Der Kunstverein in Bad Neustadt benötigt Spenden, um die neuen Räume in der Bauerngasse umzubauen. In den nächsten Wochen soll möglichst viel zusammen kommen, denn je mehr der Kunstverein aufbringen kann, desto höher fällt der Zuschuss der Europäischen Union für das Vorhaben aus. "Sie spenden, die EU verdoppelt", lautet daher der Slogan der aktuellen Spendenkampagne. Mit einem Benefizabend für die Kunst haben 16 Künstler im Kloster Wechterswinkel für einen "Aha-Effekt" gesorgt.

Schon der Titel des Schauspiels "Das kreative Potenzial der Ungewissheit", das in fünf Akten angekündigt wurde, sorgte für Neugier. Dr. Annette Roggatz, die die Idee für diesen außergewöhnlichen Abend hatte, freute sich, dass das Haus voll war. "Sie sind schon mitten drin im ersten Akt. Es ist die Bühne des Ankommens." Unversehens fand sich das Publikum selbst als Akteur wieder. 

Das Potenzial der Ungewissheit hat kein Drehbuch, keine vorgegebenen Texte und Noten, im Gegenteil, die Ungewissheit ermöglicht Freiheit und Entwicklung. So nahmen die Besucher nach und nach im großen Saal Platz. Der zweite Akt begann. Roggatz lachte: "Eigentlich hätten sie alle noch draußen im Foyer bleiben können." Da aber die meisten schon saßen und sich mit Getränken eingedeckt hatten, wurde die Präsentation "Ein ganz konkretes Beispiel aus dem Leben: Der Kunstverein" kurzerhand im großen Saal vorgenommen.

"Wir sind alle Teil einer flexiblen Wirklichkeit", erklärte Annette Roggatz und entführte mit Eva Warmuth in die Geschichte des Kunstvereins. In der Villa am Donsenhaug war der Verein 15 Jahre beheimatet. "Es war die Kindheit des Kunstvereins. Da konnten wir wachsen. Jetzt müssen wir erwachsen werden." Die Suche nach neuen Räumlichkeiten habe kreatives Potenzial und Vertrauen freigesetzt, so sei Unterstützung von neuen Seiten gekommen und der Verein habe nun die Chance, sich ganz neu aufzustellen.

Atelier und Galerie in der Bauerngasse sollen so umgebaut werden, dass ein künstlerischer Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen und Altersstufen entsteht, der ein außerschulisches künstlerisches Bildungsprogramm in Kooperation mit den unterschiedlichsten Partnern anbietet. "Übungsleiter der Künste", nannte es Roggatz, um Menschen Möglichkeiten zur persönlichen Weiterbildung zu geben und hinauszugehen in die Gesellschaft. Eine Kinderakademie, Meisterkurse oder auch spontane Aktionen, denkbar ist alles. "Neue Formate sollen die Kunst in die Region bringen", so Roggatz.

Über ein Förderprogramm der EU stehen bis zu 50 000 Euro für den Kunstverein bereit, allerdings nur, wenn der Verein eine Finanzierung in gleicher Höhe nachweisen kann. Derzeit habe der Kunstverein 15 Prozent der nötigen Eigenmittel, die fehlenden 35 Prozent sollen über Spenden in den nächsten Wochen erzielt werden. Die Sparkasse Bad Neustadt machte mit 2000 Euro aus der Sparkassenstiftung den Anfang.

Damit war die Bühne frei für den dritten Akt des Abends die "Erforschung der Ungewissheit: Reflektion". Roggatz philosophierte über das Potenzial des Chaos und den berühmten Flügelschlag eines Schmetterlings , der alles verändere. Die Quantenphysik eröffne neue Räume und andere Wirklichkeiten, in denen die alten Sicherheiten keinen Halt mehr geben. Die große Herausforderung sei es, im Umgang mit der Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben. "Wie mit dem umgehen, was nicht vorhersehbar ist?" Antworten könne die Kunst geben.

Wie das aussehen kann, haben an dem Abend  vier Tänzer, vier Musiker und acht Künstler an Overheadprojektoren vor den Augen und Ohren des Publikums experimentell erprobt. Das kreative Potenzial der Ungewissheit begann in Ko-Kreation mit dem Publikum. Der Satz: "Ich wachte auf und trug einen Panzer aus Schmetterlingen" wurde Satz für Satz vom Publikum zu einer Geschichte fortgeschrieben.

Diese Geschichte wurde von den Tänzern (Conny Braun, Christine Breitenbücher, Elisabeth Mehler, Annette Roggatz) in Form eines skulpturalen Tanzes auf der Bühne erlebbar gemacht. Die Sätze unterschiedlich artikuliert und moduliert schufen eine Atmosphäre, die von den Musikern (Markus Bauer, Percussion; Matthias Eichele Piano; Robina Huy, Cello; Martin Beyerle, Querflöte) aufgegriffen und fortgeführt wurde.  Es war ein Miteinander der Sprecher, Tänzer und Musiker, das durch die spontane Lichtperformance an Overhead-Projektoren (Bettina Dod, Manuela Friedel, Gerti Gerlach, Csaba Horovitz, Christine Köhler, Marieke Meinhard, Vanessa von Scholz, Marthy Steller-Vrolyk, Eva Warmuth) vervollständigt wurde. Die Künstler an den Projektoren arbeiteten mit farbigen Folien und unterschiedlichen Gegenständen, die ihre ganz eigenwilligen Schatten warfen. So entstand ein Schauspiel, das faszinierte und die Frage "Was bin ich?" immer wieder neu aufwarf und letztlich mit dem Wort "Vogelfrei" die Frage nach dem kreativen Potenzial der Ungewissheit beantwortete. Weitere Informationen zum Projekt unter: www.kunst-nes.de