprägt. Thomas Hahn berichtete von 26 Pferden, 226 Rindern, 388 Schweinen, 435 Stück Federvieh und 40 Bienenvölker.

379 behinderte Menschen getötet

Es kam der Zweite Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus. Hier ging der Referent auf die schweren Zeiten, besonders die Leiden der Menschen mit Behinderung ein. Insgesamt wurden in Ursberg und den Filialen 379 behinderte Menschen getötet. An sie erinnert das Euthanasie-Mahnmal in Maria Bildhausen. Über die Nachkriegszeit gibt es kaum Dokumente. Das Klostergut entwickelte sich weiter, allerdings stagnierte die Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Der dritte Abschnitt des Vortrags - 1946 bis 1975 Nachkriegszeit und Stillstand - brachte in Maria Bildhausen ab 1957 viele Baumaßnahmen und Veränderungen. Im vierten Abschnitt - Sanierung und Ausbau zur zeitgemäßen Einrichtung für Menschen mit Behinderungen - beleuchtete Thomas Hahn die jüngste Vergangenheit bis zur Gegenwart.

Staatlich betriebene Akademie

Hier stellte er besonders die Generalsanierung ab 1976 und personelle Veränderungen heraus, die das Gesicht des Klosters nachhaltig veränderten. 1986 entstand der neue Wohn- und Therapiebereich, der Golfplatz im Jahr 1996, ebenso das Biomasseheizwerk, und die Einrichtung öffnete sich nach außen. 2017 wurden die letzten drei Ordensschwestern der St. Josefskongregation aus Maria Bildhausen abgezogen, die Gebäude und Liegenschaften gingen an das Dominikus Ringeisen Werk. Der leerstehende Gebäudekomplex soll künftig als eine staatlich betriebene Akademie für Sozialberufe, Pädagogik und Ehrenamt genutzt werden. Bewohner von Maria Bildhausen leben heute auch außerhalb, und zwar in Bad Königshofen, Münnerstadt und Bad Brückenau. Die Zukunft sieht die Sicherung der Aufnahmefähigkeit und Attraktivität der Betreuungsangebote vor. Nach wie vor ist Maria Bildhausen Lebensraum für Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen.